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Heinz Rudolf Kunze: "Boby Dylan und ich sind vom gleichen Schlag"

Heinz Rudolf Kunze : „Bob Dylan, Leonard Cohen und ich sind vom gleichen Schlag“

Heinz Rudolf Kunze über sein Dasein im Mittelfeld „unter der Champions League, aber oberhalb vom Abstiegskampf“, seinen Unmut über das Etikett „Oberlehrer“ und die Inspiration für bis zu 630 Liedtexte im Jahr.

von Reinhard Franke

Herr Kunze, Sie feiern 40-jähriges Bühnenjubiläum. Was fällt Ihnen dazu ein?

Heinz Rudolf Kunze Ich bin ehrlich: Das ist keine schöne Zahl. 

Warum das denn? 

Kunze Es dürfte offensichtlich sein, dass mehr hinter mir als vor mir liegt. Sowohl lebenszeitlich als auch berufszeitlich. 

Das klingt aber sehr pessimistisch. 

Kunze Ich war immer Pessimist. Weil ich von meinen Eltern wahrscheinlich eine Art Angst-Gen geerbt habe.

Wovor haben Sie denn am meisten Angst? 

Kunze Vor dem Tod natürlich. 

Beschäftigt Sie das in Ihren Texten mehr als früher? 

Kunze Nein, genauso stark wie früher. 1982 habe ich den Song „Du bist mein Tod“ geschrieben. Er war auf meinem Livealbum „Die Städte sehen aus wie schlafende Hunde“ drauf. Die Beschäftigung mit dem Tod zieht sich durch meine gesamte Arbeit. In der Beziehung bin ich nicht anders, als jemand, der aus Angst vor dem Tod Mönch wird. 

Ihr Best-Of-Album zum 40. Bühnen-„Geburtstag“ trägt den schlichten Titel „Werdegang“. Wie zufrieden sind Sie denn mit Ihrem Werdegang?

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Kunze Schon vor 20 Jahren erschien eine Best-Of-Platte, die sich „Nonstop“ nannte. Damit wollte ich damals andeuten, dass noch viel vor mir liegt. Das Wort Werdegang finde ich einfach herrlich in seiner Bildhaftigkeit. Das Wort kann man gar nicht eins zu eins in eine andere Sprache übersetzen. Werdegang - ein Gang, der einen dazu gemacht hat, was man geworden ist. Ich bin dankbar, dass ich das so lange machen darf und immer noch nicht abgestiegen bin. Ich spiele nicht in der Champions League, aber befinde mich auch nicht im Abstiegskampf. Es ist einfach schön, dass ich vier Jahrzehnte das machen kann, was ich liebe. 

Welche Höhen und Tiefen gab es? 

Kunze Auf jeden Fall gehört zu meinen Ups, dass ich immer noch da bin. Und ein Tief ist, dass ich nicht noch größer da bin, als ich da bin. Ich habe viele Berg- und Talfahrten erlebt. Es gibt keinen Künstler, dessen Karriere linear und ohne Dämpfer verläuft. Ich habe nicht wie Bon Dylan den Himalaya erklommen, sondern das kleine, deutsche Mittelgebirge. (lacht)

Songs wie „Finden Sie Mabel“, „Alles was sie will“ oder „Lola“ sind ein Stück deutsche Rock- und Popgeschichte. 

Kunze Ich würde da eher „Leg nicht auf“ oder „Aller Herren Länder“ nennen, die mir wesentlich gelungener erscheinen. „Alles, was sie will“ gefällt mir jetzt durch die Neuinterpretation von Jules Kalmbacher und Jens Schneider aus Mannheim zum ersten Mal so richtig. Ich habe die Nummer auch live nie oft gespielt. 

Ihr großer Hit war „Dein ist mein ganzes Herz“. Ist der Song Fluch oder Sehen für Sie? 

Kunze Darauf antworte ich immer gerne: ‚Hat Klaus Meine jeden Abend Lust zu pfeifen?‘ (in Anlehnung an den großen Scorpions-Hit „Wind Of Change“) „Dein ist mein ganzes Herz“ war einer der größten Hits der 80er Jahre. Viele Künstler haben nur einen ganzen großen Hit und das war eben der. Das ist ein Gassenhauer, der heute noch im Radio rauf- und runter läuft. Auch Helene Fischer hat den Song schon gecovert. Es gibt für jeden Künstler eine Nummer, an die er nicht herankommt. Bei den Rolling Stones ist es „Satisfaction“. Es ist auch okay, wenn es ein Lied gibt, das der letzte Laufkunde kennt.

Finden Sie das schade? 

Kunze Ich will nicht jammern, von mir gibt es ja auch andere Songs, die im Radio Hits waren und dort oft gespielt wurden. Diese füllen auch die erste CD des neuen Doppelalbums. Dass man nicht zweimal „Satisfaction“ hat im Leben, damit muss man klarkommen. 

Aber traurig sind Sie schon, oder? 

Kunze Natürlich. Jeder Künstler, der sich in die Öffentlichkeit begibt, möchte so viele erfolgreiche Songs wie möglich haben. Ich möchte mich nicht mit dem schlauen Satz ‚Es kommt immer darauf an, wie man Erfolg definiert‘ rausreden. Und ich bin kein Künstler, der seine Hörer nur übers Internet erreicht - alleine schon vom Alter her. 

Wie schwer war die Corona-Zeit für Sie?

Kunze Meine Tour zum aktuellen Album „Der Wahrheit die Ehre“ wurde dreimal verschoben. Ich musste konsequent sieben Monate zu Hause bleiben. Ansonsten konnte ich meine Solokonzerte machen - wenn auch unter irrsinnigen Sicherheits- und Hygiene-Auflagen, wo die Menschen zehn Meter auseinander sitzen, während in der Kneipe jeder dem anderen ohne Maske auf dem Schoß hockte. Ich habe in den zurückliegenden anderthalb Jahren ganz viel Irrsinn erlebt. Aber es war natürlich blöd in einer fast leeren Kirche zu spielen, wo es dann auch noch „ausverkauft“ heißt. Dabei gehen fünfmal so viele Menschen da rein. Ich hoffe im nächsten April die Tour spielen zu können, weil ich habe meine Band nur zweimal sehen dürfen. So gerne ich auch solo unterwegs bin – mit der Band unterwegs zu sein, ist immer wie ein bisschen wie eine Klassenfahrt. 

Für „Werdegang“ durften Fans abstimmen, welche Songs auf die Platte kommen. Eine nette Idee…

Kunze Diese Idee ist aber nicht neu, das haben schon Udo Lindenberg oder Pur gemacht. Sie machen ganz oft Befragungen, bevor sie auf Tour gehen. Zum Glück waren die Ergebnisse jetzt bei mir relativ berechenbar. Auf der ersten CD spiegelt sich das wider, wofür die deutliche Mehrheit abgestimmt hat, auf der zweiten sind meine Lieblinge darauf. Ich freue mich aber, dass sich viele Hörer auch da wiederfinden, das sind die Fans, die mich etwas besser kennen als der Laufkunde, der aber auch herzlich willkommen ist. 

Sie können ganz gut damit leben, dass Sie keinen Hit wie „Dein ist mein ganzes Herz“ haben, oder?

Kunze Ja. Aber ganz ehrlich, wann hat das deutsche Radio zum letzten Mal einen sinnvollen Titel eines älteren Sängers gespielt? Das ist Jahrzehnte her. Ich werde zwar viel gespielt, aber nur die alten Hits. Und wann hatte denn Peter Maffay seinen letzten richtigen Hit? Ältere Kollegen werden einfach auf das Abstellgleis gestellt. 

Was macht das mit Ihnen?

Kunze Es macht mich wütend. Wenn ich überhaupt Radio höre und nicht meine eigenen CDs dabei habe, höre ich nur noch Klassikradio.

Welche Musik hören Sie privat? 

Kunze Ich höre viel Heavy Metal, aber nicht nur. Ich habe eine große Jazz-Sammlung, höre seit Jahren viel Jazz. Auch meine Klassik-Sammlung kann sich sehen lassen. Und die beste Band der Welt ist für mich Henry Kau. Danach kommt bei mir King Crimson. Ansonsten kann ich nicht ohne Black Sabbath und Bob Dylan leben. 

Sie wurden in Ihrer Karriere oft von Journalisten als Oberlehrer betitelt. Hat Sie das genervt?

Kunze Ja. Ich habe nie gewusst warum. Der Begriff wurde mit den Jahren abgelöst durch Pop-Denker, Pop-Philosoph oder Pop-Poet. Das sind doch sehr viel schmeichelhaftere Bezeichnungen. Ich fand das mit dem Oberlehrer nur unglaublich gemein und falsch, weil ich von allen deutschen Sängern, deren Inhalt ihnen wichtig ist, der am wenigsten pädagogischste bin. Alle anderen fuchteln mehr mit ihrem Zeigefinger und wollen die Menschen moralisch belehren. Ich tue das nicht. Die anderen dauernd. Aber ich wurde getreu dem Motto „Haltet den Dieb“ mit diesem Schimpfwort bedacht. Das ist typisch deutsch. 

400 Texte im Jahr. Warum sind Sie so fleißig? 

Kunze Es kommt einfach so aus mir raus. Es fliegt mich an, es findet mich. Ich arbeite gar nicht, protokolliere nur. Im vergangenen Jahr waren es sogar 630 Texte. Das ist mehr, als ich in meinem Leben veröffentlicht habe. Was soll ich dagegen machen, wenn mir so viel einfällt? Vieles landet in der Schublade und es ist immer eine Qual zu selektieren, was auf ein Album kommt und was nicht. 

Wie stolz macht es Sie, dass Sie mit Bob Dylan verglichen werden? 

Kunze Darüber bin ich schon sehr glücklich. Die Arbeit, die Bob oder Leonard Cohen in Amerika machen, mache ich hier. Wir sind schon vom gleichen Schlag. 

Gibt es einen Lieblingssong? Und welches Lied spielen sie bewusst nicht mehr? 

Kunze Weder noch. Ich habe ein sehr distanziertes Verhältnis zu meinem Werk, wie so ein Historiker. Sicherlich würde ich heute manches anders machen, aber damals habe ich mir viel Mühe gegeben, weil ich es auch nicht anders konnte. Alles hat seine Berechtigung. Ich fänd‘ es blöd, wenn ich heute etwas ausradieren würde. 

Sie waren immer ein Liebhaber von Alben…

Kunze Das ist richtig. Ich habe bis heute 46 Alben veröffentlicht und für mich war das immer eine Form von Tagebuch. Ich habe nie Tagebuch geschrieben, sondern habe in Form eines Albums einen Lebensabschnitt vorgelegt. Ich kann mir gar nicht vorstellen ohne Alben zu leben. Ich würde nie wie manch junger Kollege ein Stück streamen und schauen, was passiert. Schriftsteller denken in Buch-Dimensionen, ich in Album-Dimensionen. 

Was wünschen Sie sich noch?

Kunze Ich habe in der DDR vor 180.000 Zuschauern in Weißensee gespielt und auch „Rock am Ring“ hatte ich schon. Ich will das, was ich mache, einfach noch lange machen. Ich wüsste nicht, was ich lieber täte. Das ist mir völlig genug. Es soll nicht aufhören. Ich habe den schönsten Beruf der Welt.