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Grammys 2021: So viel Gegenwart war selten - Analyse der Preisverleihung

Preisverleihung in Los Angeles : So viel Gegenwart war selten bei den Grammys

Alle wichtigen Preise gehen an Frauen. Beyoncé ist nun Rekord-Gewinnerin. Und die „Black Lives Matter“-Bewegung bildet den Hintergrund der Freiluft-Veranstaltung. Die größte Überraschung ist der Song des Jahres.

Wäre ganz schön, wenn man dereinst sagen könnte: Die Grammys 2021 waren der Wendepunkt. Manches deutet jedenfalls darauf hin. Zum Beispiel der Einspieler, mit dem Grammy-Präsident Harvey Mason sich zu Wort meldete und Verbesserungen ankündigte. Man höre die Schreie nach Diversität und die Forderungen nach Transparenz, versicherte er. Die Liste der Preisträger vermittelt zusätzlich den Einruck, dass die gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Monate nicht spurlos am größten Preis der Musikindustrie vorbeigegangen sind.

Zum 63. Mal wurden die Grammys verliehen, und geprägt war die Zeremonie von der Pandemie, von der „Black Lives Matter“-Bewegung und davon, dass die entscheidenden Popstars der Gegenwart Frauen sind. Als „größte Freiluftveranstaltung seit dem Sturm aufs Capitol“ kündigte Gastgeber Trevor Noah den Abend an. Die Stars waren vor Ort, hielten Abstand und trugen Masken, jubelten einander nach Auftritten und Dankesreden aber zu.

Beyoncé wurde vier Mal geehrt; sie ist mit nun 28 Preisen die Frau mit den meisten Grammys und zog mit Rekordhalter Quincy Jones gleich. Die 39-Jährige gewann unter anderem in der Kategorie „Best R&B-Performance“ mit ihrem Song „Black Parade“, der erschien, als die Proteste gegen die Tötung von George Floyd begannen. Außerdem gewann Beyoncés neun Jahre alte Tochter Ivy Blue Carter einen Preis für ihr Video zum Song „Brown Skin Girl“ – gemeinsam mit ihrer Mutter.

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Die Preise in den wichtigsten Kategorien gingen sämtlich an Frauen. Die Rapperin Megan Thee Stallion aus Houston etwa wurde „Best New Artist“. Sie kündigte an, sie wolle die „Rap-Beyoncé“ werden. Sie wurde auch in der Kategorie „Best Rap Performance“ geehrt, und zwar für den Song „Savage“, den sie zusammen mit Beyoncé veröffentlicht hat.

Taylor Swift gewann den Preis für das Album des Jahres. „Folklore“ spielte sie komplett im Lockdown ein. Swift steuerte einen der sehenswertesten Auftritte zum Abend bei: Sie trat in einer Waldlandschaft auf, inszenierte sich als Elfe und sang ein Medley aus ihren beiden 2020 veröffentlichten Alben. Billie Eilish gewann für „Everything I Wanted“ den Preis für die Aufnahme des Jahres. Dua Lipa holte mit „Future Nostalgia“ den Preis fürs Pop-Album des Jahres.

Eine gewaltige Überraschung gab es beim Song des Jahres. Die R&B-Sängerin H.E.R. gewann gegen die Favoriten Beyoncé, Billie Eilish, Dua Lipa und Taylor Swift. Ihr Titel „I Can’t Breathe“ ist eine Hymne der „Black Lives Matter“-Bewegung. „Mein Schmerz soll Veränderung bewirken“, sagte sie in ihrer Dankesrede.

Selten waren die Grammys ein derart genauer Spiegel der Gegenwart. Die Veranstaltung, die vor dem Staples Center in Los Angeles stattfand, geriet zur Summe eines Jahres, in dem die Musikindustrie auf den Kopf gestellt wurde. Seit März vergangenen Jahres finden in den USA keine Konzerte mehr statt. Das lukrative Live-Geschäft brach zusammen, statt dessen hat sich Streaming zum Milliardenmarkt etwickelt. Zudem steht die Institution Grammy in der Kritik: Nachdem The Weeknd, dessen Mega-Hit „Blinding Lights“ ein Jahr lang in den US-Top-10 stand, nicht mal nominiert wurde, kündigte der Künstler an, die Grammys zu boykottieren, bis sich an den undurchsichtigen Nominierungskriterien etwas ändere.

Im nächsten Jahr wird sich zeigen, ob die Grammys 2021 tatsächlich die Wende gebracht haben.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Grammy-Gewinner 2021 in den wichtigsten Kategorien