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U2 verschenken ihr Album "Songs Of Innocence"

"Songs Of Innocence" : U2 drängen den Fans ein Album auf

U2 verschenkt ihre Platte an 500 Millionen Kunden der Firma Apple. Die Aktion ist Auftakt einer Kooperation. Dieses Ereignis ist einzigartig – sowohl in der Geschichte der Rockmusik als auch des Marketings.

U2 verschenkt ihre Platte an 500 Millionen Kunden der Firma Apple. Die Aktion ist Auftakt einer Kooperation. Dieses Ereignis ist einzigartig — sowohl in der Geschichte der Rockmusik als auch des Marketings.

Die irische Band U2 hat ihr neues Album "Songs Of Innocence" von der Firma Apple an alle Nutzer der Musiksoftware iTunes verteilen lassen, gratis und zur selben Zeit. Weltweit 500 Millionen Menschen wurden beschenkt mit elf Songs der populärsten Gruppe der Welt. Fünf Wochen lang ist die Musik exklusiv bei Apple zu hören. Danach wird das Album als CD und LP veröffentlicht — je nach Edition mit vier bisher unveröffentlichten Bonus-Stücken.

Die Aktion ist ein neuerlicher Beleg dafür, dass der Überraschungseffekt inzwischen das wichtigste Marketing-Werkzeug für Superstars geworden ist. Im vergangenen Jahr stand das aktuelle Album der Sängerin Beyoncé an einem Morgen unerwartet bei iTunes, auch David Bowie stellte ohne Ankündigung neue Stücke auf die Downloadplattform. Die Aufmerksamkeit war jeweils immens, die sozialen Netzwerke brummten, auch die Zeitungen berichteten tags drauf ausnahmslos. Künstler können so das Marketing beeinflussen, platt gesagt: Sie erhöhen den Erregungsgrad und minimieren die Werbungskosten. Von Bowie abgesehen ließ jeder Künstler auf die Veröffentlichung eine Tournee folgen, und Konzerte sind seit einiger Zeit die größte Einnahmequelle des Pop-Adels. U2 wissen das besser als andere; ihre "360-Tour" ist mit 730 Millionen Euro Einnahmen die einträglichste bisher.

Auch U2 dürften sehr bald die Daten ihrer nächsten Tournee bekanntgeben. Was bei ihnen indes anders ist: Sie verlangen vom Hörer kein Geld mehr für ihre Musik. Das "Wall Street Journal" berichtet, Apple habe eine Pauschale für alle 500 Millionen Downloads an die U2-Plattenfirma Universal überwiesen. Die wiederum hofft, durch den Coup den Verkauf der vorangegangenen zwölf Alben der Gruppe ankurbeln zu können. Obwohl U2 mit Coldplay und Metallica zu den umsatzstärksten Bands gehört, wäre es auch für sie nicht mehr so einfach, ein reguläres Album an den Fan zu bringen. "All That You Can't Leave Behind" (2000) verkaufte sich 4,4 Millionen Mal in den USA. "How To Dismantle An Atomic Bomb" wollten vier Jahre später 3,3 Millionen Amerikaner haben. "No Line On The Horizon" (2009) besitzen 1,1 Millionen Menschen in den USA. Und obwohl die letzte U2-Single vor wenigen Wochen ebenfalls zum freien Download bei iTunes bereit stand, erreichte "Invisible" lediglich Platz 48 der Charts.

Bono war mit Jobs befreundet

Für U2 dürfte sich der Deal also auszahlen. Zumal Bono, der Kopf der Band, am Dienstag mit gewohntem Pathos versicherte, er werde gut bezahlt: "Ich glaube nicht an Gratis-Musik. Musik ist ein Sakrament." Bono war mit Apple-Gründer Steve Jobs befreundet. Und 2004 brachte Apple eine Sonder-Edition des iPod auf den Markt. Sie war mit den Unterschriften der Bandmitglieder geschmückt, und vorinstalliert wurde das damals aktuelle Album von U2. Es wird weitergehen: U2 hat sich auch mit künftigen Projekten an den Konzern aus Cupertino gebunden. Gestern hieß es auf der Band-Homepage: "Wir arbeiten in den nächsten Jahren gemeinsam an Innovationen, die die Art des Musikhörens und -sehens verändern."

Man kann das Bündnis von Unternehmen und Band nun für aggressiv halten und es unverschämt finden, ungefragt ein Produkt auf die Geräte der Verbraucher zu bringen. Noch fragwürdiger war die Aktion des Rappers Jay Z im vergangenen Jahr. Er stellte in Zusammenarbeit mit Samsung sein Album "Magna Carta Holy Grail" in einer App zur Verfügung, die jeder Besitzer eines Android-Handys des Konzerns gratis laden konnte. Wollte man auf die Musik zugreifen, wurde man um persönliche Angaben gebeten: Standort, Telefonierverhalten und so weiter.

1,2 Millionen Menschen luden das Album herunter. Vier Tage später kam es offiziell als CD auf den Markt und erreichte hohe Chartplatzierungen — unter anderem Platz eins in Großbritannien. Bei U2 muss man per Klick die Musik aus der Datencloud auf das jeweilige Gerät laden. Natürlich ist bereits das ein Eingriff, aber wer das Album nicht haben möchte, muss es nicht annehmen — die Lieferung funktioniert im Grunde wie ein Update. Dass Streamingdienste in die Inhalte der Clouds eingreifen können, sollte jedem Nutzer zuvor klar gewesen sein. Dem Büro des Datenschutzbeauftragten von NRW liegt denn bisher auch keine Beschwerde vor. Es verweist darauf, dass das Album-Geschenk als Werbeaktion im Rahmen der iTunes-Geschäftsbedingungen legal sei.

Man kann nicht absehen, wie sich dieses radikale Marketing — und nichts anderes ist diese Veröffentlichung — auf den Markt auswirken wird. Der Internet-Spott, da hätten sich zwei Veteranen zusammengetan, um so zu tun, als wüssten sie, was die Gegenwart ist, wirkt albern. Denn jeder der Beteiligten bekommt nun die Aufmerksamkeit, die er sich wünscht. Auch den Tod des Albums als Kunstform darf man nicht beschwören: "Songs Of Innocence" ist nicht bloß Tool, sondern durchaus gelungen, wenn auch im Werk von U2 keine Großtat.

Man hatte ja ein wenig Angst vor dieser Platte, weil U2 mehrere Produzenten verschlissen, Songs verwarfen und den Veröffentlichungstermin mehrfach verschoben. Sie engagierten schließlich Danger Mouse, den man von seiner Arbeit mit Gnarls Barkley ("Crazy") kennt. Außerdem mischten Paul Epworth (Adele, Coldplay) und Ryan Tedder (Taylor Swift) mit. Der Beginn ist rockig, U2 huldigen den Helden Ramones und The Clash, erzählen von der Jugend in Dublin. In der ersten Hälfte der Platte biedern sie sich ein wenig zu sehr an den Sound junger Kollgen wie The Killers an. Aber "Every Breaking Wave" ist wieder klassisches U2, und der Höhepunkt kommt am Ende: "The Troubles" mit dem Gesang von Lykke Li gehört zum Stärksten, was die Band in den vergangenen Jahren herausbrachte.

Wenn U2 so weitermachen, würde man beim nächsten Mal gerne wieder zahlen für ein neues Album.

(hols)