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Nachruf: Keith Flint, Sänger von The Prodigy, ist tot

Prodigy-Sänger Keith Flint † : Jetzt sind die 90er Jahre endgültig vorbei

Prodigy-Sänger Keith Flint ist gestorben

Seine Band gehörte zu den maßgeblichen Gruppen der 1990er Jahre. Ihr größter Hit hieß „Firestarter“ und übertrug das Prinzip des Punk auf die elektronische Tanzmusik. Nun wurde Flint tot in seinem Haus in Essex gefunden.

Wenn Kraftwerk die Beatles der elektronischen Musik sind, waren The Prodigy die Sex Pistols. Die britische Band rührte alles zusammen, was laut ist: Punk, Drum & Bass, Hardcore, HipHop und Techno. Und sie wusste, dass ein mächtiger Bass aus einem guten Abend einen fabelhaften Abend machen kann. Inmitten des infernalischen Lärms, den diese Gruppe auf der Bühne veranstaltete, stand ein Mann mit doppeltem Irokesen-Schnitt; er sah aus wie ein Teufelchen, wie ein in Säure gebadeter Hofnarr, und genau genommen stand er gar nicht, sondern sprang, hetzte, hüpfte und schrie. Hätte man ihn berührt, man hätte die nächsten zehn Jahre keine Steckdosen mehr gebraucht. Keith Flint hieß dieser Kerl, und er hat auf seinen Konzerten Zehntausende mit Energie versorgt. Er gab Strom. Nun ist er tot. Und die 90er Jahre sind endgültig zu Ende.

The Prodigy wurde 1990 gegründet, Keith Flint war zunächst als Tänzer eingeplant, dann wurde er Sänger der Band und ihr Gesicht. Musikalisch gesehen war das eine Zeit des Übergangs. Rock erlebte mit Nirvana und Oasis eine letzte Blüte, HipHop war auf dem Sprung, die Weltherrschaft zu übernehmen, und die elektronische Tanzmusik erstritt sich Stadionreife mit Brutalität. Prodigy legten früh das umwerfende Stück „Out Of Space“ vor, das einen Reggae-Titel sampelte und dann das ganz große Beat- und Bass-Geschütz auffuhr: Die Zeile „Let me take your brain to another dimension“ könnte man als Philosophie dieser Gruppe bezeichnen – wenn der Begriff Philosophie hier nicht so unpassend wäre. Um den Kopf ging es The Prodigy nämlich nie. Ihre Musik zielte einzig und allein auf den Körper.

Die Single „Firestarter“ erschien 1996, sie war eine Sensation. Totale Abfuhr, das Prinzip Krass, immer auf die Zwölf. „I’m the trouble starter, punkin‘ instigator“, schrie Keith Flint. Wenn man die 90er Jahre mittels zweier Songs zusammenfassen müsste, sollte man „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana nehmen und „Firestarter“: Auto-Agression und Ekstase. Keith Flint wurde zu einer ikonischen Figur. Die Piercings, dieser durchdringende Blick. Ein Berserker, der Chaos stiftete. Eltern beschwerten sich, wenn Prodigy-Videos im Fernsehen liefen. Bilder und Musik ängstigten ihre Kinder. Genau darum ging es The Prodigy: aufregend zu sein und gefährlich. Das war Punk-Rock für die Rave-Generation – oder, wie es der Musik-Journalist Simon Reynolds formulierte: „ein Aerobic-Workout für Frustration und Aggression“.

Aber wie das so ist, wenn die Zeiten sich ändern: In der neuen Dekade verloren die Veröffentlichungen von Prodigy an Wirkmacht. Die Band blieb ihrer Ära verhaftet, eine Weiterentwicklung fand nicht statt. Es kamen kaum jüngere Fans hinzu. Die alten indes blieben treu, jede Prodigy-Platte mit Ausnahme des Debüts erreichte Platz eins in England. Und tatsächlich verloren sie live nicht an Klasse. Ihre Auftritte waren Energietransfers. Keith Flint blieb dabei stets verborgen hinter seiner Maske des Techno-Punks. Man erfuhr immerhin, dass er geheiratet hatte und einen Motorrad-Rennstall gründete, der recht erfolgreich war.

Noch im November brachten The Prodigy eine neue Platte heraus, 2019 sollte eine Welttournee folgen. Am Montagmorgen fand die Polizei Keith Flint in seinen Haus in Essex. Bandkollege Liam Howlett schrieb bei Instagram, Flint habe sich das Leben genommen: „RIP, Bruder“.