Vor dem letzten Grönemeyer-Konzert Drei Stunden lang pures Glück in Bochum

Bochum · Grönemeyer feiert den 40. Geburtstag seines Albums „4630 Bochum“ mit vier Konzerten in seiner alten Heimat. Beim ersten spielte der 68-Jährige sogar die „Schrottlieder“ der Platte. Und manchmal vergaß er den Text.

Herbert Grönemeyer bei einem Konzert in Dresden auf der Bühne (Archiv).

Herbert Grönemeyer bei einem Konzert in Dresden auf der Bühne (Archiv).

Foto: dpa/Robert Michael

Das Konzert dauert bereits 173 Minuten, als Herbert Grönemeyer zum zweiten Mal „Bochum“ singt. Wobei er genau genommen nur den Vers „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt“ in die Nacht ruft, den Rest erledigt das Publikum. Die Leute nehmen dem 68-Jährigen sein Lied ab und geben es ihm körperwarm zurück: „Ah, Glück auf!“ Sie machen’s dem Sänger schön, sie sorgen für ihn, und Grönemeyer lässt sich fallen ins heimelige Wohlgefühl, er steht mit offenem Mund da: Der selten heimkehrende Lieblingssohn ist wieder zu Hause. Jede Geste eine Umarmung.

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Herbert Grönemeyer spielt im Vonovia Ruhrstadion, es ist das erste von vier Bochumer Konzerten vor insgesamt 100.000 Fans. Er feiert den 40. Geburtstag seines Albums „4630 Bochum“. Vor neun Jahren trat er zuletzt in dieser Stadt auf, und Grönemeyer in Bochum, das ist ein bisschen, als würde Bruce Springsteen in Asbury Park in New Jersey ein Konzert geben, die Beatles an der Abbey Road oder Pink Floyd auf der Dark Side Of The Moon.

Grönemeyer läuft gleich zu Beginn hochtourig über den weit ins Publikum ragenden Steg. Er bestürmt die Menge geradezu - ausgebreitete Arme und Bauch voran: „Los, Bochum!“, „Sing Bochum!“. Und er führt sie gemeinsam mit seiner 13-köpfigen Band am Faden seiner Songs zurück durch die Zeit. Er spielt „Sekundenglück“, „Kopf hoch, tanzen“, „Mensch“, Musik nur, wenn sie laut ist“ und „Vollmond“. Es ist wie beim gemeinsamen Durchblättern eines Albums mit alten Fotos: jedes Lied eine Momentaufnahme aus vier Jahrzehnten Bundesrepublik. Der Sound in der schwierig zu beschallenden Arena stört zunächst enorm, man versteht die Texte kaum. Wie bei einer Zoom-Konferenz, bei der der Hauptredner eine schlechte Internetverbindung hat: Von „Was soll das“ ragen nur die Fragmente „Doppelkinn“ und „Fetten hin“ aus dem Klangbrei. Zum Glück bekommt das Ton-Team die Probleme bald in den Griff.

Nach etwa einer Stunde zeigen die drei mächtigen LED-Wände hinter der Bühne eine Industrielandschaft. Der legendäre Schriftzug „4630 Bochum“ leuchtet auf. Das 3,4 Millionen Mal verkaufte Album ist der Grund, warum fast jeder, der älter ist als 50, die alte Postleitzahl von Bochum kennt, obwohl man vielleicht nie einen Brief dahin geschickt hat. Sie ist der PIN-Code, mit dem Grönemeyer die Herzen der Versammelten entsperrt. Als das Steigerlied in den Titelsong der Platte übergeht, haben viele Tränen in den Augen. Grönemeyer bringt das Album komplett, „wir singen es von vorne bis hinten durch“. „Alkohol“, „Flugzeuge im Bauch“, „Männer“, „Mambo“. Zu jedem Lied erzählte er Dönekes, das ist die Live-Aufführung von „Bochum“ in der historisch-kritischen Ausgabe. Das Album sei zwar ein Meisterwerk, sagt er mit dieser Grönemeyer-Selbstironie, aber es seien auch „Schrottlieder drauf“. Mit „Erwischt“ habe er nie was anfangen können, und vor „Fangfragen“ sagt er: „Jetzt kommt ein Lied, das muss ganz schnell weg.“

Herbert Grönemeyer – Stationen seines Lebens
15 Bilder

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Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Über einem Herren-Bäuchlein im Publikum spannt sich ein T-Shirt mit der Aufschrift „Männer weinen heimlich“, eine Frau nebenan hat sich für den Spruch „Blume im Revier“ entschieden. Die Leute halten Schals des VfL in die Höhe, dessen Stadionhymne der Mann da vorne spendiert hat. Sie singen jedes Lied mit. Sie verzeihen, dass Grönemeyer bei „Flugzeuge“ der Text der letzten Strophe irgendwie nicht einfällt, und als das Album zu Ende ist, singen sie „Oh, wie ist das schön“. Männer schaffen Pappträger heran, darin: ein Meter Fiege-Pils. Frauen werden von Männern umarmt. Man lebt hier im Lied. Grönemeyer sagt: „Es ist etwas Besonderes, bei solch einem Anlass zu Hause zu spielen.“ Und zugleich sei es merkwürdig, denn man sehe das eigene Leben vorbeirauschen. Diesen Satz wird er später noch einmal wiederholen.

Und natürlich hört er nun nicht einfach auf. Grönemeyer-Konzerte bestehen zu einem Drittel aus Zugaben. Dieses Nicht-Weggehen-Wollen ist ein Zeichen des Wohlbefindens, der Geborgenheit. Man teilt einfach zu viele Erlebnisse miteinander, man geht schon so lange gemeinsam durchs Leben: Weißt du noch? Erinnerst Du Dich? Mit solchen Sätzen versichert man sich einander, und in diesem Konzert kommen sie in Form von Liedern daher. Grönemeyer bringt „Kinder an die Macht“, er malt in „Der Weg“ die Nacht an, er drückt „Bleibt alles anders“ ins Rund. Er kiekst und gluckst, ruft „höh!“ und „hah!“. Und natürlich singt er „Currywurst“.

Er sagt, es gebe fast 30 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Sie seien nicht wegzudenken, „wir im Ruhrgebiet wissen das“. Er sagt: „Auch nach der Europawahl bleiben wir stabil, weil wir Demokraten und Humanisten sind.“ Und als er die Zeile singt, „es ist so schön, dass es uns gibt“, bekommt er Szenenapplaus.

Es gibt drei Grönemeyers: neben dem Einmischer auch den Partymacher und Schwärmer. Und der Schwärmer sorgt für besonders schöne Momente. Am besten ist er, wenn er eine Person direkt ansingt, mit Vollkontakt ins „Du“ geht und die Zunge nicht mehr zügelt. Dann gibt es diese legendären windschiefen Bilder, die den zum sprachlichen Überschwang neigenden Alltagseuphoriker Grönemeyer so wahrhaftig erscheinen lassen. Zum Beispiel:

  • „Du bist voll, ich bin es auch.“ („Vollmond“)
  • „Du kochst gerade sein Leibgericht / Meine Faust will unbedingt in sein Gesicht“ („Was soll das“)
  • „Ich will zu dir, nun steh' ich hier, so'n Scheiß“ („Mambo“)
  • „Streichelst mich mechanisch, völlig steril / Eiskalte Hand, mir graut vor dir“ („Flugzeuge im Bauch“)

Kurz vor Schluss also noch einmal „Bochum“. Als er vor langer Zeit hier aufgetreten sei, habe man sein Konzert als Skandal bezeichnet, obwohl er gut drauf gewesen sei, erzählt er. Der Vorwurf lautete: Er habe nur einmal „Bochum“ gespielt. Geht natürlich nicht, da war Schicht im Schacht. Und heute? Singen die Leute sein Lied, und er steht da und ist gerührt.

Es sind die einzigartigen Momente / Das ist, was man Drei-Stunden-Glück nennt.