Fatoni und Mädness begeistern mit "Grown-Man Rap" im Düsseldorfer zakk

Fatoni und Mädness : Endlich normaler HipHop

Fatoni und Mädness begeistern im zakk, indem sie eine Nische fulminant ausfüllen: unpeinlicher Deutschrap für Erwachsene.

Wir befinden uns im Jahre 2019 nach Christus. Das gesamte HipHop-Genre ist aufgeteilt unter böse raunenden Straßenrappern und anstrengenden Autotune-Cloudrappern... Das gesamte HipHop-Genre? Nein! Ein paar Unbeugsame machen Sprechgesang, von dem man behaupten könnte, er stehe in der Nachfolge des freundlichen Studentenrap der Neunziger. Angemessen gereift, versteht sich, technisch wie thematisch. Rap für Erwachsene, kurz: "Grown-Man Rap". Gemacht von Mittdreißigern aus der Mittelschicht, die ihre Männlichkeit nicht andauernd beschwören müssen. Rap, der wieder offen ist für Themen, die diese Bezeichnung verdient haben – Themen jenseits von Rap und Geld, Drogen und Verschwörungstheorien.

Zwei Hauptprotagonisten dieser Konterrevolution sind Fatoni alias Anton Schneider, gelernter Theaterschauspieler, und Mädness, Spitzname: „de Gude“, Markenzeichen: hessischer Dialekt. Ersterer spielte am Mittwoch im zakk, Letzterer bereitete ihm die Bühne. Es war ein Fest unter knapp 650 euphorischen Besuchern, von denen wenige schon mit Geheimratsecken und Wohlstandsbäuchen hadern, aber viele werden es wohl bald. Wissendes Nicken bei Fatonis Zeilen „Sie sagen, dreißig ist das neue zwanzig / mein Körper sagt leider was and’res.“

Diesem Publikum präsentierte Mädness seine stärksten Stücke aus 15 Jahren mit greifbarem Bock. Die Freude von Marco Döll über seine Versöhnung mit der Provinzvergangenheit und seine Zufriedenheit mit dem kleinen Glück – sie steckt an, selbst in unnötig viel zu kurzen 25 Minuten.

Fatoni macht sogar schon seit knapp 20 Jahren Musik, doch das aktuelle Album ist das erste, in dem er die Rolle des Dauer-Ironikers abstreift und ehrlich von sich selbst erzählt, seiner Midlife-Crisis („Alles zieht vorbei“), Selbstzweifeln, Panikattacken. Seiner Zermürbung zwischen zu niedrigen („Dass man nicht kifft, heißt noch nicht, man hat sein Leben im Griff“) und zu hohen Ansprüchen.

Dieses Wagnis gelingt, weil Fatoni die allgegenwärtigen Widersprüche nicht ausblendet, sondern betont. Da entpuppt sich ein zuckersüßes Liebeslied als Offenbarungseid vor Google und Co. („Mein Algorithmus“), ein Anti-Nazi-Track wird zur Warnung vor Selbstgerechtigkeit („Drittstärkste Kraft“). Und im Dieter-Bohlen-Diss schwingt im Subtext nicht nur eine Art Neid mit, er bringt auch ungeahnte Gemeinsamkeiten hervor.

Am Lautesten mitgesungen wurde am Mittwochabend die schöne Zeile „Meine Rebellion besteht darin, dass ich in die falsche Richtung geh', wenn ich bei Ikea bin“. Das ist eine harte Wahrheit, die auszusprechen man kaum hoch genug loben kann. Selbsterkenntnis ist ja bekanntlich der erste Schritt zur Besserung.

Mehrmals wirkte der allgemeine Pogo im Strobo wie bei Deichkind, aber auf gute Art. Bei aller textlichen Klugheit und Sperrigkeit: an Flow und Live-Effekt mangelt es dieser Musik nicht. Dafür sorgte die Dreifaltigkeit aus MC Fatoni, DJ V.Raeter und Drummerin Philo Tsoungui.

Echte Chart-Erfolge sind trotzdem nicht drin, geschrumpfte Plattenverkäufe hin oder her. „Kleinkunst“ nennt Mädness seinen und auch Fatonis Job und Lebensstil deshalb; „man zieht rum und verdient sein Geld mit Musik, aber so Gaukler-mäßig, weil das natürlich nicht die ganz große Nummer ist.“ Man möchte ergänzen: Große Kleinkunst.

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