Er spielte mit einer Wolke

1. Gestern sind David und ich nach Köln ausgeflogen. Dabei war es schwer, einen Termin zu finden. Denn Davids Tag ist stark strukturiert. Außerdem will ich, dass er Morgen- und Mittagsschlaf zuhause einlegt, damit ich mich auch noch hinlegen kann.

Wir fuhren also erst um halb 3 los. Im Gepäck: warmes Wasser, Breipulver, Banane, 2 Ersatzschnuller, Fruchtmus, Möhrensaft, Pampers, Holzclown, Mütze, feuchte Tücher, Lätzchen, Versichertenkarte, Kinderwagen.<br />2. Die Hinfahrt überstand ich ohne größeres Gequengel, weil ich drei Mal Davids Lieblingslied mitsang: "Winter in Kanada" von der Weihnachts-CD "Snow 2". Das hört er gern, dann spielt er mit der Wolke, die am Bügel des Maxi Cosi hängt.
3. Unsere erste Station war Kompakt. Ich sammelte Platten auf dem Kinderwagen, David guckte zu. Gemeinsam fuhren wir zum Plattenspieler und hörten vor. Als er knütterig wurde, ließ ich ihn krabbeln. Er spielte erst mit dem Kabel der Kopfhörer und krabbelte dann unter den Kinderwagen, da ist ein Drahtgitter. Von dort lachte er ab und an stimmhaft. Ich fühlte mich gut: Als einziger im Laden stand ich mit einem Sohn am Plattenspieler, der eben noch mit einer Wolke gespielt hatte. Ich kaufte die Intrusion w/ Paul St. Hilaire auf Echospace und die neue Elegi auf Miasmah.
4. Gegen halb 4 bekam David Hunger. Wir kehrten bei Curry ein. Irgendwann stellte sich das Problem, das Alleinerziehende kennen dürften: müssen müssen. Ich fragte die Bedienung, ob sie mal so freundlich sein könnte, auf David aufzupassen, ich wolle mir mal die Hände wachen. Sie lachte, erzählte von ihrem kleinen Bruder, für den sie gesorgt habe. Als ich zurückkam, lachte David sie an. Erleichtert aß ich meine kalte Wurst zuende.
5. Dann zu Parallel auf der Aachener Straße. Da hatte David keine Lust mehr. Er unterhielt sich, indem er Oskar-Matzerath-Schreie von sich gab. Alle guckten. Ich nahm ihn aus dem Wagen, trug ihn. Er zog die Trennpappen, auf denen Interpreten oder Labels stehen, zwischen den Platten heraus. Wir gingen bald. Ich kaufte bloß die "Electric Café" von Kraftwerk in der englischen Version.
6. Zwischendurch Bäckerei. Brötchen für David. Die Inhaberin eine ältere Dame. Rheinischer Ernährungstyp. "Ihrer?", fragte sie und zeigte auf David. "Ja, wir sind diese Woche alleine", antworte ich. Sie lachte. "Da weißte am Freitag aber definitiv, dass du der Papa bist", sagte sie. "Oh ja", sagte ich.
LEKTÜRE: Sarah Kuttner, "Mängelexemplar": "Anette meinte, dass ich mich zu sehr von der Liebe abhängig mache, dass mir auch Freunde und Familie das Gefühl von Geborgenheit geben können, dass eine Beziehung nur die Olive im Martini ist, aber mal ehrlich: Martini ohne Olive ist scheiße. Und Philipp ist zwar definitiv keine Olive, aber zum jetzigen Zeitpunkt würde ich mir auch die Sardelle, die Philipp ist, in meinen Martini hängen."