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"Morning Phase“: Ein Meisterwerk: das neue Album von Beck

"Morning Phase“ : Ein Meisterwerk: das neue Album von Beck

Der amerikanische Musiker veröffentlicht mit "Morning Phase" seine beste Platte. Er versammelt darauf zärtliche Balladen mit West-Coast-Flair.

Man begegnet selten einer Platte, die einem aus der Seele spricht, die einen wirklich berührt, zur Herzensangelegenheit wird, aber die neue von Beck ist so eine Veröffentlichung. "Morning Phase" kondensiert den Moment, da man an einem der letzten verschwitzen Urlaubstage mit den Kindern im Auto vom Strand heimfährt, ein bisschen vor sich hinträumt und schon mal an daheim denkt, an die Rückkehr und das, was auf einen zukommt. Man riecht noch nach Sonnencreme, blinzelt gegen die Sonne an, man muss aber gleich die Reisetasche aus dem Schrank nehmen und packen. Das ist eine sehr schöne, aber auch ziemlich traurige Platte.

Von Beck hatte man ehrlich gesagt kein großes Album mehr erwartet. Ihm erging es wie so vielen Hochbegabten im Pop: Seinen Platten lagen großartige Ideen und Konzepte zugrunde, man war bereit, sie zu umarmen. Aber gern hören mochte man dann jeweils nur höchstens eine Handvoll Songs. Nach seiner Hit-Single "Loser" aus dem Jahr 1993 experimentierte Beck mit HipHop und Gospel, mit Rock und Folk. Die als Album schlüssigste Platte war sicher "Sea Change" von 2002, aber selbst da fürchtete sich Beck vor der Schönheit; er verstellte seine Stimme so eigenartig, sang mit Fantasie-Akzent, was das Durchhören der Lieder zur Geduldsprobe macht. Zuletzt veröffentlichte er ein Album ausschließlich auf Papier: "Song Reader" war ein Konvolut aus 20 Notenblättern. Es mache keinen Sinn mehr, Platten aufzunehmen, verlautbarte Beck. Bei Youtube konnte man dann Beck-Fans erleben, wie sie die Stücke aufführten.

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"Morning Phase" kommt nun sechs Jahre nach dem letzten regulären Album von Beck, "Modern Guilt", und es ist ein unverhofftes Meisterwerk. Im Zentrum steht das Lied "Wave", das Beck bereits vor fünf Jahren schrieb und die Stimmung vorgibt. Andächtig, zärtlich. Getragen mitunter, behutsam und liebenswürdig. Das Beste an diesem Lied, überhaupt an der Platte sind indes die samtweichen Streicher. Becks Vater David Campbell hat die Partituren geschrieben, und man merkt, dass er in den 70er Jahren für Hollywood komponierte, mit Jackson Browne arbeitete und Carole King. Das ist Folk mit West-Coast-Flair, auf die Essenz reduziert, pointiert und sorgfältig produziert. Kein Ton sitzt an der falschen Stelle, nichts ist überflüssig, es ist alles gut. Wer Vergleiche hören möchte, sei auf die späten Beach Boys verwiesen, auf Gram Parsons und das französische Elektronik-Duo Air.

Beck flüstert und wispert, nie hörte man seine Stimme lieber, nie klang sie reifer, und in "Don't Let It Go" singt er mit sich selbst im Duett. Es geht um das Altern der Eltern, um Scheidungen, das Kinderhaben und das Zerbrechen von Freundschaften. Textfragmente branden ans Ohr, "Get carried away", heißt es da, "Time will wait for you", und "Tired of being alone". Die Zeit steht still für die Dauer von 74 Minuten, gedehnte Dämmerung. Das ist eine Platte der Besinnung. Beck hält Rückschau, er sorgt sich um die Zukunft, und über ihm steht die Sonne Kaliforniens. Der Bass wird nur gezupft, dann und wann tupft Beck ein paar Piano-Akkorde in die Arrangements; eine gezähmte Mundharmonika darf auch mitmachen, und die Gitarren schmiegen sich brav an die Vocals.

Der "New Yorker" schrieb über "Morning Phase", die Platte sei ein Triumph. Das trifft es. Beck hat für dieses Jahr bereits ein weiteres Album angekündigt. Und obwohl es schöner gar nicht werden kann, ist die Vorfreude enorm.

(RP)