Kraftwerk: Warum der Grammy verdient ist

Music-Oscar für Düsseldorfer Band : Verdienter Grammy für Kraftwerk

Die Klang-Ingenieure aus Düsseldorf wurden am Wochenende in Los Angeles mit dem Musik-Oscar geehrt. Begründung der Jury: Sie waren stets ihrer Zeit voraus. Mit ihrem Stil hätten Kraftwerk Künstler wie Björk, Blondie, David Bowie, Daft Punk und Depeche Mode inspiriert.

Jetzt bekamen sie also den Grammy für ihr Lebenswerk. Am Samstag, am Tag vor der eigentlichen Gala mit Preisvergabe an die besten Musiker des abgelaufenen Jahres im Staples Center zu Los Angeles, wurden die Düsseldorfer Musikmaschinisten Kraftwerk für ihre Verdienste um den Pop gehrt. Oder besser: dafür, dass sie im Wettlauf Hase gegen Igel immer der Igel sind. Die Zeit rast, aber Kraftwerk ist längst da, wenn die Zukunft beginnt. In der Begründung der Jury heißt es denn auch, Kraftwerk seien "eindeutig ihrer Zeit voraus". Und wer sich nun fragt, worin dieser Vorsprung denn liegt und was genau die Leistung von Kraftwerk eigentlich ist, sollte sich einmal ihre vier wichtigsten Alben noch in Ruhe anhören.

"Autobahn" (1974) Die drei ersten Alben von Kraftwerk kann man dem Genre Krautrock zuordnen, da produzierten sie noch mit Gitarre und Querflöte. "Autobahn", das vierte Album, ist anders, vor allem das 22 Minuten lange Titelstück, das in England und Amerika sehr beliebt war. Es ist nahezu komplett elektronisch, und es steht im Widerspruch zur Musik der Zeit, etwa zum Stadionrock-Virtuosentum von Pink Floyd. Die Posen des Rock wurden mechanisiert, schockgefrostet und in tausend Stücke zerschlagen. Stattdessen: Ordnung und kristallener Glanz. "In ,Autobahn' liegt der Schlüssel zum Verständnis dieser Gruppe", schreibt der englische Kraftwerk-Biograf David Buckley. "Im Refrain ,Wir fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn' hörte ich zum ersten Mal deutsche Wörter außerhalb von Kriegsfilmen. Kraftwerk haben die Sprache und Kultur ihrer Heimat internationalisiert." Sie verbanden Sound und Kunst, größtmögliche Klarheit, maximale Reduktion, vollkommene Form. Es gelang ihnen, Atmosphäre herzustellen, obwohl sie doch nur die immergleichen Beats wiederholten. Die Autohupe verweist dabei auf den oft unterschätzen humoristischen Aspekt im Werk Kraftwerks: Sie sind ernst bis zur Albernheit.

"Trans Europa Express" (1977) Spuren dieser Platte findet man in jedem besseren Technostück. Lakonische Raps, elegantes Stampfen. Die Töne werden in der puren Form dargereicht, man kann diese Stücke nicht weiter komprimieren, das ist die reine Effizienz, die Essenz des Sounds. Dieses Album hat bei aller Klarheit und Verständlichkeit Spannung, es wirkt entschlossen und dabei doch wehmütig, das macht es so anregend. Das Stück "Metall auf Metall" gehört zu den wohl meistzitierten Kompositionen der elektronischen Musik. Und noch heute staunt man über den brillanten Schlagzeug-Sound: Wie können Bassdrum und Snare so fantastisch klingen? Ein Höhepunkt der Platte ist "Europa Endlos", ein einfacher Song mit lieblicher Atmosphäre und fein austarierter Melodienmechanik. Sentiment und Zukunftsvision. Er wurde zur Blaupause für den Synthie-Pop von Bands wie OMD.

"Die Mensch-Maschine" (1978) Das erfolgreichste Kraftwerk-Album enthielt den Nummer-eins-Hit "Das Modell" und das programmatische "Die Roboter". Wenige Platten sind derart perfekt produziert. Wichtig ist "Mensch-Maschine" aber vor allem in optischer Hinsicht. Für das Cover ließen sich Kraftwerk in den roten Hemden und mit schwarzen Krawatten fotografieren. Dieser Look wurde stilprägend, er gab dem Konzept der menschlichen Roboter eine Ikonographie, die überall verstanden wurde. Zudem machte Kraftwerk die Welt mit den Portalsfiguren ihrer Klangwelt bekannt, mit Fritz Lang und seinem Film "Metropolis" etwa und den Expressionisten. Die sechs Stücke sind makellos. John Foxx von der Band Ultravox empfahl Frank Sinatra damals, er solle das Stück "Neonlicht" covern. Man hätte das gern gehört.

"Electric Café" (1986) Das Album wurde bei Erscheinen verrissen. Dabei gehört die erste Seite zu den Höhepunkten im Schaffen dieser Musiker. Das Prinzip der Wiederholung wurde auf die Spitze getrieben, die Sounds wurden mehrfach destilliert, die Abstraktion überschreitet die Grenzen dessen, was man damals begreifen konnte. Diese Platte ist so radikal und wagemutig, dass man sie erst zehn Jahre nach Veröffentlichung als zeitgenössisch wahrnehmen mochte. Sie ist Bezugspunkt für den Minimal-Techno. "Electric Café" wurde zunächst analog produziert und sollte "Technicolor" heißen, so geht der Mythos, dann überarbeitete Kraftwerk das Material digital. In der Neuausgabe von 2009 wurde der Titel abermals geändert — nun lautet er "Techno Pop". Er bringt das Phänomen Kraftwerk auf den Punkt.

(RP)
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