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"The Next Day" ist schon im Internet: Fiebrig: das neue Album von David Bowie

"The Next Day" ist schon im Internet : Fiebrig: das neue Album von David Bowie

Nun hat er wieder alle überrascht. Am Morgen stellte David Bowie sein neues Album zum kostenlosen Hören auf die Plattform des Online-Händlers iTunes. Kaufen und downloaden kann man "The Next Day" erst ab kommenden Freitag, aber schon jetzt ist es in der Welt, und es klingt unerwartet: laut, rockig, fiebrig.

Am 8. Januar hatte Bowie bereits für Aufsehen gesorgt, als er an seinem 66. Geburtstag ohne Ankündigung den Song "Where Are We Now?" ins Internet stellte - seine erste Novität seit rund zehn Jahren.

So vergangenheitsselig wie das Comeback-Lied, das von Bowies großer Zeit Ende der 70er in Berlin handelt, ist das ganze Album. In jedem Stück lassen sich Bezüge und Zitate heraushören, alle führen zurück zu Bowie selbst. Das ist popmusikalischer Klassizismus, der sich ausschließlich im Formenkanon eines Künstlers bedient. Dazu passt das Cover des Albums, es zeigt die berühmte Hülle der '77er-Platte "Heroes", ein weißes Quadrat liegt darüber, und der Schriftzug "Heroes" wurde durchgestrichen. Wie damals hat Tony Visconti produziert, und die neuen Stücke bezeichnet er als Fortführung von Bowies letztem Berlin-Album "Lodger" aus dem Jahr 1979.

Das ist vielleicht etwas hoch gegriffen, "Lodger" gilt als eines der am schlimmsten unterschätzten Werke der Popgeschichte, und "The Next Day" reicht nicht an diesen Vorgänger heran. Dennoch ist das ein faszinierendes Album - auch dann noch, wenn man die kindliche Freude darüber, überhaupt noch einmal etwas von diesem Künstler zu hören, abzieht. Es gab ja Gerüchte über schwere Erkrankungen, "Rückkehr ausgeschlossen" hieß es da.

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Zum Glück kam es anders, und vor allem die erste Viertelstunde von "The Next Day" ist erstaunlich: Die Atmosphäre ist nervös, stellenweise fiebrig; harte Gitarren, Saxophon. Bowies Stimme kämpft gegen die Instrumente an, manchmal klingt er wie sein Idol Scott Walker. Er seufzt und droht, und am schönsten ist es, wenn er sich aufschwingt und die Worte fliegen lässt wie einst in der Zeit der Hymnen. Die Single "Where Are We Now" fällt indes aus dem Rahmen, so fragil wie diese Ballade ist kein anderes der 14 Lieder.

Vielleicht ist das Projektion, aber die Platte hat etwas Ergreifendes: Es gibt Momente, da meint man die Anstrengung zu hören, die mit diesen auf zwei Jahre Studioarbeit verteilten Aufnahmen verbunden war - sowohl kompositorisch als auch gesanglich. Ein Sehnsuchtswerk also, ein Wehmutswerk. Ein Vermächtnis? Umso stärker rührt die Formulierung, mit der Bowie die Veröffentlichung auf seiner Homepage kommentierte: "Erzählt es weiter, Kinder."

(RP/felt/sap)