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Comeback: Ina Deter ist wieder da

Comeback : Ina Deter ist wieder da

Düsseldorf/Berlin (RP). Die Sängerin feiert mit 60 Jahren ein Comeback und ist live auf der Bühne zu sehen. Nach ihrer Brustkrebserkrankung und völligem Ausgebranntsein zählt für sie nur noch der Augenblick.

"Emanzenzicke" haben sie böse Zungen genannt, als Ina Deter Anfang der Achtziger ihre ungehörigen Songs spielte. Und doch waren es nicht gerade wenige, die aus vollem Halse mitgrölten. "Emanzenzicke" - das Wort betrachtet die 60-jährige Berlinerin heute fast als Kompliment. Ist sie doch die einzige Sängerin, die die Themen der Frauenbewegung in Deutschland musikalisch besetzt hat und sich in ihren gesellschaftspolitischen Überzeugungen über Jahrzehnte treu geblieben ist.

Nach mehr als einem Vierteljahrhundert steht sie in einer kleineren Clubtour wieder auf der Bühne, so als wäre nichts geschehen. Ihre Markenzeichen hat sie bewahrt: Zu den 1,50 Körpergröße passen die kessen Zöpfe, die bunte, poppige Kluft. Beim Hüpfen treibt sie immer noch die Sprungkraft einer 20-Jährigen an, nur fürs Lesen benötigt sie eine Sehhilfe. Rührend.

Ina Deter singt so warm timbriert wie immer, kickst seltener so kokett wie früher, tritt in den Dialog mit ihren glänzenden Musikern. Und wieder wippen ein paar hundert Füße rhythmisch mit, fließen Tränchen nostalgischer Verzückung, skandieren sogar junge Fans die alten Lieder. Ihre Lieblingsstücke von damals hat sie aus der Schublade gezogen, kammermusikalisch aufpoliert und in einer anspruchsvollen Form für die Bühne arrangieren lassen. Nun erlebt sie, dass ihre Zeit noch längst nicht vorbei ist, dass sie, die die Welle neuen Frauenselbstverständnisses mitangestoßen hatte, immer noch angehört und gern gesehen wird.

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Ihre Vorbilder sind starke Frauen wie Hildegard von Bingen, Petra Kelly - Alice Schwarzer in gewisser Weise auch. Als in den Jahren der 68er-Nachbeben der Abtreibungsbeitrag der "Emma"-Chefin für die Sendung "Panorama" gecancelt wurde, fühlte sich Ina Deter erst recht ermuntert zu ihrem autobiografischen Stück "Ich habe abgetrieben". Das war 1972. Nur damit machte die Liedermacherin noch keine Schnitte. Erst Anfang der 1980er komponierte sie Songs, die Hits und damit charttauglich waren. Doch gerade diese Erfolgsstücke, aus deren Tantiemen sie größtenteils ihren Lebensunterhalt bestreitet, hat sie lange Jahre nicht mehr öffentlich spielen wollen: "Neue Männer braucht das Land (1982/83)", "Mit Leidenschaft (1984)", "Frauen kommen langsam, aber gewaltig (1986)", "Ich will die Hälfte der Welt (1987)". In den späten 1990ern versuchte sie ein Comeback, mit mäßigem Erfolg. Dann führte sie ihre musikalische Experimentierfreude zu Edith Piaf. Mit dem Evergreen-Programm, "Voilà", legte Ina Deter Rockmusikerkluft und Gitarre ab und gab sich recht erfolgreich als Sängerin auf deutsch vorgetragener Chansons.

Dann kam der große Schnitt. Sie erlebte im Privatleben die "größte denkbare Niederlage", als man 2001 bei ihr Brustkrebs feststellte - "eine niederschmetternde Diagnose". Die Bewältigung der lebensbedrohlichen Krankheit hat sie allergrößte Anstrengung gekostet. Unweigerlich überfiel sie das große Grübeln. Doch irgendwann hat sie sich die Frage "Warum ich?" nicht mehr gestellt. "Ich habe versucht, die Krankheit als positives Zeichen, als Weiche für die Zukunft zu verstehen."

Ina Deter hat fortan auf die Kraft der positiven Gedanken gesetzt, dem Stress entsagt, zwei Gänge zurückgeschaltet. Ein weiteres Unglück befreite sie aus weiteren Zwängen: Zu Hause brannte ihr Arbeitszimmer aus und vernichtete fast alles, was bis dahin ihr Leben bestimmt hatte. Auch der Computer stürzte ab. Seitdem liest sie keine E-Mails, hört die Mailbox nicht ab, lässt sich nicht mehr treiben zu Dingen, die Zeit haben. Sie ist vom Rheinland zurück in ihre Heimatstadt gezogen, und sie beherzigt einen neuen Leitspruch: "Was du heute kannst besorgen, das verschieb' getrost auf morgen." Kurz vor ihrem 61. Geburtstag sagt sie: "Ich spüre wieder Kraft, seit ich über den Berg bin". Mit dieser Kraft lebt auch ihre Musik wieder auf.

(RP)