ESC Finale 2018: Europa entscheidet sich für ein selbstbewusstes Frauenbild

ESC-Finale in Lissabon : Schrill besiegt Sexy

Die Israelin Netta gewinnt den Eurovision Song Contest – Europa entscheidet sich für ein selbstbewusstes Frauenbild. Michael Schulte holt für Deutschland einen fast sensationellen vierten Platz.

Um 0.10 Uhr ahnte Peter Urban, dass in Lissabon etwas gehen könnte. „Deutschlands Punkte sind jetzt schon dreistellig“, sagte der Kommentator des Eurovision Song Contests (ESC). „Sie wissen gar nicht, wie gut es mir geht nach den letzten Jahren.“ Dreistellig waren die Punkte der deutschen Starter zuletzt 2012 in Aserbaidschan, die Ergebnisse der Jahre 2013 bis 2017 blieben nur zweistellig - alle zusammengerechnet.

Aber für Michael Schulte, den 28-Jährigen aus Schleswig-Holstein, gab es in Lissabon noch mehr Zustimmung: Mit seinem Lied „You Let Me Walk Alone“ und einem ruhigen, aber kraftvollen Auftritt ohne Tänzer und anderen Schnickschnack überzeugte er die Jury und die Fans in Europa und landete am Ende mit 340 Punkten auf Rang vier - sensationell. Denn solch eine Platzierung hatte ihm niemand zugetraut, auch wenn er bei den Buchmachern im oberen Drittel landete. Zu bitter waren die letzten und vorletzten Plätze in den vergangenen Jahren, die mit Debakel treffend beschrieben sind. Er selbst hatte wohl auch nicht recht dran geglaubt. „Platz vier, oh mein Gott“, sagte der nach der Show. „Das ist so verrückt.“

„Ich bin nicht dein Spielzeug“

Der Sieg ging aber an die Favoritin: Netta (529 Punkte) holte die Trophäe zum vierten Mal nach Israel. Ihr Song „Toy“ war vor dem ESC bereits 20 Millionen Mal bei Youtube angeschaut worden. Die 25-Jährige, deren Äußeres ein wenig an Beth Ditto (Gossip) erinnert, stand im schrillen Manga-Outfit auf der Bühne, sie wedelte mit den Armen wie ein Huhn und machte seltsame Klacklaute. Die Botschaft ihres Liedes passt aber in die Zeit, sie beschwört die Macht der Frauen: Akzeptiert euch, bleibt so, wie ihr seid, ändert euch nicht – schon gar nicht für einen Mann. „Ich bin nicht dein Spielzeug, dummer Junge, ich mache dich fertig“, heißt es in einer Zeile des Liedes. Im Flitterregen dankte sie Europa, dass es das Anderssein gewählt und akzeptiert habe.

So war der Auftritt von Michael Schulte beim ESC

Das völlige Kontrastprogramm dazu war die zweitplatzierte Eleni Foureira aus Zypern. Zu ihrem Song „Fuego“ (436) tanzte sie in einem hautengen Kostüm, sie und ihre vier Tänzerinnen schleuderten ihre langen Haare durch die Luft und lieferten eine perfekte Show der sexy Posen ab. Dritter wurde der Österreicher Cesar Sampson („Nobody But You“/342). Der Mann aus Linz hatte nach der Jury-Wertung sogar ganz vorne gelegen, doch die Fans katapultierten Netta mit mehr als 300 Punkten noch an die Spitze.

Die Stimmen setzten sich zu 50 Prozent aus der Meinung einer Fach-Jury und zu 50 Prozent aus dem Zuschauer-Voting zusammen. Das führte teilweise zu großen Unterschieden in der Bewertung. So gab die deutsche Jury dem schwedischen Beitrag von Benjamin Ingrosso zwölf Punkte, das deutsche Publikum gab ihm nicht einen Punkt. Er landete am Ende auf Rang sieben.

Beste Platzierung seit Lena Meyer-Landrut

Michael Schulte lag in der Jury-Gunst ebenfalls besser als bei den Zuschauern. Er bekam 204 Punkte von den Experten, 136 vom Publikum. Die Jurys aus Dänemark, der Schweiz, den Niederlanden und aus Norwegen gaben ihm zwölf Punkte. Einen Zehner gab es aus Österreich, San Marino, Serbien, Polen und Australien. Er holte die beste Platzierung seit Lena Meyer-Landruts Sieg 2010. Für den federführenden Norddeutschen Rundfunk (NDR) ging damit das neue Konzept auf, bei dem die Künstler für den Vorentscheid mit internationalen Songwritern ihre Lieder erarbeiteten. „You Let Me Walk Alone“ schrieb Schulte unter anderem mit dem Dänen Thomas Stengaard, der auch den Sieger-Song 2013 „Only Teardrops“ für Emmelie de Forest aus Dänemark verantwortet hatte.

Netta gewinnt mit „Toy“ den ESC 2018

Ansonsten war es ein typischer ESC auch mit einigen Liedern, die dem Zuschauer auf dem Sofa einiges an Leidensfähigkeit und Durchhaltevermögen abverlangten. Der Beitrag aus Moldau zum Beispiel, bei dem sechs Sänger und Tänzer in Samt-Outfits in den Landesfarben Rot-Gelb-Blau immer aus verschiedenen Türen herausschauten oder auf die Bühne kamen – das Millowitsch-Theater lässt grüßen. Zwischen mutigen englischen Reimen gab es bei einigen Teilnehmern auch nette Füllwörter wie Schubidudabdab (Norwegen) und Monsterkleider (Estland). Und der Sänger aus der Ukraine wurde wie Dracula aus einem Piano-Sarg emporgehoben, später stand seine Bühnentreppe in Flammen. Überhaupt Feuer: Das spielte eine große Rolle, manche Nationen setzten bei der Bühnen-Performance so intensiv auf Pyrotechnik, dass man sich zeitweise wie bei einer Schlussfeier der Olympischen Spiele wähnte.

2019 soll es nach Jerusalem gehen

Einen Schreckmoment gab es beim Auftritt der britischen Sängerin SuRie, bei dem ein Mann auf die Bühne stürmte und ihr für Sekunden das Mikrofon entriss. Sie blieb scheinbar unberührt, klatschte, animierte die Fans und sang einfach weiter, als Sicherheitskräfte dem Mann das Mikro entwunden und ihn weggebracht hatten. Laut Statuten hätte die Sängerin noch einmal auftreten dürfen, die britische Delegation entschied sich jedoch dagegen. Vielleicht wusste sie auch, dass es nicht helfen würde. Großbritannien landete am Ende auf Platz 24 von 26 Startern im Finale.

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu rief Siegerin Netta noch in der Nacht an. „Du hast dem Staat Israel viel Ehre eingebracht. Nächstes Jahr in Jerusalem“, schrieb er beim Kurznachrichtendienst Twitter. 2019 soll der Wettbewerb also in der Stadt stattfinden, die Israel als Hauptstadt für sich beansprucht. Auch vor dem Hintergrund des Konflikts mit dem Iran wird deutlich, dass Europa ganz andere Probleme hat als ein paar schlechte Kostüme und schiefe Töne. Darüber kann solch ein Abend nur kurz hinwegtäuschen.

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