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Helene Fischer in Oberhausen: Es ist die totale Dankbarkeit

Konzert in Oberhausen : Ein großer Abend mit Helene Fischer

Die 30-Jährige trat in Oberhausen vor 10.000 Fans auf. Erst nach mehr als drei Stunden endete der Konzertabend.

Als das Konzert bereits seit drei Stunden läuft, kündigt sie das Lied an, auf das alle warten. Das Lied, das so viel in ihrem Leben verändert habe, wie sie sagt.. Sie beginnt eine Akustik-Version von "Atemlos", eine zarte Variante, die hübsch klingt und unerwartet.

Aber die 10000 Fans wollen diesen Song nicht als Kammerspiel, sondern so, wie sie ihn kennen: als Partypille. Sie brüllen das "oh-oh", sie reißen den Refrain an sich, sie nehmen Helene Fischer ihr Lied weg. Es ist viel Erwartung in der Halle, man spürt die Sehnsucht nach Ekstase.

Fischer lächelt. Sie fragt: "Seid ihr bereit?" Dann schenkt sie den Leuten das Lied, das Original, und es ist so viel Geschrei und Gesang, so viel Freude und Euphorie, dass man denkt: der Wahnsinn. Und: Deutschland 2014.

Helene Fischer tritt in der ausverkauften Arena in Oberhausen auf. Es sind Paare im Publikum, viele Paare, alte und jüngere. Und Familien, mehrere Generationen: von der sechsjährigen Enkelin bis zur 80-jährigen Oma. Einige haben sich schick gemacht, Kleidchen, Perlenkette, Pumps.

Helene Fischer kann man auch kaufen

Die Stimmung: arglos ausgelassen. Zwei Frauen stürmen aufs Männerklo, weil das andere überfüllt ist. "Achtung, sie ist schwanger", ruft die eine. Die andere lacht. Der Trick funktioniert. Mehrere Gruppen reisten aus Holland an, dort gibt es eine Coverversion von "Atemlos", sie heißt "Ademloos Door De Nacht". Sie stellen sich vor Plakate von Helene Fischer und machen Selfies, und überhaupt scheint die Sängerin der am häufigsten benutzte deutsche Selfie-Hintergrund nach dem Brandenburger Tor zu sein.

Viele tragen selbstbedruckte T-Shirts, "Helenes Copiloten" steht darauf oder "Helene says: Das ist unser Tag". Sie singen "Atemlos" vor den Bierständen, sie rufen den Namen "Helene", einfach so, und mancher spricht von ihr als "die Fischerin". Warum ist diese Frau so toll? "Die ist lieb. Die mag die Menschen", sagt eine Frau aus Mühlheim. Es ist ihr fünftes Fischer-Konzert.

Helene Fischer ist auch ein Wirtschaftsunternehmen. T-Shirts mit ihrem Namen kosten 35 Euro, das Parfum "That's Me" 39,99 Euro. Das Werbeposter für den Duft zeigt sie im Negligee. Zwei Männer deuten darauf, sie warten auf ihre Frauen, die sich nebenan ein Gläschen Fürst Metternich für 5,50 Euro kaufen. Traumfrau Helene? Die Männer sehen einander an. "Die ist schon lecker", sagt der eine. "Aber darum geht es hier gar nicht", sagt der andere. Beide lachen. Dann kommen die Frauen zurück. Bussi, Bussi, Prosecco.

Vor Beginn der Show gibt es eine Durchsage: Handys seien auszuschalten, fotografiert werden dürfe nicht. Das Publikum lacht, niemand hält sich daran - es wird der einzige Akt der Rebellion bleiben. Es gibt schlichtweg nichts, gegen das man aufbegehren möchte an diesem perfekten Abend. Das Konzert ist eine umwerfendes Ereignis, für das es keinen Vergleich in Deutschland gibt. Das ist Las Vegas in Oberhausen, und der Höhepunkt ist erreicht, als Helene Fischer auf den Hals eines gewaltigen Feuervogels steigt, von der Bühne abhebt, über das Publikum hinwegfliegt und "My Heart Will Go On" singt. Sie schenkt den Leuten Bilder, Bilder sind Erinnerungen, und Erinnerungen sind überhaupt das Kostbarste.

Power-Schlager

Fischer singt ihre Hits, Power-Schlager. Sie hält sich zumeist in der Mittellage auf, jeder Ausbruch in höhere Oktaven wird mit Applaus belohnt. Sie ist auf eine Weise charmant, die gerade noch so unverbindlich ist, dass es nicht gefährlich wird. Ihre Freundlichkeit ist undurchdringlich, man blickt nicht dahinter, und gerade das ist faszinierend.

Sie tanzt barfuß zu "Mitten im Paradies", lässt sich bei "Marathon" Wind ins Haar pusten, wie Beyoncé es tut. Sie bringt "Get Lucky" von Daft Punk und Pharrell Williams, "Living On A Prayer" von Bon Jovi und "Jump" von Van Halen. Nichts ist daran peinlich oder misslungen, alles passt, alles sitzt. Sie ist eine Wucht. Elf bemerkenswert gute Musiker unterstützen sie, sie verbinden die Stücke mit groovenden Einlagen, zitieren Michael Jackson, improvisieren. Hinzu kommen acht Tänzer aus den USA.

Das Konzert ist nach den Jahreszeiten aufgebaut. Helene Fischer erzählt ein Jahr. Die aufwändige Dekoration zeigt einen Hobbit-Wald, populäre Märchen-Romantik. Fluchtfantasie, kitschig, aber verlockend. Im Winter glitzern Svarovski-Steine an den Bäumen, und im Sommer schießen Flammen aus dem Bühnenboden. Der irrste Moment ist der, in den sechs als Mönche verkleidete Tänzer auf die Bühne stürmen, ein Rapper so tut, als sei das hier die Bronx, und Helene Fischer "SexyBack" von Justin Timberlake singt. Später wird sie am Ende des Stegs, der ins Publikum führt, "Bring Me To Life" von Evanescence bringen; dabei kniet ein Gitarrist vor ihr, und man kann es nicht fassen.

Ein Höhepunkt der Bescheuertheit

Ihre Ansagen sind ein bisschen hölzern, aber so, dass es sympathisch wirkt. Ein Hauch von alter BRD weht aus der Vergangenheit herüber, als sie eine Sechsjährige auf die Bühne holt. "Wie heißt Du?" - "Hanna." - "Kommst Du aus Oberhausen oder von anderswo?" - "Anderswo." Eine Frau reicht ihr ein Rainbow-Loom-Armband, das angeblich deren Sohn für die Fischerin gemacht hat. Die legt es direkt um: "Wie schön!" Wenn sie zeigen möchte, dass sie bewegt ist, legt sie die rechte Hand auf die Brust, vor den Refrains schneller Songs drückt sie die Backenzähne aufeinander und schiebt das Kinn vor. Und mit Stoizismus geht sie über Textzeilen hinweg, die nicht zu dieser Mega-Show passen wollen, die so dilettantisch sind, dass man nicht weiß, ob sie satirisch gemeint sind: "Heute fliegt die Erde aus der Bahn, da will kein Mensch nach Hause fahr'n", heißt es in "Feuerwerk". Und, Höhepunkt der Bescheuertheit: "Der Countdown läuft, und ich zähle bis zehn."

Die Leute liegen ihr zu Füßen. Als das Konzert fast vorbei ist und nur noch "Atemlos" fehlt, beginnen die Menschen für Helene Fischer zu singen. Sie stimmen "Oh, wie ist das schön" an, und es ist die totale Dankbarkeit. Das Publikum kehrt das Prinzip Konzert um, das gibt es nur selten. Man beginnt zu begreifen: Helene Fischer ist nicht bloß Sängerin. Sie bietet eine eigene Welt an, einen Nebenraum der Wirklichkeit. Es gibt dort keine Ironie, höchstens ein bisschen Koketterie. Es ist sauber dort und schön, die Möbel sind weicher und das Licht ist wärmer. Man mag ihr dorthin folgen oder es lassen, aber hier folgen alle.

Beim Verlassen der Halle kann man ein Hochglanz-Magazin zur Helene-Fischer-Tournee kaufen. Es heißt "Paradies". Es kostet fünf Euro.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Helene Fischer macht jetzt Auto-Werbung

(hol)