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Esbjörn Svenssons letzte CD: Vermächtnis eines großen Jazzers

Esbjörn Svenssons letzte CD : Vermächtnis eines großen Jazzers

Stockholm (RP). Vor einigen Wochen starb der berühmte schwedische Jazzpianist Esbjörn Svensson an den Folgen eines mysteriösen Tauchunfalls. Jetzt erscheint die Vermächtnis-CD seines Trios e.s.t. unter dem Titel "Leucocyte" – sie wirkt wie eine unüberhörbare Prophezeiung.

Stockholm (RP). Vor einigen Wochen starb der berühmte schwedische Jazzpianist Esbjörn Svensson an den Folgen eines mysteriösen Tauchunfalls. Jetzt erscheint die Vermächtnis-CD seines Trios e.s.t. unter dem Titel "Leucocyte" — sie wirkt wie eine unüberhörbare Prophezeiung.

Erst seit kurzem wusste er, wie schön die Welt unter Wasser ist, wie einsam und entrückt, kalt und gefährlich. Diese Welt reizte ihn, sie war eine höllische Versuchung. Im vergangenen Jahr hatte der schwedische Jazzpianist Esbjörn Svensson, Kopf des weltbekannten Trios e.s.t., den Tauchschein gemacht, er liebte den Übertritt in die andere Welt.

Vor einigen Wochen erlitt die Jazzwelt einen Schock: Svensson war beim Tauchen in den Schären Stockholms ertrunken. Sein Körper wurde reglos am Meeresboden gefunden, in der Nähe des Stegs. Die schwedische Zeitung Svenska Dagbladet schrieb, er sei "schwer verletzt" und jeder Wiederbelebungsversuch erfolglos gewesen. Die Welt der Jazzfreunde trauerte um eins ihrer Genies.

Heute erscheint die letzte CD von e.s.t., die bei der Australien-Tournee im Frühjahr aufgenommen worden war, und sie endet — grausig, aber wahr — mit der Musik eines Todes unter Wasser. Schon ihr Titel ist verwirrend. Sie heißt "Leucocyte", das sind die beweglichen und sich selbst erneuernden weißen Blutkörperchen, die als Hauptwaffen des Immunsystems gegen Eindringlinge im Körper vorgehen. Diese Elemente des Schutzes sind auf der CD "Leucocyte" machtlos. Hier stirbt ein Mensch ohne jede Hilfe von innen oder außen. Es ist ein nasser Tod. Hat er mit Svenssons eigenem Tod zu tun? Ist die CD eine Ahnung oder womöglich eine Ankündigung? Oder ist alles Zufall?

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Wer die Musik genau wahrnimmt, kann Unheimliches nicht überhören. Gegen Ende der CD hören wir einen mehrsätzigen Zyklus über das Leben. Es beginnt schon im Satz "Ab Initio" mit schaurigen Verfremdungen, mit einem wahnsinnigen Level an jazzfremden Einblendungen und Übermalungen. Im Satz "Ad Interim" tritt das Leben in die Stille eines Leichenschauhauses; 60 Sekunden lang hört man nichts, tatsächlich nichts.

Dann folgt der unheimlichste Satz, "Ad Mortem". Der Tod kommt ins Spiel, er blubbert an die Wasseroberfläche, schreit mehrfach, doch keiner kann dieses Schreien hören. In der Ferne dreht ein Verrückter an einem Transistorradio. Die Musik hält den veränderten Druckverhältnissen nicht stand, sie dekompensiert. Sie ist eine einzige Verzerrung (die sich im Stück "Contorted" bereits angekündigt hatte). Am Ende haucht sie ihren Atem aus, es ist ein konsequenter Exitus, Totenglocken hallen nach, die Säfte stocken.

Geht es zu weit, einen Zusammenhang zwischen dem realen Tod von Esbjörn Svensson und dieser Platte zu sehen? In Schweden stieg die These vom Suizid bald auf, wurde von den einen brüsk verworfen ("Er war doch so lebenslustig"), von anderen dumpf bejaht ("Diese Vitalität war nur eine Maske"). Was bedeutet der Titel genau? Litt Svensson an einer Leukämie, also einer bösartigen Veränderung der weißen Blutkörperchen? Fest steht, dass die CD Prophezeiung und Realität fast suggestiv synchronisiert.

Ein weiteres Stück des Albums heißt "Premonition" (Vorahnung), dort trommelt das Schlagzeug wie wild auf jeden Lebensgeist ein, bis sie ihn unter gleichmäßigen Metren zertrümmert hat. In "Decade" (Jahrzehnt) schildert die Platte den musikalischen Weg, den e.s.t. bislang gegangen war; und in der viermütigen Einblendung "Jazz" (dem einzigen Stück, das seinen Titel als genuinen Nachweis künstlerischer Herkunft verdient) scheint es, als werde die glorreiche Vergangenheit noch einmal beim Namen genannt und zum Klingen gebracht.

Die Gegenwart hat nur noch Bilder — und die Fotos, die e.s.t. kurz vor Svenssons Tod noch hatte machen lassen, sind nicht minder gespenstisch. Die Musiker hocken wie kalkweiße Engel im Rund; einmal sitzt Svensson im Vordergrund und schreit in die Kamera, als sitze er einem modernen Edvard Munch Modell. Auf einem anderen Foto ist sein Antlitz schemenhaft zu sehen, als befinde es sich unter Wasser. Vollends befremdlich das Cover: Es zeigt den Schriftzug "Leucocyte", der in mehreren Zeilen verschwimmt, als werde Wasser über die Buchstaben gespült.

Fragen über Fragen. Nur einer könnte sie beantworten. Doch der ist verstummt, und die genauen Ergebnisse der Obduktion werden geheim gehalten. So bleibt "Leucocyte" eine schwer zu ergründende Botschaft — und ein Mysterium.

(RPMANTEL)