Ur-Mutter des Punk-Rock stellt Buch vor: Kölsche Ehrfurcht vor Patti Smith

Ur-Mutter des Punk-Rock stellt Buch vor: Kölsche Ehrfurcht vor Patti Smith

Köln (RP). Die 63-jährige Ur-Mutter des Punk-Rock stellte in Köln ihr Buch über die Zeit mit dem Fotokünstler Robert Mapplethorpe vor. Dem Auditorium war die Hochachtung vor der Künstlerin aus New York anzumerken. Auch BAP-Sänger Wolfgang Niedecken war fasziniert.

Am Ende stand sie auf, nahm die Gitarre und spielte und sang den Song "My Blakean Year". Ob sie die Augen geschlossen hielt, war nicht zu erkennen, es schien so, aber die Haare hingen davor; splissige Haare, die sie am Morgen nass gemacht und am offenen Fenster getrocknet haben mochte.

Sie schritt durch den Raum, das Publikum gab ihn frei, und dann blieb sie stehen, vor Wolfgang Niedecken, dem Sänger von BAP. Sie sang weiter, sah ihn an, schäkerte. Er stand mit verschränkten Armen da, der kölsche Rocker genierte sich ein bisschen und schaute zu Boden. Was wird er gedacht haben?

Eine Schamanin der Off-Kultur

Patti Smith war in Köln, sie stellte im Hotel Wasserturm ihr Prosa-Debüt einer Runde von Journalisten und Freunden des Verlags vor; es heißt "Just Kids. Die Geschichte einer Freundschaft". Darin geht es um die späten 60er und frühen 70er Jahre, die Zeit, als Smith von Chicago nach New York ging und wurde, was sie ist: Ur-Mutter des Punk-Rock, Schamanin der Off-Kultur, Überlebende einer Zeit, in der das Jungsein eine existentielle Bedrohung war. Im Mittelpunkt steht der Geliebte und Lebensfreund, der Fotokünstler Robert Mapplethorpe, der 1989 an Aids starb. Ein zartes und poetisches Buch, bei aller Trauer doch heiter und weise.

Patti Smith las mit harter Akzentuierung, abgehackt, das war faszinierend und fast Rap, die Performance ergäbe ein schönes Hörbuch; so können das nur wenige. Die zarte rechte Hand lag dabei wie schlafend in ihrem Schoß. Sie trug ein T-Shirt mit dem Umschlag-Motiv der Erstausgabe von Hermann Hesses Roman "Das Glasperlenspiel".

Es ist das letzte große Buch des Nobelpreisträgers, manche halten es für die Vollendung, andere für Esoterik-Kitsch. Das Werk von Patti Smith polarisiert ebenso stark, das Spirituelle und die Klagen über Palästina/Tibet/Libanon sind nicht jedermanns Sache. Anwesend waren nun aber hauptsächlich die Verehrer. Einer hatte sogar ihre erste LP zum Signieren mitgebracht, "Horses" von 1975. Eine epochale Platte, spröde und wüst, ihr folgten viele gute, "Radio Ethiopia" etwa, aber nur ein großer Hit: "Because The Night". Und der ist eher untypisch für diese Künstlerin.

Der Geist ihrer verstorbenen Mutter

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Patti Smith vermutete, dass der Geist ihrer verstorbenen Mutter ebenfalls im Saal sei, die Mama habe heute Geburtstag , und so viele Fotografen, das habe sie gemocht, das sei ja wie in Hollywood. Nur einer wagte es, Smith härter anzufassen. Sie schreibe, sie habe mit 21 die Doors live gesehen und dabei gedacht, das kann ich auch. Das sei doch wohl unverschämt. "Glaub mir", sagte Smith, "für mich war es so schräg wie für dich."

Wie früher in der Kirche hatten sich die Gäste eigenartigerweise nach Geschlecht geordnet hingesetzt: Rechts von Patti Smiths Bühnenplatz aus gesehen die Frauen, links die Männer. Der Autor Nick Hornby, der während des Lesefestes Lit.Cologne im selben Hotel residiert, überschaute die Szenerie von neutralem Platz an der Tür aus mit einem spöttischen Schmunzeln.

Wolfgang Niedecken stand bei den Frauen und flüsterte über den Gang mit einem Mann. Die Worte "Zvonimir Soldo" und "Lukas Podolski" kamen vor. Dann fragte eine Frau in der Reihe vor ihm, wie sich Patti Smith denn fühle als Ikone des Feminismus. "Wie Alexander der Große", antwortete sie.

Die Macht der Rückkopplung

Überhaupt war das Auditorium bereit, sich vor der Grande Dame zu verbeugen. Man wähnte sie im Besitz des letztgültigen Ratschlags: Wie wird man kreativ? Wie ist das im Alter? Wie muss man leben? Smith antwortete, man solle nicht musizieren, um Perfektion zu erreichen, sondern um Menschen etwas fühlen zu lassen. Sie riet allen Frauen, "Alice im Wunderland" im Kino zu schauen. Sie zitierte Rimbaud, Jeanne Moreau und viele mehr. Und man möge bitte an die Macht der Rückkopplung glauben.

Als sie zu singen begann, schien die Sonne in den Saal. Wolfgang Niedecken wird etwas gefühlt haben. Vielleicht dachte er: Es ist einfach Rockmusik.

(RP)