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Filmkritik Johanna eine (un-) typische Heldin (How To Build a Girl)

„How To Build A Girl“ : Superhelden des Britpop

Herrlicher Film über das Erwachsenwerden in England: In „Johanna - Eine (un-)typische Heldin“ steigt ein Mädchen aus der Provinz zur angsteinflößenden Popkritikerin auf.

Die Heldin dieses Films, und sie ist wirklich und wahrhaftig eine Heldin, hat mit Musik eigentlich nichts am Hut, als sie ein Konzert der britischen Band Manic Street Preachers besucht. Sie soll für ein großes Magazin eine Besprechung schreiben, und sie lässt sich einfach fallen in diesen Sound; sie kann nicht anders, sie tanzt und wird eins mit der Menge. Als sie in der Nacht grinsend an der Schreibmaschine in ihrem Kinderzimmer sitzt, tippt sie diese Zeilen aufs Papier: „Gestern Abend um neun Uhr hat mir Rock and Roll noch nichts bedeutet. Um Mitternacht war er schon das Wichtigste auf der Welt.“

„How To Build A Girl“ heißt dieser tolle und in der ersten Hälfte umwerfende Film von Coky Giedroyc, und der total bescheuerte deutsche Titel soll hier nur genannt werden, damit möglichst viele Menschen ihn finden können bei den Streamingdiensten: „Johanna – Eine (un-)typische Heldin“. Um diese Johanna geht es in dieser Komödie, sie ist 16 und lebt in den frühen 90er Jahren prekär in Wolverhampton. Die Mutter leidet an einer postnatalen Depression, der Vater daran, dass er sich seinen Traum, ein Popstar zu werden, nicht erfüllen konnte, und für das kleine Haus sind einfach zu viele Geschwister da.

Einer der schönsten Einfälle des Films, der wiederum wie ein Zitat aus der 80er-Jahre-Produktion „Absolute Beginners“ von Julien Temple anmutet, ist die Wand über Johannas Bett. Dort hat sie Bilder von Persönlichkeiten aufgehängt, die sie verehrt: Liz Taylor, Sylvia Plath und Sigmund Freud. Diese Leute können sich in ihren Rahmen bewegen und sprechen, und der herrlichste Moment ist jener, in dem Karl Marx mit den Brontë-Sisters flirtet.

Johanna träumt sich fort, die Literatur hilft ihr dabei: „Ich bin mit einem reichen Innenleben gesegnet.“ Sie schreibt, jeder Schulaufsatz gerät ihr so lang, dass die Lehrerin mahnt, sie möge bitte nicht wieder „Krieg und Frieden“ in der ungekürzten Fassung abgeben. Und in der Bibliothek hat sie bereits alles gelesen, aber - und das ist das Entscheidende: „Keine Geschichte über mich gefunden.“ Und so lebt sie diese Geschichte einfach selbst, und aufgeschrieben hat sie die 45 Jahre alte englische Autorin Caitlin Moran. Ihr Bestseller „All About A Girl“ aus dem Jahr 2014 liefert die Vorlage zu diesem Coming-of-Age-Film.

Johannas Bruder macht die Schwester aufmerksam auf eine Annonce: Ein Londoner Musikmagazin sucht junge Autoren, und Johanna schickt eine ehrliche und verzückte Besprechung des Musicals „Annie“ ein. Die coolen Hunde in der Redaktion laden sie ein, allerdings dachten sie, der schwärmerische Text wäre ein Witz der Konkurrenz gewesen, und so muss Johanna und Gelächter wieder abziehen.

Aber das ist eben das Tolle an diesem Film, dass Johanna nämlich nicht aufgibt. Sie segelt auf einer Welle natürlicher Euphorie, sie wirkt entwaffnend durch ihr So-Sein, und außerdem spricht die Sängerin Björk ihr von einem Poster herab Mut zu. Johanna sagt also: „Ich glaub nicht, dass mein Abenteuer mit einem Jungen beginnt. Es beginnt mit mir.“ Sie steigt zur prominentesten Musikkritikerin Englands auf. Und weil Geld und Ruhm und all das noch jeden arglosen Geist verdorben haben, macht auch Johanna einen Fehler. Und zwar den schlimmstmöglichen: Sie verrät sich, sie verstellt sich, sie ist nicht mehr sie selbst. Sie schreibt um des Applauses willen.

Die amerikanische Schauspielerin Beanie Feldstein spielt die Johanna, und wer sie aus „Ladybird“ kennt und „Booksmart“, der übrigens seinerseits einer der besten Filme der vergangenen fünf Jahre ist, der weiß, wie großartig sie das macht. Sie ist lustig und herzlich, und sie bringt auf eine rührende Art vor, um was es hier eigentlich geht: um Klassenkonflikte nämlich, um Sexismus und die Schwierigkeit, in einer Welt groß zu werden, in der man durch seine Herkunft als gebrandmarkt gilt.

Johanna wird legendär für ihre markigen, von Zynismus vergifteten Verrisse. Joni Mitchell habe die Stimme eines Engels, aber das Gesicht eines Rugbyspielers, schreibt sie. Eddie Vedder solle doch bitte noch eine zweite Idee von Kurt Cobain klauen und sich selbst erschießen, schreibt sie. Und dass Tori Amos nicht nur die Haare, sondern auch die Zukunft eines Mammuts habe, schreibt sie auch. Aber sie wird sich bei jedem einzelnen Künstler entschuldigen. Und sie wird ihren breitbeinigen Kollegen einen Vortrag halten: „Ihr meint nicht, was ihr schreibt.“

Die Geschichte ist autobiografisch, auch Caitlin Moran war Musikkritikerin, und zwar beim „Melody Maker“. In der Romanvorlage kommen die Helden des Britpop dann auch alle vor, von Suede bis Ride. Und auch Julie Burchill stand wohl Pate, jene Frau, die in den 70ern den Weg aus der Provinz nach London ging und zu einer Türsteherin des Pop wurde.

„Johanna“ ist ein nostalgischer Film, die Musikpresse hat ja längst nicht mehr diesen Einfluss, die meisten Blätter, um die es geht, gibt es nicht mehr. Das ist auch ein kitschiger Film, weil das alte Motto „Folge deinen Träumen“ aus diesen Bildern spricht. Aber das ist eben auch ein berührender Film, weil er endlich eine Geschichte über das Erwachsenwerden aus der Sicht eines Mädchens erzählt, das in finanziellen Nöten ist. Und wahrhaftig ist er auch. Denn er feiert die Musik als Medium der Befreiung, den Song als Vehikel der Sehnsucht.

So ist denn die liebste Nebenfigur in dieser Geschichte Johannas Bruder. Er schreibt ein Fanzine, ein Magazin von Fans für Fans, das er in kleiner Auflage kopiert und auf dem Schulhof verteilt. Über die großen Jungs in London sagt er: „Diese Leute schreiben über das, was sie für cool halten. Ich über das, was ich liebe.“

Das Lied, mit dem die Manic Street Preachers Johannas erstes Konzert eröffneten, hieß übrigens „You Love Us“.