Klassik küsst Elektro

Waschzettel zu neuen Platten sind normalerweise wenig aussagekräftig, manchmal sogar peinlich. Da sind Gruppen gekommen, "um Deutschland" zu rocken, Musik macht "Gänsehaut", und Musiker haben den Mut "zu ganz großen Emotionen".<br />Eine bemerkenswerte Ausnahme ist der Text zu einer tollen CD, die Anfang September erscheinen wird.

Da hatte mal jemand die eigentlich nahe liegende, aber bislang nicht verwirklichte und deshalb geniale Idee, die vielen Querverbindungen zwischen aktueller elektronischer und klassischer Musik auszuarbeiten. Me Raabenstein, Betreiber des Berliner Plattenlabels nonine recordings, versammelt auf der bei Decca angekündigten CD "XVI Reflections on Classical Music" Stücke von Hauschka, Alva Noto, Murcof, GAS, Lawrence und diversen Künstlern der Labels Type und Miasmah zu einer Werkschau postmoderner Virtuosität.

Der Promotext beschäftigt sich mit der von vielen Plattenfirmen geleugneten Tatsache, dass "Popmusik ihr Identität stiftendes Moment verloren hat". So etwas wie Punk werde es nicht mehr geben. Und das Tröstliche daran: Es ist ja gar nicht schlimm. Denn: "Es ist eine stille Revolution im Gange, eine Revolution, die sich unter anderem in der Auflösung stilistischer Grenzen äußert." Es geht um einen Crossover zwischen gewachsener, klassischer Musik und "unkonventioneller, oft elektronischer Musik". Von "musikalischer Kernschmelze" ist da die Rede.

Man könnte diese Tendenz auch bei House-Music und Jazz ausmachen und auf einem CD-Sampler nachvollziehbar machen. Immer mehr Produzenten von deeper House-Music lieferten zuletzt Jazz-Platten ab: Theo Parrish und Jus Ed etwa. Vielleicht nähern sich die Musiken an, die bislang nebeneinander existierten. Spannend zu beobachten.