Trauer um den großen Jazzpianisten Jacques Loussier

Er mischte Bach und Swing: Trauer um den großen Jazzpianisten Jacques Loussier

Der französische Pianist Jacques Loussier ist im Alter von 84 Jahren verstorben. Er galt als Wegbereiter des Crossover. Eine Würdigung.

Von Johann Sebastian Bach gibt es eine wundervolle Orgelfuge, sie steht in g-Moll und hat die Nummer BWV 542. Unter Organisten heißt sie liebevoll die „Kaffeewasser-Fuge“ – weil das Thema mit dem lustigen Text „Das Kaffeewasser kocht, das Kaffeewasser kocht“ gesungen werden könnte. Bach klingt ja in wirklich jeder Version, selbst wenn er auf vier Kämmen geblasen würde.

Und dann kam dieser Mann, nahm sich diesen Bach und diese Fuge vor und transferierte alles in eine neue Welt: in den Jazz. Er ließ die Musik swingen, sie bekam Drive, der Kontrabass erfand eine neue pulsierende Basslinie, und das Schlagzeug gab den Heizer.

Als Trio wurden Jacques Loussier am Piano, Pierre Michelot am Kontrabass und Christian Garros am Schlagzeug eine Sensation. Die drei Franzosen eroberten die Festivals, alle rissen sich um die drei Piraten, die Bach als Beute gemacht hatten, aber doch seine ehrfürchtigsten Diener blieben. Man könnte sagen: Sie zeigten Bach von einer anderen Seite, aber es blieb dabei eben doch Bach.

Loussiers erste Aufnahme mit Bach-Bearbeitungen war 1959 erschienen. Sie war die Frucht kindlicher Bach-Begehungen gewesen, erster Versuche mit dem „Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach“ – und dann kam der Moment aller Momente: „Ich habe kleine Änderungen ausprobiert, das Thema umspielt“. Das Ergebnis blieb Bach, aber mit Verwandlungen. Die späteren professionellen Erkundungen dieser Möglichkeiten, seinem Bach auf variable Weise nahe zu sein und zu bleiben, legten den Grundstein einer großen Karriere, denn kurze Zeit später gründete Loussier (der im Oktober 1934 in Angers geboren worden war) jenes Trio Play Bach, dessen Alben sich millionenfach verkauften.

Irgendwann war Loussier dieses grandios schmeckende, aber unaufhörlich auf seinem Herd köchelnde Kaffeewasser allerdings leid. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere löste er sein Trio auf. Er begann Platten mit Pink Floyd, Sting und Elton John zu produzieren und komponierte über 100 Fernseh- und Kinofilmmusiken.

Anlässlich des 300. Geburtstags im Jahr 1985 holte ihn der große Bach allerdings wieder ein, und Loussier verstand die Zeichen der Zeit. Sein verjazzter Bach wurde digital eingespielt, und Loussier gründete ein neues Bach-Trio. Noch im hohen Alter ging er mit seinem Lieblingsklassiker auf Tournee. Aber auch andere Komponisten mussten dran glauben: Debussy und Satie (Loussiers französische Landsleute), aber auch Antonio Vivaldi. Hauptsache, es swingte.

Im Alter von 84 Jahren ist der französische Pianist und Wegbereiter des Crossover jetzt gestorben. Der Ort seines Todes ist nicht bekannt. Den kennt nur seine Familie – und Bach natürlich.

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