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Kantaten derzeit in aller Munde: Johann Sebastian Bach war Kleptomane

Kantaten derzeit in aller Munde : Johann Sebastian Bach war Kleptomane

Kassel (RP). Johann Sebastian Bachs Kantaten sind derzeit in aller Munde - bedeutende Interpreten spielen sie auf CD ein, der Bärenreiter-Verlag hat sie als Edel-Edition herausgebracht. Wieder merkt man, dass Bach sich gern beklaut hat.

Es ist das weiteste Feld, das einer der Giganten zurückgelassen hat, wir haben es nur selten bereist, kein anderer Komponist kann von sich sagen, dass er als Olympier eine Terra incognita besitzt, ein unerforschtes Gelände. Wir reden von Bach und seinen mehr als 200 Kantaten. Jeder weiß, dass es sie gibt, artig sendet der WDR sie sonntags, mancher Kantor führt sie auf, doch welcher Musikfreund kennt sie in ihrer Vielfalt, Ereignisfülle und Tiefendimension so gut wie etwa das Wohltemperierte Klavier, die Passionen, das Weihnachtsoratorium oder die Violin-Solosonaten?

Bach machte damals keinen Unterschied, was vorgeblich wichtiger oder unwichtiger war, dringlicher oder nebensächlicher, was Auftrag, was Selbstantrieb. Für Bach war alles eins: Lust aus Pflicht, Pflicht aus Lust. Bach komponierte grandiose Kantaten, weil sie bestellt waren oder an seinen Wirkungsstätten - vor allem in Leipzig - dazugehörten: zu Gottesdienst, Trauung, Ratswahl, Begräbnis, Orgelweihe. Aber er liebte diese Aufgaben, verbiss sich in sie, gab ihnen musikalisch-theologische Inbrunst mit.

Man stelle sich vor: Mehr als 2000 Leute saßen damals Woche um Woche in der Leipziger Thomaskirche, um Bachs Musik im Gottesdienst zu erleben, und allwöchentlich staunten sie. Heute dürfen wir dieses Staunen wieder lernen, denn Bachs Kantaten sind derzeit das Lieblingskind der hochbefugten Bachinterpreten. Der Japaner Masaaki Suzuki, ein Kronprinz in Bachs Reichen, wird auf dem Weg seiner fulminanten Gesamtaufnahme beim schwedischen Label BIS im Mai die 35. Folge vorlegen. Sigiswald Kuijken treibt eine Neuedition in Kleinstbesetzung vor (beim belgischen Label Accent); auch schon stattlich herumgekommen ist seit 1999 John Eliot Gardiner auf seiner "Bach Cantata Pilgrimage" (jüngst erschienen die Kantaten zu Ostern beim Label SDG = Soli Deo Gloria).

Geistige Strenge und musikalische Lust

Und zur Krönung hat der Bärenreiter-Verlag Kassel jetzt den gewaltigen Kantaten-Teil der Neuen Bach-Ausgabe in 19 Bänden als Studienpartituren vorgelegt. Ein erlesener Druck, eine Flut von geistiger Strenge und geometrisch-architektonischer Verdichtung: Näher als mit dieser Edition ist man Bachs geistlich-geistiger Welt nie gekommen. Wer die (mitunter verschroben anmutenden) Texte liest und dazu Bachs Musik hört, taucht ein in fremde Welten und beginnt sich heimisch zu fühlen. Man blättert und staunt Bauklötze: Das alles hat einer alleine geschrieben!

Nicht ganz. Bach hat geklaut, abgeschrieben - und zwar regalmeterweise. Wir müssen uns klar machen, dass Klauen zu Bachs Zeit üblich war. Bach klaute vor allem bei sich selber, ein Auto-Kleptomane vor dem Herrn. Das ist mehr als nur eigene Hits nachsingen oder fremde zu covern: Es ist Wiederverwendung in neuem Gewand mit neuem Sinn zu neuem Zweck. Die Musikwissenschaft nennt es "Parodieverfahren". Parodieren war das Bach-Prinzip, und die Kantaten waren sein tägliches Exerzierfeld. Warum?

Bach war oft in fürchterlicher Zeitnot, wenn er eigene Werke (vor allem Kantaten) in neue Werke (vor allem Kantaten) ummodelte, wobei die Noten meistens gleich oder ähnlich blieben und nur neue Texte obendrauf kamen. Manchmal indes schrieb er ohne Zeitnot eine weltliche Kantate und hatte schon eine geistliche als fernes Umwandlungsziel eines Satzes oder ganzer Satzgruppen im Kopf. So war Bach.

Das Weihnachtsoratorium ist ein Totalrecycling älterer Kantaten; das Gloria der h-moll-Messe ist eine Wiederverwendung einer Weihnachtskantate. Wichtig ist: Was einmal in der geistlichen Sphäre angekommen war, konnte nicht mehr (weltlich) für einen Kurfürsten nutzbar gemacht werden. Gott war für Bach die letzte Instanz, auch beim Klauen.

So steigen wir ein in die neuen Platten unter Hilfe der neuen Partituren - und finden am heutigen 11. April vor 283 Jahren die Osterkantate "Ein Herz, das seinen Jesum lebend weiß", wo wir in Bachs Sinne wieder zum Musizieren und Singen verhaftet werden. Die erste Arie geht so: "Auf, Gläubige, singet die lieblichen Lieder, / Euch scheinet ein herrlich verneuetes Licht."

Itzo ist es gut!