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Helene Fischer: Chapeau, Helene! Eine widerstrebende Würdigung

Schlagerstar braucht keinen Nachnamen : Chapeau, Helene! Eine widerstrebende Würdigung

Sie verkörpert alles und nichts, ihre Texte haben Grundschulniveau und ihre Auftritte sind von öder Perfektion – aber der Erfolg gibt Helene Fischer Recht.

Sie verkörpert alles und nichts, ihre Texte haben Grundschulniveau und ihre Auftritte sind von öder Perfektion — aber der Erfolg gibt Helene Fischer Recht.

Dutzende, hunderte Auszeichnungen hat Helene Fischer in den vergangenen Jahren bekommen. Am 1. April kamen zwei dazu. Ohne Gala, ohne Pokal, ohne Preisgeld — und doch nicht unbedeutend:

Die offizielle Hymne zur Fußball-WM in Brasilien werde Fischer singen, vermeldete das Männermagazin "GQ" weltexklusiv. Der abgezockte Fifa-Boss Sepp Blatter sei so angetan von ihrem Gesäusel gewesen, dass er sie "nachnominiert" habe, um Jennifer Lopez zu unterstützen, hieß es. Zeitgleich beugte sich das sonst widerborstige Musikmagazin "Intro" dem Mainstream und schrieb, die Schlagersängerin werde ihr nächstes Cover zieren. Ein Foto lag bei: Sepiafarbenes Porträt, pinke Buchstaben und die fette Schlagzeile "Ablehnung ist mein Benzin".

Diese Aprilscherze funktionieren, weil sie glaubhaft erscheinen. Das sagt einiges aus über Fischers Status. Wenn ihre rasante Erfolgsgeschichte weitergeht wie bisher, wird man am 1. April 2015 melden können, dass sie Bundesministerin werde, 2016 Königin von England und 2017 Päpstin. Einige werden es glauben.

Helene braucht keinen Nachnamen

Helene Fischer hat fünf Millionen CDs verkauft und 800.000 Facebook-Fans. Niemand wurde in Deutschland 2013 öfter bei Google gesucht als die Frau mit dem Allerweltsnamen. Nicht Miley Cyrus, nicht Angela Merkel, nicht Pep Guardiola.

Apropos Pep — der Bayern-Trainer benötigt eigentlich keinen Nachnamen. Ebenso Zlatan Ibrahimovic. "Zlatan" genügt, unter halbwegs Sportinteressierten. Mit "Helene" klappt dasselbe in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft. Eben nicht nur bei der üblichen Schlager-Klientel, sondern laut "FAZ" auch bei bierbäuchigen Schalke-Fans. In den Kabinen der härtesten Kreisliga-Jugendfußballmannschaften. Die Facebook-Fan-Gruppe "Helene Fischer Hooligans" wächst rapide.

Auch Akademiker sind Fans und schmeißen Helene-Fischer-Silvester-Mottopartys. Sie hören Fischers Lieder, bevor es in die Tanzschuppen der Altstadt geht. Und wünschen sie sich dort beim DJ — unbeeindruckt davon, dass der schon einmal die Musik komplett abdreht und die beiden mit Mikrofon und ausgestrecktem Zeigefinger dem Spott der gesamten Meute preisgibt. Gegen den Kater am nächsten Morgen helfe Helene auch, schwören sie. Ihre Lieder, synonym mit Seichtigkeit, oder die Wiederholung einer ihrer TV-Shows. Dort singt, tanzt und moderiert Fischer, witzelt, plaudert, zaubert und zeigt akrobatische Kunststücke — ohne das Lächeln abzusetzen oder gar zu schwitzen.

Ideale Projektionsfläche für diffuse Sehnsüchte

Helene Fischer ist mehr als eine Marke, ein generalstabsmäßig geplantes Projekt. Am Reißbrett entstanden und von einem Heer an Beratern, Stylisten und Produzenten dorthin gelenkt, wo sie heute ist. Das sind fast alle erfolgreichen Musiker, seit Jahrzehnten schon. Die 29-Jährige ist ein Android. Ein Roboter, der äußerlich von einem Menschen nicht zu unterscheiden wäre — wenn er nicht durch die völlige Abwesenheit von Makeln auffiele.

Fischer ist der kleinste gemeinsame Nenner, ideale Projektionsfläche für diffuse Sehnsüchte, die menschgewordene Erfolgszeitschrift "Landlust". Ein Supermodel, das sein Image als Mädchen von nebenan kultiviert. Seriös und volkstümlich genug, um ältere Semester zu begeistern und sexy genug, um die Träume von Heerscharen pubertierender Jungs zu bevölkern.

Fischers Texte haben Grundschulniveau, das ist Fakt. Als Vorwurf taugt das aber nicht, denn auf Literaturnobelpreise erhebt sie ja keinen Anspruch. Ihre Botschaft kommt über die von Nicole ("Ein bisschen Frieden"), Guildo Horn ("Guildo hat euch lieb") oder den Teletubbies nicht hinaus. Aber das ist allemal besser als der sexistische und gewaltverherrlichende Wortdurchfall vieler Gangsta-Rapper. Selbstironie zeigt sie nur sehr kalkuliert — aber immer noch öfter als die erwähnten Rapper.

Man kann Fischers vollendete Banalität und ihren Erfolg damit verstörend finden, vielleicht sollte man sogar. Was man definitiv muss, der Fairness halber: den Hut ziehen vor ihrem Talent und ihrer eisernen Disziplin.

Vielleicht ein Trost für Helene-Hasser: In den USA ist sie völlig unbekannt. Im Gegensatz beispielsweise zu Cindy aus Marzahn, der die ehrwürdige "New York Times" schon Ende 2012 einen großen Artikel widmete. Ob einem das wiederum Hoffnung machen sollte, ist eine andere Geschichte.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Helene Fischer - Ihre Outfits beim Echo 2014

(tojo)