“Millennial Punk“ in der ARD Neue Serie mit den Toten Hosen und Broilers – Gibt’s eigentlich noch Punk?

Düsseldorf · Die Toten Hosen und die Broilers treten in der ARD-Serie „Millennial Punk“ auf. Die vierteilige Dokumentation beantwortet die Frage, was aus Punk geworden ist. Die Antwort stimmt hoffnungsfroh.

"Düsseldorfer Kultband  - Das sind die Toten Hosen" - Fotos
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Düsseldorfer Kultband - Das sind die Toten Hosen

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Foto: Endermann, Andreas (end)

In der Mediathek der ARD gibt es eine Doku-Serie, die vom Punk erzählt, und wer nun denkt, oh je, darüber wurde doch schon so viel gesagt, der sei ermahnt, denn das ist nun etwas Anderes, etwas Neues: Es geht um den Punk der zweiten Generation. Im Mittelpunkt von „Millennial Punk“ stehen jene, die zwischen 1980 und 1999 geboren wurden. Persönlichkeiten also, die auf der Schwelle zwischen analogem und digitalem Zeitalter aufwuchsen. Wie interpretieren diese Menschen eine alte Jugendkultur? Warum fühlen sie sich von ihr angezogen? Und: Wie definieren sie Punk?

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Der Clou der Reihe: Sie hat die Form einer Oral History, sie verzichtet auf kommentierende Stimmen aus dem Off und vertraut allein den Interviewten. 69 Angehörige der Szene kommen zu Wort, wobei „Szene“ nicht pingelig und strikt abgegrenzt, sondern angenehm weit gefasst wird. Auch das ist eine Erkenntnis dieser vier Folgen zu je 45 Minuten: Genrebeschränkungen gibt es nicht mehr. Punk ist eine Haltung, die ausgreift in den HipHop und offen ist für Einflüsse und Inspirationen aus Techno und Elektronik. Und: Durch die offenen Archive des Internets konnte man die Ramones und The Clash aufarbeiten und eigene Musik von daheim in die Welt bringen, Vergangenheit und Gegenwart verbinden.

Diana Ringelsiep, Felix Bundschuh, Nico Hamm und Flo Wildemann haben über dreieinhalb Jahre hinweg rund 100 Stunden Material gesammelt. Punk sei vorbei, habe man ihnen immer gesagt, erzählt Wildemann bei der Premiere der Serie im Düsseldorfer Savoy-Theater. Im Publikum sitzen unter anderem Mitglieder der Toten Hosen und der Broilers, die in den einzelnen Episoden stark vertreten sind. Die Toten Hosen haben eine Vorbildfunktion für die neue Generation von Punk, das wird vor allem ab der zweiten Episode deutlich, wenn es um politisches Engagement geht. Da sieht man das Künstlerpaar Birgit und Horst Lohmeyer, das in Jamel in Mecklenburg Vorpommern inmitten einer rechtsextremen Gemeinschaft aufrecht bleibt. Campino und Co. unterstützen sie, berühmt ist das Festival „Jamel rockt den Förster“, bei dem Bands wie Die Ärzte auftreten, ihre Solidarität erklären und sich für Demokratie und Toleranz einsetzen.

„Millennnial Punk“ versteht sich zu 50 Prozent als Generationenporträt und zu 50 Prozent als Punkrock-Doku, heißt es bei der Premiere. Die erste Folge ist noch ziemlich wehmütig: Tamagotchi, Jamba-Sparabo, Arabella Kiesbauer, Furby und Britney Spears. Das hätte man ruhig straffen und einordnen können, da erzählt die Band Rogers etwa, sie habe auch mal Ecstasy ausprobiert, „das war gut“. Allmählich aber spielt die Serie ihre Stärken aus. Da lernt man Dariush Beigui kennen, der Tausende Flüchtlinge aus dem Meer gerettet hat. Da hört man von Broilers-Sänger Sammy Amara, wie ihm einst in Düsseldorf-Garath auffiel, dass viele Menschen ihn nicht so wahrnehmen, wie er sich selbst wahrnahm, sondern: als Ausländerkind.

Sammy (l.) und Andi von den Broilers.

Sammy (l.) und Andi von den Broilers.

Foto: obs/ARD Mediathek

Punk wurde spätestens nach dem elften September zu einer enorm gegenwärtigen Bewegung. Eindrucksvoll sind die persönlichen Erinnerungen an das Datum: „Ein ganz entscheidender Tag für immer“, sagte Joshi von der Band ZSK. „Wir leben jetzt in einer anderen Welt“, sagt Fat Mike von NOFX. „Die Sippenhaft gegen südländisch aussehende Menschen nahm zu“, sagt Sammy Amara. Und bei Viva war erst mal Sendepause.

Über Sampler wie „Rock Against Bush“ versicherte man sich des Zusammenhalts. „Die coolen Punks sind die, die was machen“, heißt es. Und mit Blick auf aktuelle Konflikte stellen die Rogers die einfache und traurige Frage: „Warum müssen Tausende sterben, wenn vier sich streiten?“

Das Verdienst dieser liebevollen Dokumentation ist erst mal dieses: Man schließt die, die da reden, in ihrer Unterschiedlichkeit, Besonderheit und Unverbrüchlichkeit ins Herz. Man hört ihnen gerne zu. Und: Man erfährt, wie gemeinsame Ziele aus einer Generation Verbündete machen. Musik ist dabei buchstäblich Medium: Ausdruck einer Haltung, Mittel der Kommunikation. Die zweite Generation ist popkulturell informiert. Wie rebelliert man, wenn bei Viva Enie van de Meiklokjes die Love Parade ganz selbstverständlich mit pink gefärbtem Haar moderiert? Funktionierte Punk früher stark über Abgrenzung, durch das Dagegensein, wirkt es inzwischen so, als sei Punk stärker durch ein Dafür-Sein charakterisiert. Die Parole „No Future“ wird umgekehrt, Punk glaubt offenbar wieder an die Zukunft und kämpft dafür.

Und irgendwie hat man den Eindruck, dass alte Helden wie Die Toten Hosen und Die Ärzte ebenfalls beeindruckt sind von denen, die die Tradition in die Gegenwart tragen. Dass sie sich freuen, als Bezugspunkt zu gelten, als Türöffner und Kompass. Und wie sie gleichzeitig davor geschützt werden, allzu nostalgisch zu werden.

Jedenfalls: Punk’s not dead, echt nicht.

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