ESC 2023 in Liverpool Warum für Deutschland (jetzt wirklich) alles besser wird

Liverpool · Nach vielen letzten Plätzen soll es in diesem Jahr beim Eurovision Song Contest mit Lord of the Lost endlich wieder aufwärts gehen. Was dafür spricht und was Guildo Horn, Ralph Siegel, Peter Urban und Malik Harris dazu sagen.

 Ralph Siegel, Peter Urban, Guildo Horn und Malik Harris (v.l.) geben für die Rheinische Post ihre Einschätzung zu den Erfolgschancen von Lord of the Lost ab.

Ralph Siegel, Peter Urban, Guildo Horn und Malik Harris (v.l.) geben für die Rheinische Post ihre Einschätzung zu den Erfolgschancen von Lord of the Lost ab.

Foto: Fotos: DPA | Montage: Schnettler

Einst waren es die Beatles, die hier ihren Aufstieg zum Weltruhm begannen. Im Cavern Club in Liverpool trat die legendäre Band fast 300 Mal auf, hier wurden sie von ihrem späteren Manager Brian Epstein entdeckt. An diesem geschichtsträchtigen Ort geben am Dienstagmorgen fünf Männer aus St. Pauli ein Frühstückskonzert. Lord of the Lost wollen sich hier noch einmal den musikalischen Feinschliff für das ESC-Finale am 13. Mai holen. Einer Veranstaltung, die nur den wenigsten Deutschen zu Ruhm verholfen hat.

Der Experte: „Um beim ESC erfolgreich zu sein, musst du auffallen und was Besonderes bieten. Langeweile, Mainstream, das bringt keinen weiter. Deshalb glaube ich, dass Lord of the Lost weit kommen, weil sie außergewöhnlich aussehen und außergewöhnlich klingen. Unsere Beiträge in den letzten Jahren wurden oft zu schnell vergessen oder sie gingen unter im großen Feld.“ (Peter Urban, ESC-Kommentator seit 1997)

Gewonnen hat Deutschland den Eurovision Song Contest zweimal. 1982 mit Nicole und 2010 mit Lena. Gleich achtmal landete der deutsche Beitrag hingegen auf dem (geteilten) letzten Platz. Meist wurde es danach sehr still um die Interpreten. Das war bei Nora Nova (1964) ebenso der Fall wie bei Gracia (2005), die ihr letztes Comeback mit dem offiziellen Song der Vierschanzentournee 2014/15 versuchte. Gerade in den vergangenen Jahren mehrten sich die deutschen letzten Plätze (2015, 2016 und 2022). Dass der Misserfolg die Karriere nicht beenden muss, zeigte 1974 das Schlagerduo Cindy & Bert, das weiterhin erfolgreich Musik aufnahm. Und auch für Malik Harris, Letzter im vergangenen Jahr, stehen die Zeichen ganz gut. Sein Lied „Rockstars“ wurde zum Radio-Hit, Harris ist aktuell erfolgreicher als vor seiner ESC-Teilnahme.

Der Letzte: „Ich würde ihnen nur raten, es zu genießen. Die ESC-Erfahrung ist ein unfassbares Erlebnis und etwas, von dem man den Kindern und Enkelkindern noch erzählen wird. Also macht euch keinen Kopf über irgendeine Platzierung. Ich finde den Song stark. Tatsächlich ist das überhaupt nicht mein Genre und dennoch erreicht mich dieser Track emotional, vor allem gepaart mit der Performance. Ich sehe sie in den Top fünf.“ (Malik Harris, ESC-Teilnehmer 2022)

Um erfolgreich beim ESC zu sein, braucht es etwas Besonderes. Das kann ein überraschender Auftritt sein, wie bei den finnischen Horror-Rockern Lordi 2006 oder dem portugiesischen Sänger Salvador Sobral 2017. Manchmal ist es der ganz besondere Charme einer Lena wie 2010. Im Idealfall kommt alles zusammen: Song, Auftritt und Persönlichkeit. Wie bei Loreen, die 2012 mit „Euphoria“ unschlagbar war und 2023 wieder Top-Favoritin ist. Und Erfolg ist nicht zeitlos. „Ein bisschen Frieden“ von Nicole war 1982 der richtige Song zur richtigen Zeit und würde heute so wohl nicht mehr funktionieren.

Der Sieger: „Selbstverständlich haben sich alle Beteiligten immer mehr als Mühe gegeben, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber Wollen alleine reicht nicht, denn es gehört ein großes Studium der europäischen Kultur und Gefühlsebenen dazu. Was aber nur im Glücksfall funktioniert, ist Mainstream. Dieses Jahr stehen die Chancen auf eine verhältnismäßig gute Platzierung ziemlich gut. Diese Heavy-Metal-Band ist in ihrer Art glaubwürdig und hat meiner Meinung nach viele Fans in Europa. Chris Harms ist ein Vollprofi und der Rest der Band seit vielen Jahren weltweit auf Tournee. Ein bisschen Sorge mache ich mir allerdings wegen des Textes, der mit dem Titel „Blood and Glitter“ nicht gerade angenehm in die aktuelle Zeit passt.“ (Ralph Siegel, Komponist beim ESC-Sieg 1982)

 Lord of the Lost während der Proben zum Vorentscheid des ESC 2023.

Lord of the Lost während der Proben zum Vorentscheid des ESC 2023.

Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Lord of the Lost, die Band um Sänger Chris Harms, ist etwas Besonderes. Eine Rock-Band, noch dazu mit Ursprüngen in der schwarzen Szene. So etwas hat Deutschland noch nie zum ESC geschickt. Der Auftritt mit ihrem Song „Blood and Glitter“ dürfte mehr auffallen als diejenigen der Mainstream-Pop-Acts, mit denen es der NDR in den vergangenen Jahren versucht hatte. Dazu eine gute Show, die schon in Ansätzen beim Vorentscheid zu sehen war, und es dürfte zumindest nicht einer der allerletzten Plätze werden. Für noch mehr braucht es diesen speziellen Moment in den drei Minuten auf der Bühne, der Publikum und Jurys überzeugt. Und vielleicht noch ein wenig Kult-Faktor, wie ihn Deutschland vor 25 Jahren beim Auftritt von Guildo Horn im nur zwei Autostunden von Liverpool entfernten Birmingham erlebt hat.

Der Kult-Teilnehmer: „Vor drei Jahren haben Lord of the Lost mit dem Senioren-Chor Heaven Can Wait zusammen einen Titel aufgenommen. Auf den ersten Blick eine superschräge Kombi. Aber irgendwie passt es dann wie die Faust aufs Auge. Das ZDF hat daraus eine Doku gemacht: „Leidenschaft, Alter!“ Ich liebe es, vor allem weil die Jungs so natürlich und ohne Berührungsängste mit den Senioren agieren! Ob ich jetzt auf ihren schlageresken Dark-Rock-Sound stehe oder nicht. „Lord Of The Lost“ sind Vollblutmucker mit dem Herz am rechten Fleck und wissen von ihren vielen Liveauftritten definitiv wie man auf einer Bühne steht. Von mir gibt es jedenfalls alte gedrückte Daumen!“ (Guildo Horn, ESC-Teilnehmer 1998)

Guildo Horn wurde damals Siebter. Sein Lied ist bis heute vielen Menschen in Erinnerung geblieben. So sehr, dass er zum 25-jährigen Jubiläum zuletzt sogar „Guildo hat euch lieb“ in fünf neuen Versionen herausgebracht hat. Zu so viel Kult ist es bei Lord of the Lost noch ein langer Weg. In den beim ESC allgegenwärtigen Wettquoten rutschte die Hamburger Band zuletzt zumindest leicht nach oben. Jetzt heißt es proben und ein wenig Beatles-Luft schnuppern, für hoffentlich einprägsame drei Minuten beim ESC-Finale am kommenden Samstag.

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