Pop-Phänomen „Ich verstehe die Verehrung für Taylor Swift nicht“

Meinung · Michael Becker ist Intendant der Düsseldorfer Symphoniker und der Tonhalle Düsseldorf. Taylor Swift macht ihn ratlos. Dabei ist es nicht so, dass er Pop nicht mögen würde: Eine andere Künstlerin findet er viel besser. In diesem Gastbeitrag erklärt er, warum er das so sieht.

 Taylor Swift bei den Europe Music Awards in Düsseldorf.

Taylor Swift bei den Europe Music Awards in Düsseldorf.

Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Ich stehe ratlos vor dem Wunder Taylor Swift. Das erste Lied, das ich von ihr kennengelernt habe, war „Shake It Off“. Ich muss dazu sagen, ich bin ein absoluter Text-Ignorant. Ich höre Texte bei Liedern nicht. Ich gehe nach der musikalischen Struktur. Und da gibt es bei Taylor Swift zwar eine Wiedererkennbarkeit. Aber sie hat keine Ecken und Kanten. Andere Leute mit diesem Star-Faktor haben bisher immer polarisiert. Sie haben Fehler und Macken, die ich bei ihr nicht finde. Das ist alles unblutig und sauber. Madonna zum Beispiel hat so einen leicht gewalttätigen Unterton. Cher singt eigentlich nicht wahnsinnig gut, aber man erinnert sich daran, man erkennt sie. Bei den ganz Großen sagt man: Das ist ein typischer Freddie, ein typischer Elton. Aber das passiert mir bei Taylor Swift nicht. Das hört sich auf eine komische Weise weg.

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Wie gesagt: Ich rede nicht von Texten. Es wird ja immer gesagt, die seien bei ihr grandios. Aber musikalisch ist das ein relativ breiter Mittelstreifen an Musik. Wie eine Highway-Fahrt von New York nach Philadelphia. Ungefährliche Mittelspur. Gleiches Tempo, rauscht so vorbei.

Michael Becker in der Tonhalle.

Michael Becker in der Tonhalle.

Foto: Endermann, Andreas (end)

Ich will damit nicht sagen, dass sie nicht gut ist. Sie ist sogar sehr gut. Sie singt sauber und musikalisch, an ihrer Stimme wird nicht rumgeschraubt. Vielleicht hat es eher mit der Art der Instrumentierung zu tun. Ihre Sachen sind vergleichsweise basslos. Das hebt die Sache ins Nicht-Störende. Es ist oft dasselbe Metrum. Ihre Refrains sind oft Hymnen. Die Sachen ähneln einander. Ich kann die gut hören, verstehe aber die fast religiöse Verehrung durch eine Riesen-Anzahl von Menschen nicht.

Ariana Grande finde ich zehnmal besser. Musikalisch und als Sängerin. Sie ist eine Riesen-Begabung. Es gibt eine Show mit Jimmy Fallon, da imitieren sie Stimmen, das ist begnadet. Sie ist eine Vollblut-Musikerin. Das ist Taylor Swift zwar auch, aber man hört es nicht in ihrer Musik. Das irritiert mich. Es wird gesagt, sie verstecke Codes und Anspielungen in ihren Texten und so etwas. Sie verbinde eine Community. Aber man kann die Kanten doch nicht außerhalb der Musik liefern, damit man die Musik plötzlich toller findet.

Ich habe Taylor Swift in Düsseldorf bei den MTV Europe Music Awards erlebt. Vielleicht ist das Faszinierende, dass sie wirklich wirkt wie du und ich. Sie hat keinen Glamour-Faktor. Man hat nicht das Gefühl, einer gelernten Choreografie beizuwohnen. Sie kommt noch aus dieser 60er-Jahre-Haltung: Ich steh auf der Bühne mit der Klampfe in der Hand und beuge mich ungelenk vor. Vielleicht ist das ihr Geheimnis.

(hols)
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