Rammstein: "Deutschland" - KZ-Video ist Provokation und Tabubruch

Neues Video „Deutschland“ : Rammstein und der kalkulierte Tabubruch

Die Band Rammstein wurde schon im Vorfeld heftig für ihr neues Lied „Deutschland“ kritisiert. Seit Donnerstag kann man es hören. Und es wird wieder deutlich: Rammstein ist die Verantwortung nicht bewusst, die sie für die Wirkung ihrer Inhalte haben.

Rammstein hat am Donnerstag ein neues Lied samt dazugehörigem Videoclip veröffentlicht. Um 18 Uhr konnte man sich die aufwändige und an der Ästhetik aktueller Drama-Serien angelehnte Produktion bei Youtube ansehen. Zwei Tage zuvor hatte die Gruppe die Premiere ihrer ersten Veröffentlichung seit zehn Jahren mit einer kurzen Sequenz in den sozialen Netzwerken angekündigt. Man sah darin die Musiker als KZ-Opfer verkleidet an Galgen hängen. Gitarrist Paul Landers trägt in dem Trailer zum Musikvideo einen gelben Stern.

In den Stunden zwischen dieser Ankündigung und der Premiere des vollständigen Films äußerten viele ihren Abscheu über diese Inszenierung. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sagte: „Die Instrumentalisierung und Verharmlosung des Holocaust, die sich in den Bildern zeigen, sind unverantwortlich.“ Die Band habe „eine rote Linie überschritten“. Der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, lud die Gruppe in die KZ-Gedenkstätte Dachau ein. Dort wolle er gemeinsam beraten, wie „ein konstruktiver Beitrag solch einflussreicher Künstler“ bei der Information über die Nazigräuel aussehen könnte. Die Band schwieg zu den Vorwürfen.

Am Donnerstagabend sah man sich den derart angeteaserten Videoclip also an, und die Wahrheit ist: Rammstein hat tatsächlich das Thema Holocaust missbraucht, um ein neues Produkt zu bewerben. Das Lied heißt „Deutschland“, es ist von der Band offenbar als kritische Auseinandersetzung mit dem Heimatland gedacht, jedenfalls lassen Verse wie „Man kann dich lieben und will dich hassen“ und „Deine Liebe ist Fluch und Segen / Meine Liebe kann ich dir nicht geben“ darauf schließen. Was indes in den Stadien, die die Band im Sommer auf ihrer Tour zum kommenden Album füllt, von diesem Lied bleiben wird, ist der Refrain. Und der besteht aus einem einzigen martialisch gebrüllten Wort: „Deutschland!“.

Der sieben Minuten lange Video-Clip begleitet die Musiker auf einem Parforce-Ritt durch Motive deutscher Geschichte, darunter die Nazi-Zeit. Dass die Gruppe die KZ-Episode für die Ankündigung ausgewählt hat, ist kalkulierend und perfide, ein berechneter Tabubruch. Und ein weiterer Beleg dafür, dass den Musikern die Verantwortung nicht bewusst ist, die sie für die Wirkung ihrer Inhalte haben.

Die Band kokettiert seit jeher mit totalitärer Überwältigungsästhetik. Den Clip zum Titel „Stripped“ bebilderte sie 1998 mit Aufnahmen aus dem „Olympia“-Film von Leni Riefenstahl. In Konzerten gerieren sie sich als Herrenmenschen im Pyrotechnik-Wunderland, Sänger Till Lindemann rollt dazu das R. Darauf angesprochen, verweisen sie darauf, in der DDR aufgewachsen und als Punks sozialisiert worden zu sein und politisch eher links zu stehen.

Inzwischen sind die Rammstein-Männer indes abgebrühte Geschäftsleute, die ein Produkt ankündigen, indem sie aus jenem Thema ein Spektakel machen, das wie kein anderes der Besonnenheit, Zugewandtheit und Achtsamkeit bedarf. Sie setzen sich mit dem Holocaust nicht auseinander, sie benutzen und verharmlosen ihn.

Der Musik-Journalist Jens Balzer nannte Rammstein vor einiger Zeit „die Urszene von Pegida und AfD“. Wenn im Sommer bei ihren Konzerten der Refrain von „Deutschland“ gebrüllt wird, wird man sich daran erinnern.

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