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An der Spitze der Charts: Schnappi: Kleines Krokodil zeigt den Stars die Zähne

An der Spitze der Charts : Schnappi: Kleines Krokodil zeigt den Stars die Zähne

Düsseldorf (RP). Ein Kinderlied steht an der Spitze der deutschen Single-Charts. "Schnappi, das kleine Krokodil" hat sogar Robbie Williams "weggebissen". "Ich bin Schnappi, das kleine Krokodil - komm' aus Ägypten, das liegt direkt am Nil - zuerst lag ich in einem Ei - dann schni-schna-schnappte ich mich frei." - keine Frage: Schnappi ist ein ganz frecher Feger.

Kaum aus dem Ei geschlüpft - Verzeihung, geschnappt - schleicht sich das winzige, giftgrüne Krokodil mit dem putzigen Gesicht und den messerscharfen Zähnchen auch schon an seine Mama ran, beißt den Papi kurz ins Bein, und dann schläft es einfach ein.

So zumindest bringt es uns Iris Gruttmann in ihrem Kinderlied "Schnappi, das kleine Krokodil" bei. Vor drei Jahren schnappte es beim WDR-Fernsehen in der "Sendung mit der Maus" erstmals auf dem Bildschirm zu. Für die entwickelt die Kölnerin nämlich regelmäßig Songs zu kleinen Bildergeschichten.

Gefräßiger Held

Doch jetzt kennt Schnappi in seiner Gefräßigkeit offenbar kein Halten mehr. Erst hat sich die putzige Panzerechse die "Söhne Mannheims" geschnappt, dann Kylie Minogue und sogar Robbie Williams. Anders ausgedrückt: Schnappi ist die aktuelle Nummer eins der deutschen Singlecharts. Ein vertonter Kinderreim, gesungen von einer Fünfjährigen, hat es geschafft, sämtlichen Größen der Pop- und Rockszene die Spitzenposition wegzuschnappen - ohne groß angelegte Marketing-Strategie. Ein Meisterstück. Nur Englands Presse reagiert eingeschnappt auf den ungewöhnlichen Musiktrend in Germany: Mehrere Zeitungen spekulierten, ob die Deutschen mit ihrem seltsamen Musikgeschmak jetzt wohl endgültig übergeschnappt seien.

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Wie wird ein an sich völlig belangloses Heimorgel-Liedchen mit dem sinnfreien Refrain "Schni-schna- schnappi. schnappi- schnappi-schnapp" zum Gassenhauer, der sich binnen vier Wochen rund 250.000 Mal verkauft und damit bereits Kurs auf Platin nimmt?

Schnappi ist ein modernes Märchen, wie es wohl nur die unberechenbare Pop-Szene schreibt. Selbst die Erklärungsversuche der Komponistin klingen etwas hilflos. "Ich glaube, der Erfolg ist da, weil ich das aus vollem Herzen mache", sagt Iris Gruttmann. Aha. Zweiter Erklärungsversuch: "Schnappi ist ein authentisches Kinderlied, und ich habe es nicht mit Blick auf die Charts geschrieben."

Wohl eher mit Blick auf ihre Nichte Joy. Die beschwerte sich nämlich seinerzeit bei der Tante, sie wolle mal ein Kinderlied ganz für sich allein. Iris Gruttmann fragte bei ihrer Texterin Rosita Blissenbach nach, ob sie nicht etwas "keines, Süßes"für Joy in der Schublade habe. So wurde Schnappi geboren.

Speziell für die Nichte produziert

"Ich habe den Text speziell für meine Nichte noch ein bisschen umgeschrieben und das Lied dann 2001 produziert", erzählt die Komponistin. Die fünfjährige Joy sang ihren Text im Studio mit einer Inbrunst, wie sie wohl nur Kinder zustande bringen. 2003 landete der Song dann auf einem Sampler mit dem Titel "Großes und Kleines mit der Maus".

Von dem Moment an war die Erfolgslawine nicht mehr aufzuhalten: Ein Schnappi-Fan, dem das Lied besonders gut gefiel, machte ein MP3-File daraus und stellte es zum Herunterladen ins Internet. Im Sommer 2004 bekam Iris Gruttmann dann plötzlich eine E-Mail von der "Maus"-Redaktion: "Irgendwas passiert mit deinem Schnappi im Netz - guck doch mal nach." Sie fand zahllose Schnappi-Homepages, Chat-Foren und andere Internet-Aktivitäten rund um ihr Krokodil.

Eine Frage tauchte dabei immer wieder auf. Wie komme ich an eine CD? "Mein kleiner Sohn ist total verrückt nach Schnappi", schrieb beispielsweise ein Familienvater aus Euskirchen. "Jedesmal wenn im TV der Slogan kommt, tanzt er und strahlt übers ganze Gesicht wie ein Honigkuchenpferd."

Die Plattenfirma Polydor entschied sich schließlich kurz vor Weihnachten, die Geschichte als eigenständige Single herauszubringen. Seitdem beißt sich Schnappi durch.

Bei aller Freude über den plötzlichen Erfolg: Iris Gruttmann will ihre mittlerweile achtjährige Nichte vor dem Rummel schützen. "Wir wollen Joy auf keinen Fall verheizen", betonte sie im WDR. "Sie soll kein neuer Kinderstar werden. Sie hat auch in der Schule bisher fast nichts erzählt." Für die Pressefotos setzte die 40-Jährige der kleinen Sängerin zum Verfremden sogar einen Schlapphut auf. Und bei Auftritten ist sowieso meist nur ein Schauspieler im Schnappi-Kostüm auf der Bühne zu sehen.

Rund 20 Alben mit insgesamt mehr als 100 Liedern hat die Kölnerin inzwischen veröffentlicht. Eigentlich möchte sie jetzt auch Schnappi ein eigenes Album spendieren. Aber nicht getreu dem Krokodil-Motto "Schnapp mir, was ich schnappen kann". Für Iris Gruttmann gilt: "Alles nur, so lange Joy Spaß hat."

(Rheinische Post)