Zum 85. Geburtstag: Pierre Boulez – das Doppelgenie

Zum 85. Geburtstag: Pierre Boulez – das Doppelgenie

(RP). Heute wird der bedeutende französische Komponist und Dirigent Pierre Boulez 85 Jahre alt. Als Tonsetzer verfeinerte er die Zwölftontechnik, als Pultstar steht er den großen Orchestern der Welt vor und ist ein exemplarischer Verfechter der klassischen Moderne. Sein Haydn klingt eigenartig.

Pierre Boulez dirigiert, wie Piet Mondrian malte und Walter Gropius baute: streng, klar, stark in der Abstraktion, geometrisch, unbestechlich. Gelegentlich mogelt sich Unerwartetes aus dem Rahmen in die Freiheit, und dann muss der Wächter Boulez eingreifen. Seine Hände zeigen, dass er jede Form von Glamour hasst. Sie teilen die Luft in Quadrate, geben sachliche Anweisungen, sie sind Platzanweiser. Wenn sie als übertrieben empfundene Lautstärke bremsen, sieht Boulez aus wie ein Schutzmann. Den Taktstock verachtet er als Firlefanz der Branche.

Nie sieht Boulez aus wie einer der großen Komponisten und Dirigenten der Gegenwart. Seit je ist er – von der "Bombenleger"-Frühzeit abgesehen, da er Opernhäuser am liebsten in die Luft gesprengt hätte – ein zurückhaltender, leiser, fast scheuer, den Frack hassender Musiker. Wäre er Mediziner geworden, er würde Herzschrittmacher einbauen oder Röntgenbilder anfertigen. Er liebt Sicherheit und Durchsichtigkeit, das Metronom ist keine Spaßbremse, sondern ein Ordnungskästchen von Wichtigkeit.

Das klingt so, als komme Musik in ihrer Expressivität, Spontaneität, Wucht, Erregbarkeit nur am Rande vor. Nun, in seinen besten Momenten – wenn er Bartók, Debussy oder Strawinsky aufliegen hat – macht Boulez Musik mit einer Eindringlichkeit, dass die Mauern des Arc de Triomphe schmelzen können. Aber er kann eine Haydn-Symphonie eben auch zur Dürre eines Skeletts aushungern, als wolle er sagen: Schaut her, endlich sieht man mal, woraus sie überhaupt besteht!

Diese Tendenz zur Häutung sinfonischer Großwerke kommt nicht von ungefähr. Seine Neigung zum kühlen Organisieren von Musik, das den Einflüsterungen des Moments am liebsten vollständig widersteht, entspringt seinem Geist, kaum seinem Naturell. Genuss gewinnt Boulez nicht, wenn Musik dampft, sondern wenn er den Werken auf den Grund ihrer Struktur schauen kann. Der Dirigent Boulez hat sozusagen immer den Komponisten Boulez im Schlepptau – und der hätte als Teenager am liebsten Mathematik oder irgendwas Technisches studiert. Dann aber fand er es gescheit, 1943 bei dem großen Olivier Messiaen in Paris Komposition zu studieren, der für den jungen Mann aus dem Département Loire fast einer der zwölf Apostel der Branche war.

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Jene Jahre führten Boulez in den Hochsicherheitstrakt des Komponierens – in die so genannte serielle Technik. Kein Ton blieb in dieser gedrillten Spezialversion der Zwölftonmusik unbeaufsichtigt, für jede Note einer Partitur gab es individuell reglementierte Eigenschaften. Das hört sich nach Käfig an. Zum Glück war da noch Boulez' expansiv-inniges Verhältnis zum französischen Impressionismus. Den hört man – wie Grüße aus der Ferne – der rigiden Welt seiner frühen "Notations" ebenso an wie den Hauptwerken "Le marteau sans maître" und "Pli selon pli". Wundervoll ereignisreich und überhaupt nicht als Kopfmusik zu missdeuten etwa die drei Klaviersonaten oder das späte "Dérive II". Man sollte allerdings nicht glauben, Boulez komponiere so wenig, weil er seine eigene Strenge scheut. Nein, er neigt dazu, seine Werke exzessiv zu revidieren, zu überarbeiten, aus der Auslage zu nehmen. Kaum ein Werk, das er als abgeschlossen ansieht.

Dass einer diese Neigung zur steten Korrektur der Materie und ihrer Ableitungen besitzt und bis heute bewahrt hat, ist ein methodisches Wunder in einer Zeit, in der Korrektur und Kritik fast nicht mehr vorkommen. In einer Zeit, in der alles aufgeschrieben und automatisch durchgewinkt wird, ist ein störrisches Gemüt wie das des großen französischen Musikers fast unbezahlbar. Das erklärt seine gelegentliche Freude am Kühlen, Knöchernen, Keimfreien. Was Boulez als Dirigent wie als Komponist bietet, ist die letzte Substanz, gereinigt von Schlacken und Denkfehlern.

Dass Boulez seit längerer Zeit in Baden-Baden lebt, ist weder Zufall noch der Lust am Mondänen geschuldet. Hier sitzt der SWR, hier ist er nahe seiner Heimat – und es ist auch nicht weit nach Bayreuth, wo er schon mal das Jahrhundert umpolte: als er Wagners "Ring" dirigierte und ähnlichen Furor auslöste wie die Regie von Patrice Chéreau. Dieser Wagner tönte eiskalt bis ans Herz – und menschlich zugleich.

(RP)