Sänger Shane MacGowan von „The Pogues“ „Er hat sich selbst ausgelöscht“ – Der Tod eines großen Poeten

Düsseldorf · Sein Lied „Fairytale Of New York“ ist einer der großen Weihnachtshits des Pop. Der Ire Shane MacGowan lebte ein selbstzerstörerisches Leben. Jetzt starb er im Alter von 65 Jahren.

 Shane MacGowan 1999 auf der Bühne.

Shane MacGowan 1999 auf der Bühne.

Foto: dpa/Michael Walter

Dieser Kerl hat eines der unwahrscheinlichsten Weihnachtslieder geschrieben. Eine Frau und ein Mann streiten darin, es geht hart zur Sache, das Wort Schwuchtel kommt vor, weswegen manche Radiostation den Song nicht spielen mag, aber er ist so wahrhaftig, kitschfrei, ehrlich und weihnachtlich in einem ursprünglichen Sinn wie wenige andere Lieder in dieser Jahreszeit. Dieses schöne Gossen-Poem heißt „Fairytale Of New York“, es stammt aus dem Jahr 1987, und es ist vor allem in den vergangenen zehn Jahren zu einem der meistgespielten Weihnachtshits geworden. Shane MacGowan sang es im Duett mit der im Jahr 2000 gestorbenen Kirsty MacColl, und dieser MacGowan wurde am Weihnachtstag des Jahres 1957 geboren.

Er war wild und widerspenstig, er achtete nicht auf sich, lief ohne Zähne herum, und auch wer ihn nie getroffen hat, wollte ihn am liebsten schütteln, weil er sich bisweilen so bescheuert und dumm verhielt. Aber er war eben auch: ein Poet, ein Schöpfer großer Melodien, ein Liebhaber des Schönen. Der Ire Shane MacGowan gründete 1981 in London die Band The Pogues, und er verband die Folkmusik seiner Heimat mit der rohen Energie des Punk. Die Pogues veröffentlichten drei Meisterwerke, 1984 ihr Debüt „Red Roses For Me“, 1985 „Rum, Sodomy & The Lash“ und 1988 „If I Should Fall From Grace With God“. Und mit jeder dieser Platten wurde MacGowan besser. Man höre nur mal den wunderbaren Song „A Rainy Night in Soho“ oder „A Pair Of Brown Eyes“. Er hatte schon als Kind viel gelesen und früh zu schreiben begonnen, er hatte beobachtet und sich einen Reim auf das gemacht, was er sah. Und nun dichtete er, war empathisch und empfindsam und nahm sich die Besten zum Vorbild, die Bibel und die Mythen. Gut möglich, dass die tollsten seiner Stücke deshalb zeitlos klingen, als wären sie irgendwo im Äther diffundiert, und MacGowan hätte sie einfach gepflückt.

Seine Eltern hatten dem jungen Shane abends zwei Gläser Guinness gegeben, damit er besser einschlafen könne, und entsprechend früh war der Sohn alkoholabhängig. Zu seinen schlimmsten Zeiten soll er drei Flaschen Whiskey pro Tag gesoffen haben, Heroin und LSD kamen obendrauf, zudem psychische Probleme. „Er hat sich selbst ausgelöscht“, sagte sein Vater über ihn.

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Vielleicht merkte man, dass er nicht anders konnte. Vielleicht spürte man, dass das jemand war, der aufrechter als viele andere war, ehrlicher. „Junge!“, dachte man, wenn man wieder etwas von ihm oder über ihn hörte. Junge, ist das gut. Oder: Junge, was machst Du wieder für einen Mist. Jedenfalls war Shane MacGowan jemand, den man ins Herz schloss, nicht nur der Musik wegen, sondern vor allem wegen seiner Unverbrüchlichkeit. Gemeinsam mit Joe Strummer von The Clash gehörte er zu den mythischen Figuren des Punk.

Shane MacGowan (hier im Jahr 2022) saß seit 2015 im Rollstuhl.

Shane MacGowan (hier im Jahr 2022) saß seit 2015 im Rollstuhl.

Foto: dpa/Scott Garfitt

So ein ungezügeltes Leben rächt sich irgendwann, und seit Ende der 1980er Jahre häuften sich bei Shane MacGowan die gesundheitlichen Probleme. Er erkrankte an Hepatitis, durfte nicht mehr trinken, was er natürlich ignorierte. Im Jahr 2000 zeigte ihn Sinead O’Connor wegen Besitzes von Heroin an, um ihm das Leben zu retten. Nach mehreren Stürzen saß er seit 2015 im Rollstuhl. Im vergangenen Jahr verbrachte er nach einer viralen Gehirnentzündung lange Zeit in Intensivpflege. Wer ihn in dem Film „Shane“ sah, der vor drei Jahren sein Leben auf die Kinoleinwand brachte, weiß: Shane MacGowan war körperlich ein Wrack.

Trotzdem war da immer noch dieser Witz, der Charme, die Bissigkeit. Viele hatten gemutmaßt, er würde die 90er Jahre nicht überleben. Aber er war noch da. 2018 heiratete er Victoria Mary Clarke, die er bereits 1982 kennengelernt hatte.

Das Gute ist, dass er mit jedem Weihnachtsfest deutlicher ins Bewusstsein der Menschen tritt und dass sie jedes Mal, wenn in den nächsten Wochen „Fairytale of New York“ gespielt wird, an ihn denken: „It was Christmas Eve babe / In the drunk tank / An old man said to me, won’t see another one.“

Shane MacGowan ist tot. Er wurde 65 Jahre alt.

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