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Scorpions-Sänger Klaus Meine im Interview

Klaus Meine : "Wer viel singt, bleibt geschmeidig"

Der Sänger der Scorpions spricht über seine Jugend, die Vorzüge des Alters und die Musik, die er zuhause auflegt.

Erster Gedanke: Klaus Meine sieht echt aus wie Klaus Meine. Der Sänger der Scorpions trägt enge Jeans und schwarzes Halstuch; das Barett hat er bis auf die Brauen gezogen. Der 66-Jährige sitzt in einer Suite des Hotels Excelsior Ernst am Kölner Dom. Seine Lederjacke quietscht und schmatzt bei jeder Bewegung. Und man fragt sich, ob Meine einen Schlüsselbund trägt. Aber dann sind es doch bloß die breiten Reißverschlüsse an seiner Jacke, die so klappern. Klaus Meine sagt "Hallo", und es hört sich verflixt gut an. Man muss nachts auf die Autobahn, um die Scorpions zu begreifen. Man muss "Still Loving You" hören und "Big City Nights". Diese Stimme! Das "Sänk Ju For Träwelling"-Englisch! Zur Begrüßung streckt Klaus Meine dem Gast die Faust entgegen. Authentisch.

Auf dem Hinweg habe ich Led Zeppelin im Auto gehört. Gut, oder?

Meine Total.

Hat Robert Plant Sie inspiriert?

Meine Als wir in den späten 60ern und frühen 70ern noch Coverversionen gespielt haben, haben wir auch Songs von Led Zeppelin gebracht. Das war die Art von Musik, die mich inspiriert hat. Led Zeppelin hatten zwischen "Whole Lotta Love" und "Stairway To Heaven" ein unheimlich breites Spektrum. Das war wie ein Blueprint für das, was wir auch machen wollten: Rockmusik, die nach vorne geht, richtig losgeht. Außerdem melodiös und manchmal balladesk. Das ganze emotionale Spektrum. Als Sänger war ich dann aber doch eher bei Deep Purple, bei "Speed King" und "Child In Time".

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Led Zeppelin ist Ihnen zu bluesig?

Meine Ich mag den Blues, aber er war bei den Scorpions nie so ausgeprägt. Aber wir verehren Led Zeppelin sehr. Wir haben uns gefreut, dass Jimmy Page vor ein paar Jahren in London zu uns in die Garderobe kam und uns die Aufwartung gemacht hat.

Welchen Stellenwert hatte Musik für den jungen Klaus Meine?

Meine Musik war alles. Als die ersten Bands aus England rüberkamen und im "Star Club" in Hamburg gespielt haben, war es um mich geschehen. Ich weiß noch, als ich das erste Mal "You Really Got Me" von den Kinks hörte. Das war die Revolution. Und die trug mich durch das ganze Leben. Beatles, Stones, Who: Diese Musiker haben mich inspiriert, meine erste Band zu gründen.

Wie hieß die?

Meine The Mushrooms.

Hatten Sie früher wegen der Musik Probleme mit Ihren Eltern?

Meine Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, und mein Vater hat selbst Musik gemacht. Er hatte Verständnis für mich, konnte sich aber nicht vorstellen, dass das nun mein Beruf sein sollte. Außerdem haben wir immer bei uns für teures Geld im ganzen Land herumtelefoniert, um Auftritte zu bekommen. Wir haben nichts als Kosten produziert. Da sagte er hin und wieder: Willst du nicht langsam mal anfangen, Geld zu verdienen? Da war man ganz schön auf Konfrontationskurs.

Wann änderte sich das?

Meine Spätestens als meine Eltern bei unserem Konzert im ausverkauften Madison Square Garden in New York dabei waren. Da haben wir Amerika gerockt, und mein Vater konnte sehen, dass aus seinem Jungen doch noch etwas geworden war.

Sie sagten mal, Bon Jovi sei bei Ihnen in die Lehre gegangen. Inwiefern?

Meine Wir haben die als Vorband gepickt, als wir 1984 sechs Monate durch die USA getourt sind. Das war deren erste Arena-Tour. Danach haben wir sie direkt mit nach Japan genommen. Ja, die Scorpions haben geholfen, Bon Jovi auf den Weg zu bringen. Doc McGee, deren Manager, der später auch unser Manager wurde, hat vor unseren Shows zu den Jungs gesagt: Jetzt guckt euch an, wie die Großen das machen.

Welche Musik hören Sie privat?

Meine Ich gehe zu Metallica, wenn sie in der Nähe sind. Zuletzt habe ich Elton John gesehen, und es war fantastisch. Er hat so tolle Songs geschrieben. Man kann sich vor seinem Werk nur verneigen.

Hat sich Ihr Musikgeschmack mit den Jahren verändert?

Meine Nein. Wenn ich deutschen HipHop höre, merke ich zwar, dass das gut gemacht ist. Aber mein Herz hängt dann doch an AC/DC und anderen Hard- und Heavy-Bands.

Welche Platten würden Sie aus Ihrem brennenden Haus retten?

Meine Alles von Led Zeppelin, "Deep Purple In Rock" und die Beatles mit "Sgt. Pepper".

Wie bekommen Sie es hin, Ihre Stimme so glasklar und scharf zu halten? Gurgeln Sie mit Speiseöl?

Meine Nee, mache ich nicht. Das Beste ist, viel zu singen. Dann bleibst du geschmeidig. Ich mache aber Warm-Ups. Ich hatte einen Coach aus L. A., der mir neue Ansätze gezeigt hat. Vor Konzerten singe ich mich warm, das ist wie Meditation.

Es ist erstaunlich, dass Sie überhaupt noch singen können.

Meine Ich hatte in den 80er Jahren meine Stimme komplett verloren.

Das muss schlimm gewesen sein.

Meine Ich werde das nie vergessen. Nach zwei Stimmband-OPs war 1982 eigentlich schon alles für mich gelaufen. Seitdem passe ich ein bisschen besser auf mich auf. Und zum Glück ging es dann ja erst richtig los.

Tragen Sie Ihre schwarze Jeans immer noch als Zeichen des Protests?

Meine Meine schwarzen Jeans sind mittlerweile auch grau geworden.

Rockmusik ist eine junge Musik. Dennoch sind die erfolgreichsten Künstler 60 Jahre und älter. Woran liegt das?

Meine Die Bands von früher wissen einfach immer noch, wie es geht. Ihre Songs sind zeitlos. Das macht diese Musik so attraktiv. Und wenn ein Musiker den Nerv trifft, zählt keiner seine Falten.

Haben Sie die Stones je live gesehen?

Meine Letztes Jahr noch, Waldbühne Berlin. Ich war mit Steve Tyler von Aerosmith da. Ich hab gesagt: "Guck dir den Jagger an, der ist 70. Das ist doch der Hammer, Mann!" Steve Tyler entgegnete: "I am 66." Darauf ich: "Me too." Tja, that's it.

(hols)