Band verschenkt Album bei iTunes : U2 sehnen sich nach der Jugend zurück

Die größte Band der Welt verschenkt ihr neues Album an 500 Millionen Menschen.

So oft war es angekündigt worden, so viel Male wurde die Veröffentlichung verschoben, und am Dienstag spät abends haben sie es einfach verschenkt. Das neue Album der irischen Band U2 wurde nach der Präsentation der Applewatch in Cupertino in die Bibliotheken aller iTunes-Nutzer geschickt - gratis und ungefragt. 500 Millionen Menschen weltweit wurde also zur selben Zeit mit denselben Liedern versorgt, ein einmaliger Vorgang.

"Songs Of Innocence" ist das erste Album von U2 nach fast sechs Jahren, und es dürfte ziemlich schwierig zu produzieren gewesen sein. Man hörte zwischendurch von verschiedenen Produzenten, die abgesprungen sind, von Songs, die verworfen wurden. Federführend ist nun Danger Mouse, der vor allem für seine Arbeit mit Gnarls Barkley ("Crazy") und Norah Jones bekannt ist. Ebenfalls als Produzenten beteiligt sind Paul Epsworth (Adele, Coldplay) und Ryan Tedder (Taylor Swift, Beyoncé).

Die Platte beginnt rockig, das erste Lied ist Joey Ramone gewidmet. U2 besinnt sich auf die eigene Frühphase im Post-Punk, auf die titelgebende Unschuld. Sie erzählen vom Aufwachsen im Norden Dublins, schwärmen von den Vorbildern The Clash und Ramones. Die ersten drei Stücke sind meilenweit entfernt vom Spiritismus und der ätherischen Elektronik des von Brian Eno produzierten Vorgängers "No Line On The Horizon".

Im Verlauf des Album wechseln die dornigen Stücke ("Cedarwood Road" zitiert Led Zeppelin) mit Balladen. U2 flirten mit den Killers und franz Ferdinand. Es fehlen indes die Hymnen, zu denen man im Stadion die Fahnen schwenkt, es fehlen auch die Moral-Predigten Bonos. Allein "Every Breaking Wave" ist klassisches U2-Material. Die Texte sind sehr persönlich, und eine Zeile wie "I'm a long way from where I was and where I need to be" lässt erahnen, dass dieser Veröffentlichung viele Streitereien über den künstlerischen Kurs vorausgegangen sein dürften. Mit fortschreitender Spieldauer fragt man sich allerdings, ob die erfolgreichste Band der Welt auf einem Album, das sie verschenkt, künstlerisch nicht jeher hätte wagen sollen.

Das großartigste Stück des Albums steht ganz am Schluss: Für "The Troubles" steuert Lykke Li Vocals bei, Danger Mouse unterlegt den Song mit seinem Trademark-Sound, dem elektronischen Blubbern.

"Songs Of Innocence" ist ein Album, das sich um Jugendlichkeit bemüht und das in seinen besten Momenten tatsächlich frisch klingt. Es wirkt wie ein Standortbestimmung. Es gehört nicht in die Reihe von Großtaten wie "Boy", "The Joshua Tree" und "Achtung Baby", aber es verspricht einiges: Wer es hört, ist so gespannt auf das, was wohl als Nächstes von U2 kommt, dass er eine neue Platte sogar kaufen würden.

(hols)