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Doof oder schlau?: Geliebt und gehasst: 100 Jahre Schlager

Doof oder schlau? : Geliebt und gehasst: 100 Jahre Schlager

Wer Schlager liebt, muss leidensfähig sein. Haftet dem deutschen Liedgut doch bis heute der Makel des Seichten, Banalen, Überflüssigen an. Schlager sind doof, sagt das Klischee, spiegeln nur eine heile Welt, die aus Liebe, Lust und guter Laune besteht. Falsch, entgegnet der Berliner Musikwissenschaftler Martin Lücke!

Schlager seien durchaus auch sozial- oder gesellschaftskritisch angehaucht. Vor allem anderen aber sind sie erfolgreich. Sängerin Andrea Berg etwa tummelte sich in den vergangenen zehn Jahren 701 Wochen in den Charts, Kollegin Helene Fischer immerhin noch 533. Zeit also, diese Musikgattung zu rehabilitieren: Heute beginnt im Rock'n'Pop-Museum in Gronau die Ausstellung "100 Jahre deutscher Schlager!".

Lücke, der die Schau gemeinsam mit dem Kulturhistoriker Ingo Grabowsky zusammenstellte, betrachtet Schlager denn auch eher als Erfolgsbegriff, unter dem sich vieles zusammenfassen lässt. Bis in die 50er-Jahre sei eigentlich alles Schlager gewesen, erst mit dem Aufkommen von Rock und Pop hätten sich die Gattungen differenziert. Noch heute falle eine klare Trennung schwer, zumal wenn man den Begriff weiter fasse und erfolgreiche deutschsprachige Musiker dazuzähle — Künstler wie Herbert Grönemeyer würden sich aber immer vom Genre Schlager distanzieren, weil es nicht zur angepeilten Zielgruppe passe. "Wir plädieren deshalb für ein unverkrampftes Verhältnis zum Schlager", sagt Lücke.

Unverkrampft ist auch das Verhältnis der Ausstellungsmacher zum Titel der Schau. Die 100 Jahre sind eher griffiges Marketinginstrument als wissenschaftlich belegte Zeitspanne. "An der schönen blauen Donau" von Johann Strauss aus dem Jahr 1866 lässt sich zwar als erster Schlager verbuchen und wurde auch als solcher im "Wiener Fremdenblatt" tituliert, eine Massenwirkung erzielte das Genre aber erst mit der medialen Verbreitung im 20. Jahrhundert. Ein festes Datum oder ein Schlüssel-Lied existieren jedoch nicht. Die Ausstellung verfolgt das Genre chronologisch, widmet sich wichtigen Protagonisten wie Roy Black, Freddy Quinn und Michael Holm, setzt aber auch inhaltliche Schwerpunkte.

So wurde der deutsche Schlager im Nationalsozialismus propagandistisch missbraucht, was zu einem Niedergang der Gattung führte. Eine Gesangsgruppe wie die Comedian Harmonists musste sich auf politischen Druck hin auflösen; einige Sänger waren Juden. Nach dem Krieg freilich ging es schlagertechnisch gleich wieder bergauf, gefragt waren jetzt Sehnsuchtsballaden wie "Capri-Fischer" von Rudi Schuricke und andere Italien-Gassenhauer oder Freddy Quinns Seemannslieder. Zugleich feierten ausländische Sänger wie Vico Torriani, Chris Howland, Bill Ramsey oder Bibi Johns große Erfolge, weil auch sie vom Exotik-Bonus profitierten.

In den 60ern- und 70ern musste sich der Schlager gegen Rock und Pop behaupten, begegnete den gesellschaftszersetzenden Beats mit Schmuse-Offensiven. Der Schlager geriet Kritikern endgültig zur bürgerlichen Lachnummer, blieb aber dank der 1969 startenden "ZDF-Hitparade" einigermaßen auf Erfolgskurs. Abwärts in der Publikumsgunst ging es für das Genre erst in den 80ern, ausgerechnet in dem Jahrzehnt, in dem Nicole mit Ralph Siegels Lied "Ein bisschen Frieden" die europäische Schlagerkrone nach Deutschland holte (1982). Aber selbst der Grand Prix Eurovision de la Chanson mied das Attribut Schlager und nannte sich Pop Contest.

Genau dort habe Guildo Horn 1998 den Schlager mit "Guildo hat euch lieb" wieder konsensfähig gemacht, sagt Lücke, weil er ihn durch Humor von der Aura der Peinlichkeit befreite. Heute ist der Schlager erfolgreicher denn je. Warum? "Weil er facettenreicher ist als früher, weil er sich weiterentwickelt hat und man sich für die Lieder nicht mehr schämen muss", sagt Lücke. "Der Schlager ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen."

(RP)