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Feine Sahne Fischfilet: Sänger Monchi übers Abnehmen - 65 Kilo verloren

Sänger von Feine Sahne Fischfilet : Wie Monchi 65 Kilo verlor

Er wog 182 Kilo und passte in keine Badewanne mehr: Der Sänger der Band Feine Sahne Fischfilet schildert in seinem Buch „Niemals satt“, wie er ein Drittel seines Gewichts verlor. Eine Heldengeschichte ist das dennoch nicht.

Es war im Badezimmer eines Freundes. Unter dem Waschbecken sah Monchi eine Waage, er zog sie heraus und stellte sich drauf, er hatte sich lange nicht gewogen, sehr lange, und nun wollte er wissen, wie schwer er war. Die Waage konnte ihm das allerdings auch nicht so genau beantworten. Sie ging nur bis 160 Kilo, und das reichte für ihn nicht aus: „Man kann zu fett für `ne Waage sein.“ Ein paar Monate später fand er eine andere Waage in einem Backstage-Raum in Bamberg. Sie war robuster, aber auch ehrlicher und gnadenloser: 182 Kilo. Klare Ansage. „Mehr als dreimal so viel wie meine Freundin. Mehr als meine Mutter und mein Vater zusammen.“

„Niemals satt“ heißt das Buch, das Jan Gorkow, den die meisten unter seinem Spitznamen Monchi und als Sänger der Punkrock-Band Feine Sahne Fischfilet kennen, nun veröffentlicht. Der 34-Jährige beschreibt darin, wie ihm mit einem Schlag bewusst wird, dass es nicht so weitergehen kann mit ihm. Gegen den Durst trinkt er Mezzo Mix, zum Mittag gibt es zwei Big-Mac Menüs, zwischendurch eine Milka-Noisette-Tafel, Schoko-Pizza, Kirsch-Milchreis aus dem Kühlregal und eine Packung Haribo-Schlümpfe und als Gute-Nacht-Snack eine Tüte Chips. Bei 1,92 Körpergröße hat er einen Body Mass Index von 50. Adipositas-Grad 3. Er trägt auch im Winter Flip Flops und Shorts, weil das Schnürsenkel-Binden Leistungssport wäre und er in seiner Größe keine langen Hosen findet. Er muss also was ändern. Jetzt. „Ich will nicht gegen einen Eisberg donnern und sehenden Auges untergehen. Ich hab Bock auf Leben!“

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Das Buch, das muss man direkt mal sagen, ist keine dieser üblichen Diät-Erzählungen. Es geht auch nicht darum, Ratschläge zur Motivation zu geben. Man muss es sich eher so vorstellen, als treffe man einen Freund, und der erzählt, wie es es ihm so ergeht. Seine Erzählungen sind natürlich traurig, weil man spürt, da sorgt sich jemand um sein Wohlbefinden. Aber sie sind eben auch ziemlich lustig, weil Monchi ein ziemlich guter Erzähler ist. Wenn „Niemals satt“ in einem Punkt Lehrbuch-Charakter hat, dann darin, wie man seinen persönlichen Sound in einen Text bekommt: Die 320 Seiten hören sich an, als seien sie eingesprochen worden, das ist der schnoddrige, norddeutsche und liebenswerte Tonfall jenes Kerls, den so viele verehren und auch nicht gerade wenige verachten.

Monchis Band Feine Sahne Fischfilet stieg innerhalb kurzer Zeit von einer lokalen Größe in Rostocks Antifa-Szene zu einer Gruppe auf, die vor 40.000 Fans bei „Rock am Ring“ spielt. Sie engagiert sich gegen Rechts, tauchte zwei Mal im Verfassungsschutzbericht des Landes Mecklenburg-Vorpommern auf und hatte das Potenzial, Debatten auszulösen. Als der Bundespräsident ein Konzert empfahl, bei dem die Band auftrat, folgte ein Politskandal. Als das ZDF ein Konzert von ihnen übertragen wollte, entzündete sich daran eine Gebührendebatte. „Fettpunker“, schimpfte die „Bild“. Monchi wurde landesweit bekannt, der Schauspieler Charly Hübner brachte eine großartige Dokumentation über ihn ins Kino.

 Monchi 2017.
Monchi 2017. Foto: dpa/Daniel Karmann

Der Film kommt Monchi zwar nahe, aber intim wird es erst im Buch. Er schreibt, dass er nicht mehr in der Lage war, sich den Hintern selbst abzuwischen. Dass er zwei Ersatz-Klobrillen unter dem Bett in seiner WG lagerte, weil die Dinger so oft unter ihm zusammenbrachen. Als er nach Nepal fuhr und Paragliden wollte, hieß es: zu schwer. Und als er mit den Kindern seiner Freundin eine Trampolin-Halle besuchte und er mithüpfen wollte, ging das nicht. Zulässige Höchstlast: 115 Kilo.

Dick wurde Monchi in der späten Pubertät. In jener Zeit reiste er als Hansa-Rostock-Ultra seinem Verein hinterher, soff, fraß und achtete nicht auf sich. Als die Band erfolgreich wurde, hatte er oft mehr als 200 Termine pro Jahr, er aß an Autobahn-Raststätten und bei McDonald’s. Außerdem engagierte er sich in der Flüchtlingshilfe, brachte Hilfslieferungen an die türkisch-syrische und an die polnisch-ukrainische Grenze. Essen sei jahrelang wie ein Betäubungsmittel für ihn gewesen, schreibt er, gegen Langeweile, Stress, Deprimiertheit und Schmerz. Warum ihm keiner gesagt habe, dass er immer fetter werde, will er wissen. Er schreibt einen Brief an seine Eltern, und sie antworten, dass sie sich viel Sorgen gemacht hätten, sein Gewicht sei die geringste gewesen. Er hatte Stadionverbot, Schulden, machte Randale, nahm Drogen. Und überhaupt war er hauptberuflich dagegen: Wenn sie ihn auf sein Gewicht aufmerksam gemacht hätten, hätte er wahrscheinlich erst recht weitergegessen.

Monchi versucht mehrere Methoden und entscheidet sich gegen die empfohlene Magenverkleinerung und fürs Intervall-Fasten: acht Stunden essen, 16 Stunden fasten. Er schafft es, auf 117 Kilo runterzukommen, das ist seine Bestmarke. Zwischen den Zeilen leuchtet kindliche Freude über Premieren wie den Waldlauf: „Ich jogge. Ich wiege 120 Kilo und fühle mich wie ein Schmetterling!“ Er kauft Hosen und Oberteile, die nicht bloß passen, sondern gut aussehen. Aber er kämpft immer wieder mit dem Jo-Jo-Effekt: Einmal nimmt er in fünf Tagen sechs Kilo zu.

Das Buch ist im Grunde ein Bildungsroman: Einer, der Angst hat vor Stühlen mit Armlehnen, weil sie so schmerzhaft ins Fleisch schneiden, trifft eine überlebenswichtige Entscheidung. Und er muss sich nicht nur gegen das Teufelchen wehren, das ihm Appetit auf Duplo und Kinderriegel einflüstert, sondern auch gegen die Leute, die sich via Social Media melden und finden, er verrate, wofür er vorher gestanden habe. Er macht sein Ding, ausdrücklich nur für sich, aber er inszeniert sich nicht als Geläuterten oder als einen, der es geschafft hat. Er sagt: Die Sucht ist weiter da, er sei noch nicht in Sicherheit, jede Snackbar könne der Anfang eines Rückfalls sein. Und das Idealgewicht fürs Paragliden hat er immer noch nicht. Aber er fühle sich freier.

„Ich hab noch so viel Hunger aufs Leben“, schreibt er, „und ich bin niemals satt!“ Mensch Monchi.