"Webers "Freischütz" in Essen

Opernpremiere in Essen : Die Wolfsschlucht in uns

Die Regisseurin Tatjana Gürbaca inszeniert Carl Maria von Webers „Freischütz“ in der Aalto-Oper.

Der „Freischütz“ hat in jüngerer Zeit nur noch vereinzelt rumgeballert. Viele sind Carl Maria von Webers Oper mit ihrer seltsamen Schauerthematik und triefenden Moral leid; auch die einschlägigen „Freischütz“-Parodien locken keinen Hund mehr hinterm Ofen hervor. Schon Heinrich Heine hatte ja für den Chor vom „Jungfernkranz“ nichts als Spott übrig gehabt. Bis heute muss der „Freischütz“ mehr Mäntel tragen, als seine schmächtigen Schultern aushalten: erste deutsche Nationaloper. Patriotische Selbstvergewisserung nach den Napoleonischen Kriegen. Verführerische Geisterwelt. Idealisierung der bürgerlichen Liebe. Klingende Geburtsstunde der romantischen Oper.

In Essen wird einem jetzt drastisch eingebläut, dass die Oper deutlich mehr subversive Momente und Unterströmungen besitzt, als es die „Wolfsschlucht“ nahelegt (jene Geisterzone des zweiten Aktes, in der unter Assistenz des Teufels die berüchtigten Freikugeln gegossen werden). Tatjana Gürbaca, die Regisseurin, zeigt uns das Gegenteil einer fidelen Gesellschaft, deren Glückskurve in hörnerverschallten Jägerchören und heimischen Bastel- und Näharbeiten gipfelt. Diese Leute haben in ihrem isolierten böhmischen Dorf den Dreißigjährigen Krieg traumatisiert hinter sich gebracht, sie sind verbraucht, an Leib und Seele verwundet. Sie schleppen Aggressionen unter ihrer dünnen Haut mit sich und sind bereit, die nächste Gelegenheit zur Triebabfuhr zu nutzen.

Zugleich zeigt Gürbaca uns die Menschen als verzagte Träumer, die ihre Sehnsucht auf Zaubersprüche und Beschwörungsrituale richten – und am lieben Gott verzweifeln, so wie es Max in seiner ersten Arie tut. Irgendeiner hat „Gott“ falsch herum in Spiegelschrift an eine Schieferwand geschrieben.  Wie sehen lauter Scherenschnitte von Häusern, auf denen astronomische Berechnungen und mathematische Gleichungen stehen. Man liest auch das rätselhafte „Sator-Quadrat“, ein vierfaches Palindrom, das früher als magische Formel gegen Seuchen galt.

Diese Welt, ein wahres Potemkinsches Dorf (Bühnenbild: Klaus Grünberg), ist grau, glanzlos, bigott, von der Zukunft erhofft niemand sich etwas. Auch Max, der positive Held, siedelt beizeiten auf die dunkle Seite der Macht über, nicht nur bei der Herstellung ballistisch todsicherer Kugeln, sondern auch bei der fäustlichen Attacke auf Kaspar, der zwar einerseits ein Krimineller, andererseits ein armes Schwein ist, denn er, der Loser vom Dienst, liebt Agathe ohne Aussicht. Die hingegen muss als Braut derbe Streiche der Dorfjugend ertragen und steigt einmal sogar halstief in ein Wasserloch. Vorher malte sie einem ihrer Bilderrahmen-Vorfahren ein Bärtchen ins Gesicht, das ihn wie jenen Mann aussehen lässt, der in später Nachfolge des „Freischütz“-Nationalismus Eisenbahn-Waggons zu fürchterlichen Orten fahren ließ.

Ja, Hitler kommt hier natürlich vor, weil von der Wolfsschlucht in Tatjana Gürbacas Auffassung ein direkter Weg zur Wolfsschanze führt. Es ist bedauerlich, dass eine so erfahrene, kluge Künstlerin diesen billigen Reflexen nicht widerstehen kann. So große Momente der Abend hat, so sehr verwirrt er. Außerdem gibt Gürbaca (die offenbar 2020 den neuen Bayreuther „Ring“ inszenieren soll) abermals ihrer Neigung nach, bei unschuldigen Menschen schwere psychiatrische und neurologische Defekte zu diagnostizieren. Klar, die Leute sollen uns toten- und teufelstanzend die Wolfsschlucht des Alltags zeigen – aber dass das in Voodoo-Zappelei oder in ein Chorea-Huntington-Vollbild ausartet, ist arg übertrieben.

Zu anderer Gelegenheit lassen sich alle Leute von multisexueller Wolllust treiben (jede/r auf/unter/über hinter jedem/r). Agathe onaniert verzückt mit Maxens Gewehrslauf.  Der dritte Akt dagegen bleibt überraschend blass, aber das liegt auch am Stück. Die Finalszene findet hinter der Regenflut auf einem völlig entbehrlichen Gazeschleier statt. Max’ Freischuss selbst fliegt durch die Stille einer Weltkriegsbombennacht, ein Haus fällt um und kippt nach vorn, und am Ende streben Eisenbahnschienen einem Horizont zu. Ist es der Himmel? Oder ist es Auschwitz? Ach, was weiß denn ich.

So zerbröselt das Schöne, Kluge ihrer Inszenierung unter Gürbacas Deutungsholzhammer, und man verlässt die Produktion mit eher unguten Gefühlen. Musikalisch geriet sie ebenfalls durchwachsen. Dirigent Tomás Netopil bekam die Balance mit der Bühne nie in den Griff, der Chor rannte ihm davon, Maximilian Schmitts Max enttäuschte ebenso wie Jessica Muirheads Agathe, die allenfalls in der Mittellage gefiel. Nur das Ännchen von Tamara Banjesevic erinnerte an das früher erlesene Niveau der Essener Oper.

Wie gesagt: „Der Freischütz“ ist vorerst nicht zu retten. Seine Flinten gehören in die Asservatenkammer.

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