Neuaufnahme eines erstaunlichen Werks Wie eine Oper des 14-jährigen Mozart an den Ukraine-Konflikt erinnert

Aktueller kann Oper nicht sein: „Mitridate Rè di Ponto“ des 14-jährigen Mozart lässt unmittelbar an den Ukraine-Konflikt denken. Jetzt gibt es eine furiose Neuaufnahme.

 Der junge Wolfgang Amadeus Mozart im Jahr 1770.

Der junge Wolfgang Amadeus Mozart im Jahr 1770.

Foto: Fine Art Images/dpa

Mozart, das Genie, besaß zwei Eigenschaften, die uns immer wieder erstaunlich vorkommen: Unerschrockenheit und Unverfrorenheit. Kaum war er 14 Jahre alt, wagte er sich zum ersten Mal auf das schwierige Gebiet der sogenannten Opera seria, in dem sich schon die berühmtesten Komponisten bewegt hatten. Ernsteste Themen, düstere Staatspolitik, schwere moralisch-ethische Konflikte, Eroberungsfeldzüge, Herrscher im Zwiespalt: Das war etwas anderes als das Singspiel „Bastien et Bastienne“ oder die frühe Opera buffa „La finta semplice“ – jetzt musste Mozart Farbe bekennen. Aber war Weltpolitik nicht eine Nummer zu groß für einen Knaben?

Für Mozart war nichts zu früh oder zu spät, er spürte einen Auftrag in sich, eine Art unermessliche Ruhelosigkeit, sich in allen Sparten der Kunst auszuprobieren und als sicher zu erweisen. Die Premiere von „Mitridate Rè di Ponto“ am zweiten Weihnachtstag im Teatro Ducale in Mailand war ein Triumph. Dabei hatte er sich mit seinem Seria-Erstling eines politischen sehr brisanten Stoffs angenommen: Er greift die historischen Verwicklungen um den tyrannischen König Mitridate (132 bis 63 vor Christus) auf, der sein Reich von der Krim aus gegen das sich ausbreitende Römische Reich verteidigte. Eine andere Lesart war, dass die Römer allen Grund hatten, den hemmungslosen Imperialisten Mitridate in die Schranken zu weisen.

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In jedem Fall stehen in der Oper, von der es nun eine fabelhafte Neuaufnahme gibt, zwei feindliche Lager einander gegenüber, und angesichts der geografischen Situation (die Oper spielt in einer Hafenstadt am Schwarzen Meer) fällt es in diesen Tagen schwer, nicht an die nahe Ukraine zu denken. Die Frage, wie viel Putin in Mitridate steckt, ist natürlich historisch unsinnig, andererseits extrem reizvoll. Mitridate operiert mit Falschmeldungen. Er geht auch in der eigenen Familie über Leichen; wer nicht der Staatslehre anhängt, gilt als Verräter. Vor allem gibt er als Grund für seine eigenen Bestrebungen das vorrückende römische Imperium vor: Die Putin-Doktrin argumentiert ähnlich, nämlich mit der angeblich expansionshungrigen Nato.

Natürlich kannte Mozart die damalige Seria-Regel: Auch schwerste Stoffe sollten am Ende für angenehm befunden und vom Licht der Milde beschienen werden. Mitridate verliert die Schlacht zwar und stürzt sich in sein eigenes Schwert, „um nicht lebendig den Römern in die Hände zu fallen“ (wie der Musikforscher Michael Stegemann schreibt). Doch im Finale walten familiäre Geschlossenheit und die Entschlossenheit, im Kampf gegen Rom niemals zu wanken.

Gewiss ging es Mozart in „Mitridate Rè di Ponto“ weniger um die militärpolitische Komponente als um die amourösen Verstrickungen, doch lässt sich das eine vom anderen nicht trennen. Mitridate testet die Rechtschaffenheit seiner Söhne, indem er Fake News seines eigenen Todes verbreiten lässt. Gewiss interessiert ihn, ob sich Sifare und Farnace an seine Braut Aspasia heranmachen; doch noch wichtiger ist ihm der Aspekt der Treue. Freilich sitzt die cholerische Schraube in Mitridate sehr locker, kaum fühlt er sich provoziert, reagiert er mit schärfsten Attacken und schlägt um sich.

Solche grenzwertigen Emotionen reizten Mozart ungemein. Wie man Liebe vertont, das hatte er bereits in „Bastien“ und „La finta semplice“ erfolgreich ausprobiert, hier zeigt er es abermals in funkelnden, geschmeidigen, höchst kantablen Manövern, in denen auch Koloraturen wie die Perlen einer Kette klackern. Mitridates Maßlosigkeit war indes etwas Neues. Seine Arie „Vado incontro al fato estremo“ in gefährlicher Lage (die Römer haben ihren Fuß bereits an Mitridates Landesgrenze gesetzt) kann er nur bestreiten, indem er seine Tenorstimme mehrfach aus angenehmer Mittellage fast dolchartig zum dreigestrichen C springen lässt. Das hat nicht nur etwas Viriles, sondern auch Präpotentes: Bewölkung des Geistes, die sich mit der blendenden Gewalt hoher Töne tarnt. Wie Mozart diese changierenden Aspekte zu großer Musik vereint, ist unfassbar. Als 14-Jähriger!

Der französische Dirigent Marc Minkowski hat Mozart schon lange in sein Herz geschlossen, 2006 führte er das Werk bei den Salzburger Festspielen auf und ließ uns erkennen, dass Mozarts ungehemmte Couragierheit mit seinem unerhörten Ideenreichtum Schritt hielt. Jetzt ist das Team Minkowski noch besser als damals in Salzburg, allen voran der fast gleißende Tenor von Michael Spyres (Mitridate), die bezirzende Julie Fuchs als Aspasia, die herzerweichende Ismene von Sabine Devieilhe. Les Musiciens du Louvre spielen so elastisch, dass die Wellen am Schwarzmeerstrand zu strudeln beginnen.

Wer wissen will, woher Mozart seine subtilen politischen Einsichten hatte, die auch in „Tito“, in „Idomeneo“ oder gar im „Figaro“ eine Rolle spielen: Hier bekommt er eine Lehrstunde. Es ist tatsächlich wie Geschichte Leistungskurs – aber mit herrlichster Musik.

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