The Streets-Comeback: Niemand ist like Mike – außer Dostojewski

The Streets-Comeback : Niemand ist like Mike – außer Dostojewski

2011 hatte Mike Skinner sein eigenwilliges, aber brillantes HipHop-Projekt „The Streets“ beendet. Inzwischen ist er 40, aber er rappt eben nicht immer noch, sondern wieder. Und wie.

Mike Skinner ist ein großer Ironiker. Er folgt niemandem bei Twitter, und er will auch nicht, dass man ihm folgt: „Ich werde euch nicht sagen, was Ihr tun sollt“, ruft er am Dienstag in der Kölner Live Music Hall. „Ihr seid freie Menschen! Tut, was Ihr wollt - nur bitte tötet niemanden...“ In den folgenden anderthalb Stunden orchestriert er dann umso meisterhafter, was 1800 Menschen fühlen - Melancholie, Dankbarkeit, Glück.

Rund 15 Jahre alt sind Skinners bekannteste Songs inzwischen, Sittengemälde des Daseins als Nichtmehrteenager und Nochnichterwachsener. Rastlos unterwegs zwischen Playstation und Pub, Videothek und Wettbüro, Dönerbude und Disko, eine Odyssee auf der Suche nach Coolness und Liebe.

Versöhnt durch all das Gute, das ihnen seitdem widerfahren ist, schmettern Hunderte 30- bis 40-Jährige die Refrains zu Skinners Wortsalven mit. Die Fans lecken die Wunden ihrer jüngeren Ichs im Moment des Verlassenwerdens („Dry your eyes, mate...“), spulen zurück zum entscheidenden Rendezvous mit der heutigen Ehefrau („Could well be in“) und geben der hochnäsigen Stadtteilschönheit wenigstens nachträglich einen Korb („Fit but you know it“). Skinner kann's noch immer, und die fünfköpfige Band um Sänger Kevin Mark Trail gibt seiner Musik, die mit HipHop stets unzureichend umschrieben war, mehr als einen Hauch von Rock und Soul.

Eingebildete Frauen und echte Männerfreundschaften

Den Künstlernamen „The Streets“ hatte Skinner einst gewählt, weil das für ihn nach „Wu-Tang-Clan in New York“ klang – und dann füllte er dieses Etikett mit dem größtmöglichen Kontrast, seiner eigenen Lebenswirklichkeit als Mittelschichtskind in Birmingham. Liebevoll und gerade deshalb gnadenlos. Kein Glamour, nirgends, aber so viel Herz und Hirn.

Skinner dekonstruierte die ach so aufregenden Wochenenden im Rausch und rang den sogenannten kleinen Dingen Sinn ab, er schrieb Hymnen auf eingebildete Frauen und echte Männerfreundschaften – darüber etwa, wie ein Kumpel dem anderen das Handy wegnimmt, damit dieser seiner Herzdame nicht so häufig schreibt. Er ist ein begnadeter Beobachter, Dichter und Motivator; mit „On the Edge of a Cliff“ gelang ihm sogar ein Anti-Suizid-Song, der manchem Lebensmüden beim Weiterleben geholfen haben dürfte.

„Like Mike“ beschrieb in den frühen Neunzigern den unerfüllbaren Traum von Ebenbürtigkeit mit Michael Jordan. Zehn Jahre später münzten Musikfans die Redewendung um auf Skinner: Ein blasser Normalo, aber am Stift so begabt wie Jordan am Ball. Ein Literaturprofessor verglich ihn mit Dostojewski, dem großen assoziativen Remixer der Stile und Sujets: Schuld und Sühne und Schnaps und Spielschulden.

Dass er sich nie um Coolness bemühte, machte ihn so cool. Skinner sprach offen über seine Angst vorm Zusammengeschlagenwerden und seine Angst vor der Angst, den Tod seines Vaters, seine zeitweilige Wett-, Alkohol- und Drogensucht. 2011 machte er dennoch Schluss mit „The Streets“, weil er nichts Relevantes mehr zu sagen wusste. Nun interpretiert er seine Songs nochmal ganz neu, mit der zusätzlichen Erfahrung aus fast einem Jahrzehnt als Ehemann und Familienvater. Beim ersten Konzert in Köln seit eben diesen zehn Jahren wagt er sich mehrmals mitten in die Masse, obwohl er sich erst jüngst beim Crowdsurfen die Schulter ausgekugelt hatte.

Am Ende sind Skinners Gags arg überstrapaziert, aber das bleibt Randnotiz. Zumal es in der B-Note nicht nur Abzüge gibt, denn er hat auch die Jacke einer jungen Frau sicher auf der Bühne verwahrt, sich überhaupt als Gentleman, ja, Feminist präsentiert und den eifrigsten Fans viel Bier spendiert.

Und nun? Was hat er noch vor, der Mann mit dem Mantra „Let’s push things forward“? Eine unprätentiöse Autobiographie ist längst geschrieben, folgen sollen ein sechstes Album namens „The Darker the Shadow, the Brighter the Light“, ein Film - und vielleicht der Weltfrieden. Den Weg dorthin hat er schon bei Twitter skizziert: „Weniger bellen, mehr mit dem Schwanz wedeln.“

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