1. Kultur
  2. Musik

Musik: Für Gitarrist Miguel Braga ist die Portugiesische Gitarre der Klang des Fado

Gitarrist Miguel Braga spricht über sein Instrument : „Die Portugiesiche Gitarre ist die Seele des Fado“

Gitarrist Miguel Braga spielt den oft melancholischen Fado aus tiefster Seele, ist aber auch für lustige Internet-Videos zu haben. Ein Gespräch über das Wesen, die Tücken und die Faszination der zwölfsaitigen „Guitarra Portuguesa“.

Miguel Braga (37) will nur spielen. Mit seiner Portugiesischen Gitarre und dem Viola-Spieler Joaquim Canico sowie verschiedenen Sängerinnen ist er oft in Deutschland unterwegs zu Fado-Abenden, unter anderem in Köln, Düsseldorf, Mönchengladbach und Leverkusen. Konzertreisen sind während der Corona-Pandemie nicht möglich, auch in Portugal können Musiker wie Braga ihrem Job nicht nachgehen. Aber er postet viele Videos mit Fado-Melodien bei Facebook. Auf einem spielt er mit einer Darth-Vader-Maske die „Star Wars“-Melodie. Im Interview spricht er darüber, über den Fado und seine Beziehung zu seiner Gitarre.

Senhor Braga, wie kam es zu Ihrem Auftritt als Masked Guitar-Player?

Miguel Braga (lacht): Das ist schnell erklärt. Ich bin ein großer „Star Wars“-Fan. Meine Schwester hat mir mal zu Weihnachten diese Maske geschenkt. Ich habe an dem Abend dann für meine Familie Gitarre gespielt – und meine Schwester schlug vor, doch mal die „Star Wars“-Melodie zu spielen. Daran habe ich mich jetzt erinnert und das Video aufgenommen. Es hat Spaß gemacht und ich denke, ich habe den Leuten ein bisschen Freude bereitet, das tut in dieser Zeit, die für uns alle schwer ist, gut.

Sprechen wir über Ihr Instrument. Es hat seine Wurzeln in England?

Braga Ja und nein! Die Guitarra Portuguesa gehört zur Familie der Cistern, den Laut- und Zupfinstrumenten, die ja auch bei euch in Deutschland ihre Geschichte haben. Die englische Gitarre kam im 16. Jahrhundert nach Portugal, aber sie hat nur zehn Saiten, die Guitarra Portuguesa hat zwölf. Bei uns gab es schon die Laute, bevor die englische Gitarre kam. Dann haben portugiesische Gitarrenbauer im 18. Jahrhundert die Guitarra Portuguesa entwickelt. Wo genau die Wurzeln liegen, ist nicht eindeutig geklärt. Aber für mich ist sie ein einzigartiges Instrument.

Brasilianische Fußballspieler haben eine besondere Beziehung zum ihrem Hauptarbeitsgerät, dem Ball. Sie denken an ihn wie an eine Frau und geben ihm Kosenamen. Wie ist es mit Ihnen und Ihrer Gitarre – ähnlich innig?

Braga Namen gebe ich meinen Gitarren nicht. Es geht mehr um den, der sie gebaut hat. Ich habe Gitarren aus Lissabon und Coimbra. Und wenn ich mir eine Gitarre aussuche, dann sage ich: Jetzt spiele auf der Grácio. Die Familie baut nun schon in dritter Generation Gitarren.

Wie ist das Wesen der Guitarra Portuguesa? Männlich oder weiblich?

Braga Sie ist weiblich, schon deshalb, weil das Wort Gitarre erstmal weiblich ist. Es ist aber tatsächlich so: Wenn ich an meine Gitarre denke, dann ist es, als ob ich an eine Frau denke. Das liegt an ihrem Wesen. Sie ist wie eine Frau, sehr gefühlvoll, aber auch launisch (lacht).

Der englische Gitarrist Johnny Marr sagte mal, er sei besessen von der Gitarre. Wie ist es bei Ihnen?

Braga Das ist bei mir auch so. Meine Gitarre ist wie meine Partnerin, wie ein Teil meiner Familie, sie gehört zu mir. Die meisten meiner Gedanken drehen sich um meine Gitarren. Ich habe mit zwölf Jahren meine erste Gitarre bekommen und angefangen zu spielen. Mit 18 habe ich dann die Guitarra Portuguesa kennengelernt und mich in sie und ihren Klang verliebt.

Wie viele portugiesische Gitarren haben Sie?

Braga Zehn im Moment. Ich bin ein Sammler.

Was ist das Besondere an der Guitarra Portuguesa?

Braga Es ist eine große Herausforderung, sie zu spielen. Der Unterschied zu anderen Instrumente wie der Geige oder dem Klavier ist, dass es viel Wissen darüber gibt, wie die Instrumente zu spielen sind, man kann es sich in Büchern anschauen und es gibt viele Lehrer, die es einem beibringen können. Bei der Guitarra Portuguesa gibt es Ton-Aufnahmen, auch sehr alte. Aber man muss es sich selbst erarbeiten, seinen eigenen Stil finden. Es ist sehr kreativ, dieses Instrument zu spielen, weil es viele Möglichkeiten bietet. Es ist sehr speziell, weil es wie kaum ein anderes Instrument eine Musikrichtung charakterisiert: den Fado. Die Guitarra Portuguesa ist die Königin der portugiesischen Instrumente.

Ist die Guitarra Portuguesa die Seele des Fado?

Braga Ja, das würde ich sagen. Aber der heutige Fado hat sich verändert, er ist anders als der traditionelle Fado. Sängerinnen wie Mariza oder Ana Moura sind weniger traditionell, sie haben den Fado mehr zur Popmusik gemacht. So erreichen sie ein neues, jüngeres Publikum, sie sind die Hauptbeziehungspunkte der neuen Generation der Fado-Fans. Im modernen Fado verliert die Guitarra Portuguesa ein wenig von ihrem Einfluss, weil andere Instrumente in den Vordergrund rücken. Aber im traditionellen Fado spielt die portugiesische Gitarre die Hauptrolle: Sie ist der Fado und Fado ist die Guitarra Portuguesa.

Die Dichterin Florbela Espanca hat in ihrem Gedicht „Der Fado“ von einem Schluchzen einer seltsamen Gitarre geschrieben, das die Nacht erfüllt. Ist das eine treffende Charakterisierung der Guitarra Portuguesa?

Braga Es ist tatsächlich so: Die Guitarra Portuguesa kann schon mal sehr bizarr klingen. Ihre Melodien transportieren viele Gefühle. Und diese Gefühle können sehr nostalgisch und seltsam sein. Was Espanca meinte, sind die Gefühle, die die Gitarrenspieler mit ihren Gitarren ausdrücken. Das kann natürlich auch mal sehr kitschig sein. Fado erzählt vom Leben und die Portugiesische Gitarre ist der Klang dazu. Sie hat zwölf Saiten und kann damit viele Geschichten erzählen.

Es wird unterschieden zwischen dem Lissaboner Ton und dem Coimbra-Ton bei den Portugiesischen Gitarren. Was ist der Unterschied?

Braga Als der Fado im 18. Jahrhundert geboren wurde, war der Unterschied nicht so groß. Doch mit der Zeit hat es sich so entwickelt, dass der Coimbra-Fado nur von Männern gesungen wird. Es waren Serenaden an die Mädchen der Universitätsstadt Coimbra, die Tricanas. Die Studenten singen für sie in ihren schwarzen Capes. In Lissabon war das anders, da wurde der Fado in den Kneipen in Alfama, im Barrio Alto oder in Mouraria gespielt. Aber die Gitarren sahen gleich aus und klangen auch gleich. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Coimbra-Gitarre neu konstruiert. Denn in Coimbra wird die Gitarre meistens draußen gespielt. Darum muss sie sehr laut sein, um gehört zu werden. In Lissabon ist das Gegenteil der Fall. Sie wird nur drinnen gespielt und darf nicht zu laut sein.

Was ist Ihr Favorit?

Braga Ich bevorzuge die Lissaboner Gitarre, ganz einfach, weil wir immer in Fado-Lokalen spielen. Aber die Coimbra-Gitarre ist ein wunderbares Instrument, vor allem, wenn man ein Gitarren-Solo spielt. Sie bietet mehr Möglichkeiten, es gibt mehr Stücke, die für sie komponiert wurden, zum Beispiel vom wunderbaren Artur Paredés, der der Coimbra-Gitarre einen ganz neuen Sound gegeben hat zusammen mit Kim Grácio und Joaó Pedro Grácio Junior.

Sie sagten, die Guitarra Portuguesa sei der Klang des Fado. Wirkt sie nur im Fado?

Braga Wenn ich eine neue Sprache lerne, Deutsch oder Portugiesisch oder Englisch, dann muss ich mich total auf die neue Sprache einstellen. Jede Sprache ist anders. So ist es auch mit der Musik. Wenn man die Sprache der Musik kennt, kann man auch jedes Instrument dafür nutzen. Natürlich hat jedes Instrument seinen eigenen Charakter, insbesondere die Guitarra Portuguesa.

Aber das kann man doch auch für andere Musikrichtungen nutzen. Sie hat viel Potential. Kann Sie zum Beispiel dem Jazz neue Reize geben?

Braga Ich bin gerade dabei, einige Sachen auf der Guitarra Portuguesa auszuprobieren. Flamenco, Jazz, Gypsy Jazz. Mein Ziel ist, Jazz-Melodien oder Melodien von Django Reinhard in den Fado zu integrieren. Man muss diesen Melodien ein neues Gewand geben mit der Guitarra Portuguesa, daran arbeite ich gerade. Es ist spannend.

Wird das den Fado verändern?

Braga Das glaube ich nicht. Und das ist auch nicht mein Ziel. Fado muss Fado bleiben. Ich achte sehr darauf, den traditionellen Weg einzuhalten. Die Portugiesische Gitarre hat ihre Charakteristiken, und wenn man den Jazz damit zusammenbringt kann es funktionieren.

Sie haben gesagt, die Guitarra Portuguesa sei die Seele des Fado. Dann ist Amalia Rodrigues die Stimme des Fado?

Braga Ja, das sie. Sie ist sogar die Stimme Portugals, das war sie, das ist sie und sie wird es immer sein. Da gibt es keine Diskussion. Alle namhaften Komponisten wollten Songs für sie schreiben, weil sie eine wunderbare Stimme hatte. Sie ist eine der besten Sängerinnen aller Zeiten.

Rodrigues hat den Fado damals in die Welt hinausgetragen. Bis hinter den Eisernen Vorhang in die UdSSR sogar. Heute ist es auf den großen Bühnen Mariza, aber auch Sie bei den Konzertreisen. Ist Fado en Vogue?

Braga Ich denke schon. Fado wird jetzt wieder mehr promotet, zum Beispiel durch Stars wie Mariza, darum ist er präsenter auch außerhalb Portugals. Fado ist eine tolle Musik, das war er immer. Die Viola, die Guitarra Portuguesa und die Stimme der Fadista dazu, das kann manchmal klingen wie ein ganzes Orchester. Der Klang des Fado füllt einen Raum mit vielen Gefühlen, das kommt bei den Leuten an, nicht nur in Portugal.

Es gibt aber noch immer viele Leute die sagen: Fado ist düster und traurig, er macht dich depressiv. Was sagen Sie dazu?

Braga Fado transportiert sehr viele Gefühle. Was den Coimbra-Style angeht, ist es schon richtig, dass sich vieles eher traurig anhört. Im Lissaboner Fado gibt es zwar auch sehr viele fröhliche Melodien. Aber das Hauptthema des Fado ist nun mal, dass er nostalgisch ist und davon handelt, die Vergangenheit zu vermissen. Das kann manche Menschen depressiv machen, ich kann das nachvollziehen. Aber ich glaube, dass es nicht die Musik ist, die die Menschen depressiv macht, sondern die Gefühle, die in den Menschen sind und durch die Musik ausgelöst werden.

Sie sind ein Filmfreund. Würden Sie sagen: Fado ist mehr ein Melodram als eine Komödie oder ein Abenteuer?

Braga Fado heißt Schicksal. So wird es eher ein Melodram sein. Aber man kann auch einen Fado-Abend machen nur mit fröhlichen Liedern. Grundsätzlich sage ich aber: Melancholie war schon immer der Motor für Kunst und Musik. Und denken wir an die Geschichte Portugals: Wir sind eine alte Seefahrernation, das Meer war aber auch immer bedrohlich. Und davon handeln viele Fado-Geschichten. Warum, das ist schnell erklärt: In der Vergangenheit war der Fado das Lied der Prostituierten, Marktfrauen, Diebe, Seefahrer, Piraten. Sie haben tagsüber ihr Leben gelebt und abends darüber in der Taverne gesungen. Heute sind Fadistas sehr angesehene Künstler. Aber sie singen noch immer vom Leben. Und das ist auch mal auch traurig und wir Menschen voller Sehnsucht.