Neues Album von Tocotronic: Teenage Riot im Reihenhaus

Neues Album : Teenage Riot im Reihenhaus mit Tocotronic

Apfelkorn, Anorak und Armageddon gehören zum Themenmix. Themen, über die deutsche Musiker normalerweise eigentlich nicht schreiben können, Tocotronic aber schon. Eine Kritik zum neuen Album "Die Unendlichkeit".

Das neue Album von Tocotronic ist in Wirklichkeit ein Dia-Abend. Und obwohl Dirk von Lowtzow von seiner Jugend erzählt, von der "Schwarzwaldhölle", dem Aufbruch aus dem Badischen und der Ankunft in Hamburg, nimmt man die zwölf Songs wie Bilder wahr, Bilder aus dem Dunkel der eigenen Vergangenheit. "Die Unendlichkeit" heißt die Platte, die ab dem heutigen Freitag erhältlich ist. Sie ist die abwechslungsreichste von Tocotronic seit langem, die zugänglichste auch, darin schlägt ein dickes rotes Herz.

Es ist wie im "Fänger im Roggen", auch hier steht ganz viel Atmosphäre um die einzelnen Sätze; sie schwingen, sie gehen einem nahe. Apfelkorn, Anorak und Armageddon kommen gleichberechtigt vor in diesen Stücken, und das allertollste von ihnen ist "Electric Guitar", die Vorabsingle, in der von "Teenage Riot im Reihenhaus" und "Panic Depression im Elternhaus" die Rede ist. Deutsche Musiker können solche Lieder eigentlich nicht schreiben, Tocotronic aber schon.

Lowtzow findet einen Weg, sentimental und zugleich kitschfrei über sein früheres Ich zu singen. Er pflegt einen väterlichen Blick auf sich selbst. Die Erzählungen verbinden Inszenierung, Wahrheit und rückwirkende Neuerfindung. Man hört Anklänge an Hüsker Dü und Sonic Youth, an New Order und die Goldenen Zitronen. Manchmal gibt es einen Schlenker in den 80er-Jahre-Kitsch-Pop, was gut passt, denn: Dreams are my reality.

Der Sound? Warm und freundschaftlich

"Niemand wird dir folgen in die Wolken mit dem Wind", singt Lowtzow, "ich leb in einem wilden Wirbel" und "alles, was ich immer wollte, war alles". Wie er in dem unfassbar traurigen Lied "Unwiederbringlich" das Wort "Handy" ausspricht, ist einen eigenen Zeitungsartikel wert. Dann lässt er sich forttragen von den Gitarren, die an- und abschwellen, und in deren Sound man sich auch so gerne legen möchte, weil er so warm ist und freundschaftlich.

Vielleicht ist das hier die Tocotronic-Version von "The Wall". Aber diese Teenage-Symphony ist eben nicht kaltweiß zugemauert, sondern rosa und aus Marzipan. Jedenfalls ist das eine sehr schöne Platte, und als Lowtzow den letzten Vers singt, der "Bitte verlasst mich nicht!" lautet, schüttelt man den Kopf. Never.

(hols)
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