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Reeperbahn Festival 2021: Vier Tage voller Hoffnung

Reeperbahn Festival 2021 : Vier Tage voller Hoffnung

Rund 300 Konzerte an vier Tagen gab es beim zweiten Reeperbahn Festival der Corona-Zeit. Ein Funken Hoffnung für die gebeutelte Branche – trotz teils sehr langer Wartezeiten.

Der Hafen in greifbarer Nähe, das nächtliche Blinken und Glitzern der bekanntesten Vergnügungsmeile Deutschlands zum Greifen nahe - Hamburg hatte eingeladen zu vier Tagen voller Musik. Die Hafenstadt schürt die Hoffnung der Veranstaltungsbranche mit einem riesigen Feuer - das hoffentlich nicht zu einem Strohfeuer verblassen wird.

Dass dem nicht so sein dürfte, zeigt sich vage daran, dass es sich bereits um die zweite Austragung des weit über die Grenzen Deutschlands hinweg bekannten Reeperbahn Festivals während der Pandemie handelt.

Bevor nun ein falsches Bild entsteht: Die „gängige“ Atmosphäre einer feierwütigen Blase aus Musik, Bier, Schnaps und Zeltplatz existiert hier nicht. Stattdessen mischen sich die Massen an Festivalbesuchern mit Einheimischen, Reeperbahntouristen und vielen weiteren Menschen, denn das Reeperbahn Festival findet nicht auf einem abgetrennten Gelände statt. Vielmehr ist es mitten auf der pulsierenden Vergnügungsmeile zu finden. Während man durch die Straßen von einem Club zum nächsten läuft, fällt der Blick automatisch auf das Handgelenk: Ist da ein violettes Bändchen zu sehen? Oder baumelt ein Namensschild um den Hals, das das Gegenüber als normalen Gast oder Fachbesucher ausweist? Überall wimmelt es vor Menschen, die sich treiben lassen. Nach einer stark reduzierten Besucheranzahl im Coronajahr 2020 mit gerade einmal 8000 Festivalgängern, sind es in diesem Jahr knapp 20.000.

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Der größte Knackpunkt, den die Festivalgäste vor Ort und vor allem in den sozialen Medien kritisieren: Für 30 bis 45 Minuten Konzert müssen je nach Location durchaus einige Stunden Wartezeit eingeplant werden. Mit viel Glück kann man so ein bis zwei Konzerte pro Tag sehen, genauso gut kann man aber auch bei drei Veranstaltungsorten Pech haben und nirgends reinkommen. Denn die Plätze sind stark limitiert. Zwischen gerade einmal 55 Gästen in kleinen Clubs wie dem Häkken oder UWE direkt am Spielbudenplatz variiert es bis hin zu 170 im Mojoclub und mehreren Hundert Menschen an den Freiluftbühnen, etwa vor der großen Arte-Concert-Stage auf dem Heiligengeistfeld. Damit ist die Auslastung immer noch größer als im ersten Pandemiejahr, als fast alle Locations bestuhlt waren und dementsprechend noch weniger Gäste Platz fanden. In diesem Jahr hätten sich die Veranstalter auch für die 2G-Regelung entscheiden können - womit einige Annehmlichkeiten hinzugekommen wären, etwa größere Kapazitäten und der Wegfall der Maskenpflicht. Doch aufgrund der teils schon lange im Voraus gebuchten Tickets fiel die Wahl auf das 3G-Modell.

Zu den langen Schlangen kommt zudem der Vortritt von sogenannten „Delegates“ - also Fachbesuchern. So kann es möglich sein, dass man zwar recht weit vorne in der Schlange steht, schlussendlich aber doch keinen freien Platz mehr erhascht. Erst am letzten Tag beschließt die Festivalleitung, dass diese Regelung entfällt.

Der Unmut ist dennoch da, wenngleich kaum jemand diese Laune an den Sicherheitskräften auslässt. Marcel ist vor dem Indra eingesetzt - dem Club, in dem die Beatles am 17. August 1960 ihren ersten Auftritt hatten - und regelt gemeinsam mit einem Kollegen den Einlass. Auch wenn er in viele enttäuschte Gesichter blickt, schlägt ihm vor allem viel Verständnis für die Situation entgegen. „Ihr könnt da ja nichts dafür, dass da nur so wenig Leute rein dürfen“ oder „Ist zwar schade, aber ihr habt eure Anweisungen“ sind wohl die Sätze, die Security-Leute im Laufe der vier Festivaltage am häufigsten hören. Sie selbst bleiben immer höflich und bestimmt, wenn sie zum xten-Mal jemanden abweisen müssen oder im Club darauf hinweisen, dass man doch bitte am eigenen Platz hinter der Markierung am Boden bleiben solle.

Konzertbesucher hingegen hören vor allem diesen Satz am Häufigsten: „Herzlich willkommen beim Reeperbahn Festival (…) Auch wenn es schwer fällt: Bitte tanzt nicht und unterlasst ausschweifende Bewegungen. Das könnte leider im schlimmsten Fall zum Abbruch des Programmpunktes führen.“ Das wiederum will dann doch fast niemand riskieren, und so bewegen sich die meisten nur auf ihrem jeweiligen Platz ein bisschen im Takt der Musik. Verglichen mit Fotos und Videos von anderen Veranstaltungen etwa in Großbritannien, wo inzwischen wieder volle Hallen und Konzerte an der Tagesordnung sind und die Fans dicht gedrängt und ausgelassen die Musik feiern, ist das doch befremdlich. Nicholas Müller, Sänger der Band Jupiter Jones, merkt dann auch an, er habe sich „gefühlt wie bei einer Militärparade von Kim Jong Un“, angesichts der Menschen, die in Reih und Glied vor der Bühne stehen.

Dennoch sind vor allem die Bands glücklich angesichts der Tatsache, überhaupt wieder auf der Bühne stehen zu dürfen, wie fast alle bei ihren Auftritten betonen. Für viele ist es der erste Auftritt vor „richtigem“ Publikum seit über anderthalb Jahren. Auch wenn es ständig Kompromisse gibt, die man eingehen muss. Und auch wenn es immer wieder Momente gibt, die einfach nicht besonders schön sind - unbelehrbare Gäste, die sich weigern, eine Maske aufzusetzen, wenn sie ihren Platz verlassen oder vereinzelte Menschen, die sich schlicht nicht an die Regeln halten, kommen immer mal wieder vor.

Robert Kasel ist deutschlandweit als Tourneebegleiter und als örtlicher Veranstalter unterwegs, mit Jupiter Jones ist er beim Reeperbahn Festival in diesem Jahr vor Ort: „Sich nach zwei Jahren wieder mit dem Großteil der Kollegen und Kolleginnen und Musikschaffenden zu treffen, diesen Austausch wieder zu haben, das hat hat schon allen gut getan in so einer Zeit.“ Die Einzigartigkeit des Festivals kommt für ihn vor allem durch das Zusammentreffen vieler Branchenkollegen zustande. Doch auch die Tatsache, dass hier vor allen Dingen nationalen und internationalen Newcomern eine Bühne geboten wird, macht das Event so attraktiv. Das geht auch André Janssen so. Er ist Inhaber der Veranstaltungsagentur Goldmucke aus Düsseldorf, wo er unter anderem die Vier-Linden-Open-Airs organisiert. In diesem Jahr hat er das Festival vor allem privat besucht, „aber die Arbeit bleibt dann ja doch nicht außen vor“. Denn wenn sich in Hamburg die Musikbranche trifft, muss die Gelegenheit zum Netzwerken genutzt werden. Agenturen laden zu Meetings ein, es gibt lockere Treffen zum Brunch oder andere Möglichkeiten, sich zusammenzuschließen. Vor allem aber schaut man sich als Eventmanager oder Booker Konzerte immer auch im Hinblick darauf an, ob das vielleicht eine Option für kommende Auftritte wäre. „In diesem Jahr fand ich ‚Tochter’ aus Berlin und ‚Schorl3’ aus Hamburg spannend“, erzählt Janssen. Auch er merkt aber an, dass es aufgrund der langen Schlangen sehr schwierig war, überhaupt in Shows reinzukommen. Das habe dem Festival einen leichten Beigeschmack gegeben. Sonst seien zudem viel mehr internationale Acts vertreten gewesen. Wegen der teils schwierigen Einreisebeschränkungen gestalten deutschsprachige Künstler wie im Vorjahr auch 2021 einen Großteil der Konzerte.

Trotzdem treten insbesondere Musiker aus den direkten Nachbarländern auf, und auch aus Großbritannien, Kanada, skandinavischen und osteuropäischen Ländern kommen einige nach Hamburg. Eine davon ist Tim Freitag aus der Schweiz. Die fünf Indie-Rocker gibt es bereits seit gut zehn Jahren, doch lange Zeit waren sie auch in ihrer Heimat eher ein Geheimtipp. Wie Sänger Janick Pfenninger im Interview erzählt, war der Auftritt beim Reeperbahn Festival das erste Konzert überhaupt in Deutschland - im kommenden Februar soll eine kleine Tour durch weitere deutsche Städte folgen. „Swiss Music Export hat uns für das Festival vorgeschlagen und für uns ist es unglaublich toll, wie dieses fremde Publikum auf uns reagiert hat“, erzählt er. Tatsächlich liefern Tim Freitag insbesondere dank des charismatischen Sängers eine beeindruckende Show. Daher ist es auch kaum verwunderlich, dass nur kurz nach dem Auftritt eine deutsche Booking-Agentur die Schweizer kontaktiert hat. Außerdem gibt es eine Anfrage aus Litauen. Kaunas wird 2022 europäische Kulturhauptstadt, und die Organisatoren des Rahmenprogramms haben Interesse gezeigt. „Falls das klappt, nehmen wir das natürlich an - und können in diesem Zusammenhang hoffentlich auch in ein paar Nachbarländern spielen.“

Und genau auf solche Synergien kommt es schlussendlich an und eben dies macht den Charme des Reeperbahn Festivals aus - verteilt auf den gesamten Kiez, beleuchtet vom Glitzer der Stadt und verbunden durch die Musik. Dass es dabei in diesen Zeiten auch zu Abstrichen kommt, ist etwas, das man in Kauf nimmt. Denn schlussendlich überwiegt doch auf allen Seiten vor allem die Dankbarkeit dafür, dass es endlich wieder vorwärts zu gehen scheint.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Diese Künstler überzeugen beim Reeperban Festival 2021