Udo Jürgens stirbt mit 80: Der Mann, der Deutschland aus der Seele sang

Udo Jürgens ist tot : Der Mann, der den Deutschen aus der Seele sang

Mit 80 Jahren ist Udo Jürgens am Sonntag an Herzversagen gestorben. Seine Lieder haben einen festen Platz in der Kulturgeschichte.

Das Glück ist ein flüchtiger Vogel, hat Udo Jürgens noch unlängst gesagt. Zeitlebens ist er dem Glück hinterher gejagt, ruhelos, voller Leidenschaft, hat daraus seine kreative Kraft bezogen und wurde mit der nicht enden wollenden Liebe seiner Fans belohnt. Jetzt hat es Jürgens dann doch einmal verlassen, das Glück, und der Schock darüber könnte nicht größer sein bei denen, die er zurücklässt.

Am Sonntagnachmittag ist der 80-Jährige bei einem Spaziergang in Gottlieben in der Schweiz bewusstlos zusammengebrochen. Sofortige Wiederbelebungsmaßnahmen blieben erfolglos. Um 16.25 Uhr ist der Sänger, wie sein Management mitteilte, im Kantonsspital Münsterlingen an akutem Herzversagen gestorben.

Eigentlich hatte Jürgens für das kommende Jahr eine große Konzert-Tournee geplant. Keine Abschiedstournee, mehr eine Demonstration seiner ungebrochenen künstlerischen Energie. Abgesehen von einigen Alters-Wehwehchen fühle er sich fit, sagte er vor kurzem, nicht wie 80, sondern eher wie 51.

Und so sah er auch aus, kaum angegraut, immer noch ein jugendliches Blitzen in den Augen. Was nicht heißt, dass er sich nicht mit dem Altern auseinandergesetzt hätte. Alter sei nichts für Feiglinge, lautete sein Credo, sondern etwas für mutige Menschen, weil man wisse, dass es nicht mehr so wahnsinnig lange dauere.

Auch deshalb war er bislang nicht in der Lage, an Abschied zu denken. "Wenn du ein Abschiedslied, ein richtig gutes machst, dann muss man den Tod durchhören durch das Lied", sagte er vor seinem 80. Geburtstag. "Und darüber kann ich nicht singen im Moment."

Loslassen kam also für Udo Jürgens nie in Frage, war nie wirklich eine Option. Mehr als 60 Jahre stand er auf der Bühne, sang seine Lieder, begeisterte das Publikum, badete in Applaus. Rund 1000 Songs hat Jürgens geschrieben, mehr als 100 Millionen Tonträger verkauft. Und doch erreichte er niemals den Punkt, an dem es genug gewesen wäre. Genug Erfolg, genug Glück, genug Liebe.

Unter den deutschsprachigen Sängern war er der Ausnahmestar, der nicht nur alles selbst komponierte, sondern auch erfolgreiche Lieder schrieb für Shirley Bassey und Frank Sinatra. Letzterer gab das Stück "If I Never Sing Another Song" weiter an Sammy Davis Jr., der damit fortan seine Shows beendete — es gibt wahrlich schlechtere Adressen. Dreimal nahm Jürgens am Eurovision Song Contest teil, mit "Merci, Chérie" gewann er 1966 für sein Heimatland Österreich.

Als "Chansonnier deutscher Sprache" bewies Jürgens, dass Popmusik und geistiger Anspruch keineswegs Gegensätze sein müssen. Dafür verlieh ihm die Republik Österreich 1985 den Berufstitel "Professor" — und das, obwohl Jürgens längst in die steuerfreundliche Schweiz umgezogen war, wo der Millionär zuletzt in einer Villa am Zürichsee wohnte. "Als Komponist und Textdichter ist es Udo Jürgens gelungen, unvergessliche Melodien mit mal heiteren, mal nachdenklichen und philosophischen Texten zu vereinen", hieß es in der Laudatio, als er 2014 in Berlin für sein Lebenswerk vom Musikrechteverwerter Gema geehrt wurde.

Seine Lieder haben sich längst einen festen Platz in der deutschen Kulturgeschichte erobert. Evergreens wie "Griechischer Wein" (1974), "Ein ehrenwertes Haus" (1975), "Aber bitte mit Sahne" (1976), "Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an" (1978), "Ich war noch niemals in New York" (2001) sind nicht nur melodie-selige Gassenhauer, sondern illustrierten auch gesellschaftliche Themen, geistreich, kritisch, punktgenau. Jürgens hatte immer ein Gefühl für das, was die Menschen bewegt, er hat ihnen sozusagen aus der Seele gesungen und es geschafft, das in seine Kunst umzusetzen — die eines Erzählers, der seine Geschichten eben in Chansons verpackt.

Schon als Junge spielte der 1934 in Klagenfurt geborene Sohn der großbürgerlichen deutsch-österreichischen Familie Bockelmann Mundharmonika und Akkordeon, bald auch Klavier. Doch beinahe wäre in der ungeliebten Hitlerjugend die Musikerkarriere des Udo Jürgen Bockelmann verhindert worden: Damals bekam das junge Talent eine so brutale Ohrfeige, dass dadurch seine Hörfähigkeit auf einer Seite vermindert wurde. Krieg und Nachkriegszeit seien auch für ihn bedrückende Jahre gewesen, berichtete Jürgens 2004 in seinem Bestseller "Der Mann mit dem Fagott". Damals entstand wohl schon jenes "unstillbare Harmoniebedürfnis", zu dem Jürgens sich bekannte. Dem er doch immer wieder mit kritischen Liedtexten trotzte, einen Stachel trieb in die schunkelselige Wohlstandsgesellschaft — und die Menschen hörten ihm gerne zu.

Mit dem Song "Gehet hin und vermehret Euch" löste er 1988 sogar einen kleinen Skandal aus. Das Lied wurde als Angriff auf die Haltung des Vatikans zur Empfängnisverhütung gedeutet und bei vielen Rundfunkanstalten mit einem Sendeverbot belegt. "Man vergisst oft, dass ich in meinen Liedern mich doch oft bemüht habe, Haltung zu zeigen", sagt er in der TV-Doku "Der Mann, der Udo Jürgens ist". "Ich bin Unterhaltungsmusiker. Das beinhaltet auch das Wort ,Haltung'."

Auf der anderen Seite war da noch neben der Musik diese unbändige Lebenslust, dieses Abarbeiten an der Liebe, an den Frauen. Jürgens' Affären sind so zahllos wie legendär, wenn er auch mit zunehmendem Alter eher müde abwinkte. "Meine Geliebten waren aber immer zufrieden mit mir, die Ehefrauen weniger" war so ein Satz von ihm, ein anderer "Treue ist keine Frage des Charakters, sondern der Gelegenheiten". Jürgens war zweimal verheiratet, hat vier Kinder von drei Frauen und eben eine unbekannte Zahl von Liebschaften. Er machte keinen Hehl daraus, schien aber auch nicht sonderlich stolz darauf zu sein. Das Leben war halt so, wie es war, er habe sich schnell verliebt, sagte er, und sei immer gut damit gefahren — so gut, dass ihm niemand wirklich böse sein mochte.

Um das zu verstehen, musste man nur einmal bei einem seiner Konzerte sein und die Begeisterung der Fans erleben. Vor allem bei der schon ritualisierten Zugabe, "Merci, Chérie" im weißen Bademantel. Bei seinem ersten Konzert waren die Besucher darüber aus dem Häuschen geraten, und das blieb so bis zu seinem letzten. Udo Jürgens war ein Mann, der im weißen Bademantel auf der Bühne nie seine Würde verlor, ob als 30- oder als 80-Jähriger — und das sagt schon viel über ihn aus.

"Mitten im Leben" hieß das letzte Album, etwas kokett, sagen manche — aber es war doch eher Jürgens' feine Selbstironie, die den Titel diktierte. Nun wurde er mitten aus diesem Leben herausgerissen, und bei aller Trauer über diesen schmerzhaften Verlust ist der Tod doch genauso gnädig mit Jürgens umgegangen wie das Leben.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Udo Jürgens - Impressionen aus seinem bewegten Leben

(jis)
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