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Sebel über den Ruhrpott und seinen musikalischen Kampf gegen Corona

Ruhrpott-Musiker Sebel : „Für meine Familie kam der Impfstoff leider zu spät“

Der Bochumer Singer-Songwriter Sebel im Gespräch über seinen künstlerischen Kampf gegen Corona, das schlimmste Konzert seines Lebens und Steuerberatung für Herbert Grönemeyer.

Von  Reinhard Franke

Sein Revier ist das Ruhrgebiet. Sebastian Niehoff alias Sebel ist Vollblutmusiker und nennt die Dinge ganz ungeschminkt beim Namen. Ehrlich, direkt und ohne viel Schischi – so wie der Pott eben ist. Neben seiner eigenen Musik spielt der 40-Jährige unter anderem seit 15 Jahren an der Seite von Deutschrocker Stoppok. Im Interview spricht Sebel über sein neues Album, Corona und seine Heimat.

Nach dem großen Erfolg Ihres im März 2020 veröffentlichten Corona-Songs „Zusammenstehen (Corona Virus Lied)“, der in den sozialen Medien über drei Millionen Aufrufe verzeichnete, kam zuletzt Ihr neues Album „2020 - im Schlafanzug besiegt“ raus. Was wollen Sie uns mit diesem Albumtitel sagen?

SEBEL Der Albumtitel ist nicht nur eine schöne Zeile aus dem Song „2020“, sondern drückt auch mein Gesamtgefühl zu diesem extrem verrückten Pandemiejahr 2020 und zur dazugehörigen Schaffensphase des Albums aus. Mir haben viele Menschen geschrieben, und auch erzählt, das sie sich zu 100% in diesem Satz wiederfinden, wenn Sie gefragt werden wie sie 2020 erlebt oder besser gesagt „rumgekriegt“ haben. Ich stand irgendwann im Spätsommer 2020 vor der Frage „Wenn das jetzt noch den ganzen Winter so weitergeht, was machst du mit deiner Zeit?“ Das Hochbeet im Garten war bereits gebaut, Das Rezept für den besten Pizzateig getestet, mein erster eigener Sauerteigansatz gärte seit Wochen auf der Heizung vor sich hin, und ich konnte jeder Biermarke blind am Geräusch beim Öffnen des Kronkorkens erkennen. Ich war gefühlt seit einer Ewigkeit nicht mehr draußen, nicht mehr unter Menschen, was die Aufmerksamkeit auf mein äußeres Erscheinungsbild langsam gegen null sinken ließ. Die einzige Jogginghose in meinem Kleiderschrank ist irgendwann an meinen Waden und Oberschenkeln angewachsen und wurde mit dem T-Shirt für den Tag auch abends und nachts zum Schlafanzug. Mit diesen Voraussetzungen habe ich meine alten Instrumente und meine Bandmaschinen wieder gängig gemacht, und habe angefangen dieses Album zu schreiben und zu produzieren. Ich bin sehr dankbar darüber, überhaupt die Möglichkeit zu haben zu Hause zu produzieren, da ich quasi in meinem Studio wohne. Somit blieb die Jogginghose am Körper kleben und ich habe mich über die Herbst und Wintermonate in mein Studioraum zurückgezogen und ein Album produziert, was sich stark mit den Fragen und Gedanken beschäftigt, wenn man als Künstler in einer solchen Lockdown-Situation festhängt. Somit ist das Album und der Titel ein schönes Polaroid des Lockdowns und spiegelt meine Sichtweisen und Gefühle dieser Zeit wider.

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Der Titelsong des neuen Albums heißt „2020“ und da singen Sie ganz direkt über Ihre Sichtweisen, Erfahrungen und neue Erkenntnisse zum Pandemie-Jahr 2020. „Wer und was ist mir wirklich wichtig?“ und „Wie wichtig ist uns eine simple Umarmung?“. Wie beantworten Sie diese Fragen?

SEBEL Wie wichtig tägliche, freundschaftliche Umarmungen sind, hat uns der Lockdown alle gelehrt. Es tat unheimlich gut, als das irgendwann wieder mehr praktiziert wurde. Es fühlte sich anfangs komisch an – „Sollen wir? Dürfen wir? Ja komm, egal!“ Und dann hat man erst wieder gemerkt, was einem da gefehlt hat. Meine wichtigste Erkenntnis war aber, dass ich mit Verzicht gut umgehen kann, was gerade auch mit Blick auf den Klimawandel der Schlüssel zum Erfolg für die Zukunft der Menschen auf diesem Planeten ist. Ich habe meinen Vater an das Virus verloren und musste schmerzlich miterleben, wie real und schnell dieses Virus wütet und wie es sich anfühlt, keinen richtigen Abschied von einem geliebten Menschen nehmen zu können.

 Ein Foto aus besseren Zeiten: Sebels Vater ist am Corona-Virus gestorben.
Ein Foto aus besseren Zeiten: Sebels Vater ist am Corona-Virus gestorben. Foto: Privat

Irgendwo zwischen stillgelegten Zechen, zwischen urigen Kneipen, Dönerbuden und ruhenden Industrieanlagen liegt Ihr Revier. Was ist das Ruhrgebiet für Sie?

SEBEL Das Herz des Ruhrgebiets sind für mich ganz klar die Menschen. Mit ihrem ganz speziellen Schlag und mit ihrer ganz speziellen Schnauze. So richtig schön anzusehen isset hier numa nich. Wir haben hier nicht viel zu zeigen außer unserem Charakter, und den tragen wir hier offenherzig und ehrlich und direkt auf der Zunge. Der Ruhrgebietler hat die Fähigkeit in einem Hundehaufen ein Stück Gold zu erkennen, und das liebe ich einfach. Wenn ich Gäste von woanders bei mir habe, fällt aus meinem Mund oft der Satz: „Kumma...is dat nich schön?“ oder „Hasse so watt schomma erlebt?“ Nach kurzem Zögern kommt dann meistens: „Jo, ich weiß was du meinst! Hat schon was hier!“

Sie fangen die Inspiration im Pott auf Ihre ganz besondere Art ein, war zu lesen. Nämlich wie?

SEBEL Es gibt viele Songs, in denen ich vom Ruhrgebiet und den Mensch singe. In dem Song „Herz am rechten Fleck“ kommt das am direktesten rüber. Dort heißt es: „Es ist grau, schäbig und der Hund ist begraben, bei Mehmet gibt es Kebab in einem Brotfladen, das Wetter ist sowieso nicht zu ertragen, doch genau hier gehör’ ich hin“. In dem Song „Heimat“ natürlich auch, der für Wanne-Eickler schon zur Hymne der Stadt und der Cranger Kirmes geworden ist. Mich inspiriert die Ästhetik der Hässlichkeit, das Einfache und Triste, die Menschen hier, mit ihren ganz eigenen Geschichten.

Sie sind ein Geschichtenerzähler. Einer, dem man einfach zuhören muss. Welche besondere Geschichte über das Ruhrgebiet und Sie können Sie zum Besten geben?

SEBEL Wie wäre es mit dieser hier, sie ist für mich eine der lustigsten, auch wenn sie etwas eklig ist: Für einen Montagmorgen irgendwann im Sommer hatte ich einen Termin für eine Magen-Darmspiegelung. Bereits am Freitag davor hatte ich einen Termin bei dem durchführenden Arzt, der mir ein starkes Abführmittel mitgab, und mir erklärte, dass ich dieses bereits am Sonntag morgen nehmen müsse, damit sich der Darm vollständig entleert. Nachdem ich dem Arzt entgegnete, dass dies auf gar keinen Fall ginge, da ich Sonntagnachmittag noch einen Gig habe, sagte dieser schmunzelnd: ‚Naja, dann sollten sie den Auftritt besser absagen.' Ich hatte noch nie einen Auftritt abgesagt und dachte mir es wird schon nicht so schlimm werden und ich besorge mir für den Fall der Fälle ein paar Windeln für Erwachsene, die ich unerkannt unter der Jeans trage könnte. Gesagt, getan! Abführmittel am Sonntagmorgen komplett eingenommen, Windel an, Jeans drüber und ab zum Festival. Kurz vor meinem Auftritt, damals Solo mit Akustikgitarre, erzählte ich ein paar Kollegen hinter der Bühne von meiner Misere und berichtete Stolz, dass noch alles drin ist, und ich lieber nach dem Auftritt schnell nach Hause in die sicherere Nähe zu meinem Klo fahre. Mit diesen Worten und ein paar amüsierten Blicken von den Kollegen hinter mir an der Bühne, betrat ich diese, spielte den ersten Song und merkte wie das Medikament im ersten Refrain seine Wirkung entfaltete, und es plötzlich warm an Hintern und Beinen wurde. Nach etwa fünf Songs fühlte sich die Hose von hinten leicht klamm und ich hatte das Gefühl, dass Flüssigkeit aus meinen Hosenbeinen tropfte. Das Publikum ließ ich gekonnt und professionell in Unwissenheit über meine Problematik, das Gelächter der Kollegen hinter der Bühne wurde jedoch von Song zu Song lauter. Ich spielte den Gig zu Ende, verließ die Bühne nach der Zugabe allerdings in kleinen Schritten rückwärts laufend, holte mir das Gelächter, aber auch einen großen Respekt für diese mutige Aktion bei den Kollegen hinter der Bühne ab und fuhr auf schnellstem Wege nach Hause. Wat ein „Kack-Konzert!“

Sie nennen die Dinge ganz ungeschminkt beim Namen. Passen Sie auch deshalb so gut zu Stoppok, der Sie 2006 in seine Band holte. Er wuchs in Essen auf, Sie in Bochum.

EBEL Wir passen gut zusammen, weil wir in vielen Dingen eine ähnliche Sichtweise auf die Dinge haben. Und weil uns musikalisch ähnliche Künstler inspirieren, weil wir beide das Herz am rechten Fleck tragen und mit beiden Füssen auf dem Boden geblieben sind. Ob das daran liegt dass wir beide aus dem Ruhrgebiet stammen weiß ich nicht, aber das wir auch noch die selbe Sprache sprechen ist sicherlich ein weiterer, aber nicht so ausschlaggebender Grund für unsere Freundschaft und Zusammenarbeit.

Ihre Songs wandeln zwischen Melancholie, Hoffnung und Selbstironie. Und sind immer echt und ehrlich. Was haben Sie sich da von Stoppok abgeschaut? 

SEBEL „Abgeschaut“ würde ich es nicht nennen, viel mehr war es Inspiration. Von Stoppok bin ich „Fan von“ (ein Stoppok-Song, d. Red.) seit meiner Jugend. Ich bin auch als Fan in die Band gekommen und stehe heute noch als Fan neben ihm auf der Bühne. Am meisten „Fan“ bin ich von seiner langanhaltenden Karriere, die auf Beständigkeit beruht und darauf als Künstler seinen Weg zu gehen, egal, was die anderen sagen. Mit Hoffnung und Selbstironie durchs Leben zu gehen ist definitiv eine Charaktereigenschaft, die ich mit Stoppok teile. Keine Ahnung, ob ich von ihm inspiriert wurde oder ob ich das einfach in mir trage. Abgekupfert habe ich jedenfalls nichts, denn dann wäre es nicht echt. Und das merken die Leute. Die Melancholie ist bei mir etwas ausgeprägter. 

Warum? 

SEBEL Ich kenne die grauen und dunklen Tage zu gut und habe viele Songs darüber geschrieben. Heute kann ich auch darüber sprechen ohne mich zu schämen, kann darüber sprechen eine erfolgreiche Therapie gemacht zu haben und weiß jetzt besser damit umzugehen. Die Musik war für mich auch immer Therapie und hat mir oft darüber hinweggeholfen.

Scheren Sie sich wie Stoppok auch einen Dreck um das, was die Plattenfirmen wollen?

SEBEL Ja. Ich habe auch meine Erfahrungen schmerzlich machen müssen. Ich war bei drei der übrig gebliebenen vier Major-Plattenfirmen. Die wollten mich zwar nie groß verändern - das glauben immer viele -, aber ich habe mich zwischen den Dummschwätzern und grossen Visionären ohne Visionen nie wirklich wohl gefühlt. Ich habe eine Vision: Ich möchte langfristig erfolgreich meine Musik machen können, Musik so schreiben und produzieren, wie ich es gut finde. Der Weg ist mein Ziel und ich bin noch lange nicht am Ende des Weges angelangt.

Sie können auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Was war der bewegendste Moment?

SEBEL Musikalisch war der bewegendste Moment, als ich mit meinem Freund und Kollegen „Alligatoah“ (deutscher Rapper, d. Red.) auf Tour war und wir an einem Sonntagmittag beim „Deichbrand Festival“ bei 30 Grad vor 50 bis 60.000 Menschen gespielt haben. Es waren nur wir zwei auf der riesigen Bühne, ich habe seine Songs allein an der Hammond-Orgel begleitet, er hat dazu gesungen und gerappt. Nach einer erfolgreichen Hallen Tournee wurde dieses Programm auch für große Festivals angefragt, und das „Deichbrand“ war das erste in dieser Festival-Saison.

Hören Sie es eigentlich gerne, wenn man Sie „Ruhrpottschnauze“ nennt?

SEBEL Ich habe verstanden, dass die Menschen gerne kategorisieren und habe mich damit arrangiert. Für die Zeitung mit den vier Buchstaben war ich immer „Riesenrad-Rocker-Sebel“. Für ein bayerischen Fernsehsender war ich letztens der „Museums-Musiker-Sebel“, weil ich so viele alte Instrumente besitze. Ich hab' nun mal 'ne Ruhrpottschnauze, die kriegt ich auch so schnell nicht versteckt.

Wie ist Ihre Meinung zum Impfen und was sagen Sie über Künstler wie Nena oder Xavier Naidoo, die sich mit ihren Ansichten zu Corona immer mehr ins Abseits gestellt haben?

SEBEL Wie schon erwähnt habe ich meinen eigenen Vater an das Virus verloren, und zwar nur einige Tage bevor er den Impfstoff bekommen hätte. Meine ganze Familie - Mutter und Bruder - waren infiziert und meine Mutter hatte lange mit Long-Covid-Symptomen zu kämpfen. Schon zu meinem Coronasong „Zusammenstehen“ war mir der Ernst der Lage bewusst und das steckt in jeder Zeile des Songs, und nach dieser familiären Tragödie natürlich noch viel mehr. Es ist traurig zu sehen, wie dumm manche Menschen sich verhalten und etwas leugnen oder verharmlosen, nur weil es so klein ist, das sie es nicht sehen können. Der Impfstoff ist ganz klar der Ausweg aus der Pandemie und hat vielen Menschen Leid und Tod erspart. Für meine Familie kam er leider zu spät beziehungsweise das Virus war schneller.

Letzte Frage: Hätten Sie auch gerne mal eine Stadion-Hymne wie Grönemeyers „Bochum“?

SEBEL Mein Opa war mal sein Steuerberater in Bochum. In den Achtzigern! Ich mag den Song sehr und würde mich natürlich über so einen Erfolg freuen. Aber ich habe auch verstanden, das man einen Hit nicht planen kann. Entweder die Leute da draußen machen einen Song zu einem Hit oder einer Hymne, oder er wird keiner. Also liegt das nicht nur in meiner Hand. Ich kann nur fleißig weiter Songs schreiben – was davon erfolgreich wird, entscheiden die Hörer.