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Von Netrebko bis Bartoli: Inflation der Sopran-Diven

Von Netrebko bis Bartoli : Inflation der Sopran-Diven

Immer mehr Sopranistinnen werden von den Medien als Diva umjubelt. Die Damen selbst lehnen den Titel oft ab, obwohl sie sich geschmeichelt fühlen. Eine neue Maria Callas ist aber weit und breit nicht in Sicht – viele bleiben nur eine Sternschnuppe.

Immer mehr Sopranistinnen werden von den Medien als Diva umjubelt. Die Damen selbst lehnen den Titel oft ab, obwohl sie sich geschmeichelt fühlen. Eine neue Maria Callas ist aber weit und breit nicht in Sicht — viele bleiben nur eine Sternschnuppe.

Früher waren die Erkennungszeichen einer Diva sonnenklar: Sie besaß eine natürliche Widerspenstigkeit, führte sich zickig auf, war kinderlos, verschliss Männer oder ließ erst gar keine an sich heran — und immer war sie ein Sopran, unter Umständen auch ein Mezzo.

Gemäß der lateinischen Herkunft war die Diva einzigartig, nämlich göttlich. Der Auftritt mehrerer Diven in einer Veranstaltung war früher nur unter rechtsanwaltlicher Billigung und unter Zahlung von Strafzuschlägen möglich. Eine Diva wurde überdies definiert dadurch, dass sie in der Regel keinen Wagner sang.

Manches davon gilt noch heute, vieles nicht mehr. Maria Callas, das Urtier des Divinen, sang natürlich Wagner, doch legendär wurde sie durch Bellini, Donizetti, Verdi, Puccini. Da konnte ihre natürliche Exzentrizität (die nur eine Maske ihrer Feinfühlig- und Ängstlichkeit war) voll durchschlagen, Nervosität begleitete jeden Ton.

Alle auf Gottschlaks Couch

Früher gab es die Callas, heute gibt es Schwärme von Diven. Täglich wird eine geboren, täglich wieder eine vergessen. Im Göttinnenhimmel herrscht Hochbetrieb. Sie alle saßen bei Thomas Gottschalk auf dem Sofa, sie plappern hübsch, machen artig Reklame für die neue Platte und sind nett zum Volk. Das hätte die Callas nie getan.

Wer zählt zu den Diven von heute? Unbedingt Angela Gheorghiu, Renée Fleming, Anna Netrebko, Joyce DiDonato, Diana Damrau, Cecilia Bartoli — obwohl bei jeder von ihnen sofort der Einwand der Nettigkeit und Zugewandtheit verficht. Die Netrebko zum Beispiel schlendert in Salzburg mit ihrem Gatten Erwin Schrott durch die Straßen und lässt sich ansprechen.

Macht das eine Diva? Mancher bewirbt schon Anna Prohaska für das Fach, für welches sie aber noch zu jung ist, oder Christine Schäfer, die für eine Diva fast zu intellektuell ist. Ein Hamburger Nachrichtenmagazin, im Ausrufen von Trends selbst ein wenig in die Jahre gekommen, bejubelte neulich die Französin Patricia Petibon, schickte jedoch die Spitze nach, die Dame sei für die absolute Brillanz jedoch ein wenig zu alt.

Alle der Genannten beteuern, keine Diven zu sein, sie seien ganz normale Frauen, die nebenbei auch Kinder kriegen, doch einen spannenden Hauptberuf hätten, in den sie viel Zeit und Kraft investieren. Der Aspekt der geheimnisvollen Berufung spielt in Interviews der Diven von heute immer weniger eine Rolle, sie sind patente Ladys, für den Alltag zu gebrauchen. Zugleich wissen sie alle, dass das Wort von der Diva ein Prädikat mit extrem kurzer Halbwertzeit ist. War nicht Annette Dasch mal eine? Und Simone Kermes, die sich immerhin so anzieht? Was ist aus der Georgierin Nino Machaidze geworden, die 2008 für Netrebko in Salzburg einsprang und von der alle glaubten, sie starte durch? Hallo Olymp: Was ist aus den Diven geworden?

Unerbittliche PR-Maschinerie

Neulich hörte der Schreiber dieser Zeilen Angela Gheorghiu als Mimi in der Hamburger "Bohème". Auf dem Schwarzmarkt wurden für die drei Vorstellungen, in denen sie sang, spektakuläre Preise geboten, es herrschte ein Gesumm der Vorfreude — und als die für ihre Extravaganz und Launen bekannte Rumänin dann durch Rodolfos Tür trat und zu singen begann, überkam das Auditorium eine gewisse Enttäuschung.

Natürlich war die Stimme wunderbar, aber man wollte doch ein bisschen großes Kino erleben, Ausstrahlung, den Kitzel der Wirkung — aber da war wenig. Sie bewegte sich ein wenig marionettenhaft, als wolle sie den Abstand zu den lokalen Sängerkräften demonstrieren. Hinterher winkte sie ein wenig steif ins Publikum, als sei sie enttäuscht, dass die Ovationen halt nur hanseatisch ausfielen.

Und irgendwie hat sich auch bei ihr die Ahnung erfüllt, dass Stimmen auf der Bühne bisweilen längst nicht so toll sind wie auf Platte. Umgekehrt gilt das auch: Die Wagner-Sängerinnen Gwyneth Jones oder Hildegard Behrens waren toll, wenn der Vorhang hochging; ihre Identifikation mit einer Rolle transformierte kleinere sängerische Mängel. Wenn sie nur vor einem Mikro standen, hörte es sich schon anders an. Da können Diven manchmal ganz schön nackt klingen.

Die US-Amerikanerin Renée Fleming meinte neulich, sie habe gar keine Zeit, Diva zu sein. Da ist etwas dran. Die PR-Maschinerie ihrer Plattenfirma ist unerbittlich, sie jagt um den Globus, da hat man kaum Zeit, am eigenen Image zu basteln. Und die Konkurrenz ist ja auch riesig. Alle paar Tage schreibt wieder irgendein Kritiker, jemand sei eine Diva, und das treibt die Inflation dieses Etiketts astronomisch in die Höhe.

Tatsächlich ist unsere Zeit mit ihrer Gier nach abgehobenen Events, die eine geistige Tiefebene angeblich überstrahlen, wie gemacht für die dauernde Promotion von Megastars. In dieser Hinsicht muss jede Diva von heute fürchten, dass sie nichts anderes ist als eine Sternschnuppe. Nur wer lange am Firmament bleibt, darf Diva genannt werden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: 2011: Anna Netrebko erobert München

(RP/das)