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Interview mit Campino von den Toten Hosen: "Nach der Tournee musste ich ins Krankenhaus"

Interview mit Campino von den Toten Hosen : "Nach der Tournee musste ich ins Krankenhaus"

Im Interview mit unserer Redaktion spricht Campino, Sänger der Toten Hosen, über seine körperlichen Gebrechen, die Perspektiven für seine Band und über Angela Merkel.

Die Zentrale der Toten Hosen liegt im Düsseldorfer Stadtteil Flingern. Versteckt in einem Industriegebiet hat die Plattenfirma JKP (Jochens Kleiner Plattenladen) ihren Sitz in zwei gegenüberliegenden Lagerhallen. In der ersten Halle sind Büros untergebracht. Ledersofas stehen darin, es ist hell, auf einem Tisch liegen T-Shirts mit dem Schriftzug der Band — Campino soll sie signieren. In der anderen Halle lagern im Erdgeschoss Überbleibsel der "Krach der Republik"-Tournee: Bühnenaufbauten, Plakate, Gitarrenkoffer.

In der Etage darüber wohnte bis vor wenigen Wochen Campino. Eine steile Treppe führt hinauf. Das Loft dient nun als Konferenzraum. Ein Fernseher mit Playstation steht noch da, ein rotes Sofa und ein langer Tisch mit Stühlen. Campino kommt spät — die Physiotherapie hat länger gedauert. Man merkt ihm nicht an, dass er bis vor kurzem an Krücken ging: Er wirkt elastisch. Campino macht es sich bequem, nimmt von den Trauben, die in einer Schale angerichtet sind.

Eben ging die erfolgreichste Tournee zu Ende, die eine deutsche Band je gespielt hat: Die Toten Hosen sind am Gipfel. Ist das nicht der ideale Zeitpunkt, die Band aufzulösen?

Campino Nein.

Haben die Toten Hosen nach dem Ende der Tour Bilanz ziehen können?

Campino Wir haben uns nach dem letzten Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle für ein paar Tage auf Ibiza getroffen. Es waren gute und wichtige Gespräche. In den vergangenen drei Jahren steckten wir mitten im Kampfgetümmel und konnten wenig Rücksicht aufeinander nehmen. Man zieht die Sache einfach durch. Nun konnten wir erstmals fragen, wie es dem Einzelnen ergangen ist, was ihm gefallen hat und was nicht.

Haben Sie in die Zukunft geschaut?

Campino Ja, wir haben uns auch Gedanken darüber gemacht, wie es weitergehen könnte. Es gibt die eine oder andere Absichtserklärung, und wenn sich demnächst herausstellt, dass das alles nicht hinkommt, kann man die Pläne ja wieder umwerfen. Aber wir wollten ein Gerüst haben, damit jeder seine Aktionen außerhalb der Band so einteilt, dass er weiß, wie viel Zeit er dafür hat.

Wird es es bei den avisierten zwei Jahren Pause bleiben?

Campino Das ist so verabredet. Ob wir dann tatsächlich wieder Konzerte zusammen spielen, muss man sehen. Fest steht, dass wir jetzt erst einmal Funkstille haben, was die Band angeht. Sich privat sehen oder telefonieren, das wird es schon geben. Aber als Kollektiv haben wir uns auf Eis gelegt.

Sie werden einander aber nicht aus den Augen verlieren?

Campino Nein. Wir werden uns wahrscheinlich schon im Sommer wieder treffen, uns Musik vorspielen und einander zeigen, was uns inspiriert und im Kopf herumgeht. Wir bleiben in Berührung, damit wir sehen, was die anderen beschäftigt.

Ein Datum für die nächste Platte oder deren Produktion gibt es nicht?

Campino Nein. Wir haben aber das Tourfinale in Düsseldorf aufgezeichnet und diese DVD wird im Frühjahr veröffentlicht. Regisseur ist Paul Dugdale, der auch die Stones im Hyde Park gefilmt hat. Ich habe gerade den Rohschnitt unseres Konzerts gesehen, und ohne angeben zu wollen, muss ich sagen, dass es ihm großartig gelungen ist, die Stimmung einzufangen.

An jenem Wochenende sind Sie mit gerissenem Meniskus aufgetreten.

Campino Ja, das ist mir im Sommer passiert, und danach habe ich Abend für Abend gekämpft, um das durchzustehen. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, wie ich das wollte. Paul Dugdale hat das aber so gefilmt, dass es nicht weiter auffällt.

Das erste der Düsseldorfer Konzerte gehört für mich zu den drei Live-Höhepunkten des Jahres.

Campino Welches sind die anderen?

Barbra Streisand in Köln und Bruce Springsteen in Mönchengladbach.

Campino Da sind wir ja in guter Gesellschaft! Wir haben zu Springsteens Konzert in München einen Betriebsausflug gemacht, als Zeichen des Respekts und als Nachhilfeunterricht für uns. Es war kalt, und Springsteen kam eine halbe Stunde früher als geplant auf die Bühne, damit die Leute nicht so lange frieren und warten mussten. Das würde kein anderer machen. Die Art und Weise, wie er mit den Leuten kommuniziert, ist großartig. Seine Lässigkeit, die Spielfreude. Das war hochinteressant für uns.

Werden jene Leute noch einmal zu einem Konzert der Hosen kommen, die wegen "Tage wie diese" da waren?

Campino Das wage ich nicht vorherzusagen. Du kannst so eine Begeisterung nicht konservieren. Du selbst hast nicht im Griff, ob das so bleibt. Deshalb habe ich den Moment genossen und war dankbar, dass es überhaupt passierte. Ich möchte mir keine Sorgen machen, ob das eines Tages anders wird.

Das erste Sommerkonzert der Tour war in Bielefeld. Denkwürdiger Tag.

Campino An diesem Abend war ich unglaublich enttäuscht. Ich habe bei uns keine Weiterentwicklung erkannt, dachte, wir seien nicht vorangekommen. Als ich die Bühne verließ, wollte ich die anderen deshalb nicht sofort anschreien. Ich stürzte in ein Zimmer, um dort bis 100 zu zählen. Hinter mir habe ich eine Brandschutztür zugeworfen und mir dabei eine Fingerkuppe abgetrennt. Wer weiß, wofür es gut war. Ich vergaß jedenfalls sofort, weshalb ich sauer war. Ich hatte plötzlich ein anderes Problem. Am zweiten Abend waren wir besser im Flow.

Ihr Verletzungspech war enorm.

Campino Ja, dabei lief alles triumphal: Stadion voll, Sonne geht unter, keine Wolke am Himmel. Aber ich hockte backstage und ließ meine Beine bearbeiten, weil wieder irgendwas kaputt war.

Fingerkuppe, Meniskus. Was noch?

Campino Achillessehnen-Anriss auf beiden Seiten. Ich hatte mich versprungen. Und Du kannst ja nicht einfach aufhören. Ein Fußballer geht zum Trainer und sagt, er muss zwei Wochen pausieren und dann erstmal nur eine Halbzeit spielen. Aber bei uns läuft das nicht. Mein Knie schwoll an, ich musste Schmerzmittel nehmen. Dadurch reagierte ich nicht auf den Schmerz, das machte die Sache noch schlimmer. Jeden Tag Reha-Trainig, fit werden für den Abend, das Ding durchziehen und nach der Show im Hotel Beinübungen machen. Da war nichts mit Schampustrinken und danach gemütlich aufs Bett legen. Ständig hatte mich die Realität im Griff.

Das Ende der Tour muss eine Erleichterung gewesen sein.

Campino Ja. Ich war danach im Krankenhaus, das Knie ist operiert worden. Jetzt sind die Krücken schon wieder weg, ich bin in der Reha, und alles ist wieder gut.

Was machen Sie jetzt?

Campino Ich kümmere mich um das Bein. Der Körper ist mein Kapital, deshalb muss ich ihn ernst nehmen. Das heißt: täglich drei Stunden daran arbeiten. Ich habe seit dem letzten Konzert noch keinen entspannten Tag gehabt und noch nicht einmal ausgeschlafen. Das nervt mich wirklich.

Das Thema Flüchtlingselend beschäftigt sie sehr. Sie haben ein Lied darüber geschrieben.

Campino 'Europa' ist eines der wichtigsten Stücke auf unserer Platte und hat leider eine beklemmende Aktualität bekommen. Die Leute fühlten sich vor zwei Jahren noch nicht so berührt, aber durch Lampedusa haben sie die Dimension dieses Unglücks begriffen. Sie sind betroffen. Die Politiker verkrampfen sich dabei total. Es tut ihnen eine Woche lang fürchterlich leid, sie kondolieren, wollen im Grunde aber keine Zugeständnisse machen. Wenn die Aufregung dann vorüber ist, geht alles weiter wie gehabt. Die Festung Europa wird von den Abriegelungsverfahren her noch weiter perfektioniert. Immer unter dem Vorwand, man wolle den Menschenhandel eindämmen.

Was war der Auslöser für das Lied?

Campino Ich musste an mir selber feststellen, dass ich bei der regelmäßigen Meldung 'wieder Flüchtlingsboot abgesoffen' so emotionslos war, als würde ich mir die Wetterkarte ansehen. Aber man darf das nicht hinnehmen und ausblenden, dass es uns betrifft, dass wir selbst mitverantwortlich sind. Wir sind Mit-Finanziers und Mit-Entscheidungsträger dieser Lage. Stellen wir uns doch mal vor, hier in Europa wäre Chaos, wir würden mit einem Koffer über Nacht fliehen, man würde uns in Afrika nicht hereinlassen und man würde eiskalt auf hoher See unser Boot rammen, abfangen oder aufbringen, wie würde sich das für uns anfühlen? Dieses Gefühl, aus der Hölle zu fliehen und nirgendwo ankommen zu können, das muss schrecklich sein. Ich glaube, dass diese Thematik nicht an die Parteizugehörigkeit gebunden sein darf: Egal, ob SPD, Grüne oder CDU — man muss das Recht auf Asyl jedem Menschen zugestehen. Diesen Konsens muss es geben. Jeder hat das Recht, seinen Wunsch auf Asyl vorzubringen.

Sie haben einen Unterschriften-Aufruf für eine andere Asylpolitik begleitet. Dafür gab es nicht nur Applaus.

Campino Man sagte uns: Holt euch doch selber Ayslbewerber in die eigene Wohnung. Das ist natürlich Unsinn. Die zuständigen Instanzen würden uns was husten, wenn wir anfangen würden, Asylbewerber privat aufzunehmen. Selbst wenn wir sagen würden, wir geben zehn Menschen ein Dach über dem Kopf und finanzieren sie drei Jahre. Das ist überhaupt nicht möglich. Dieser Vorwurf lenkt auch von der Thematik ab. Die Leute hier haben Angst, dass ihnen wegen der Asylbewerber etwas weggenommen wird. Und das ist ein Zeichen dafür, dass etwas in Sachen Aufklärung falsch läuft, dass Politiker in diesem Punkt versagt haben. Es geht ja nur um einige Tausend Personen in Relation zu 80 Millionen, die hier leben. Uns geht es wesentlich besser als Menschen in ärmeren Ländern, die deutlich mehr Asylbewerber aufnehmen.

Was denken Sie über die große Koalition?

Campino Ein Kompromiss, aber zugleich das Gebot der Stunde. Ich konnte mir eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen, als die FDP rausgewählt war. Ich glaube, dass diese Partei sehr lange davon profitiert hat, das Zünglein an der Waage zu spielen. Ich konnte deren Profil nicht mehr erkennen, das zu Zeiten von Genscher noch da war. Diese Partei hatte nichts mehr zu suchen in der Regierung.

Sie sind Frau Merkel einst begegnet.

Campino Da war sie noch Familienministerin und unter anderem auch für Drogenpolitik zuständig. Sie war noch nicht so erfahren und abgeklärt wie heute. Ich hatte damals den Eindruck, dass sie den Posten nur als Durchgangsstation empfunden hat und deshalb nicht wirklich tief im Thema war. Ich weiß bei ihr nicht so genau, was sie aus dem Bauch heraus entscheidet und was die Berater vorgeben. Nehmen Sie heute zum Beispiel die ganze NSA-Affäre. Meiner Meinung nach ist die Empörung der Politiker zur Hälfte nur Theater, man konnte sich doch denken, das wir letztendlich seit dem Zweiten Weltkrieg fortwährend unter Beobachtung stehen, das hat sich mit dem Fall der Mauer eben nur teilweise gelockert.

Irgendwann ist die Reha beendet. Was planen Sie dann?

Campino Es gibt ein paar Überlegungen. Vielleicht zur WM nach Brasilien zu fahren und mir Spiele anzuschauen.

Wie sieht Ihr perfekter Sonntag aus?

Campino Nicht den Wecker stellen. Gut frühstücken. Mittagsspiel aus der englischen Liga im Fernsehen gucken. Radfahren oder spazieren. Wald oder Rheinwiesen. Ich schaue mir gerne DVDs an mit Musikerbiografien, zuletzt eine über Tom Petty. Und, das muss ich zugeben, ich schaue dann gerne den 'Tatort'.

Nein.

Campino Doch. Das erinnert mich an früher. Als ich ein Junge war, hat mein Vater mir immer erlaubt, den 'Tatort' zu sehen. Allerdings nur bis 21 Uhr. Ich wusste also nie, wer der Mörder war und musste mir das am nächsten Morgen in der Schule erzählen lassen. Ehrlich, ich habe das genossen. Dann habe ich mir die Serie lange Zeit nicht mehr angeschaut. Und irgendwann kam ich zurück zu dieser Gewohnheit. Wie die meisten Deutschen.

Ihre Lieblingskommissare?

Campino Ballauf und Schenk. Aber ich akzeptiere auch die anderen.

PHILIPP HOLSTEIN FÜHRTE DAS iNTERVIEW

(nbe)