ESC 2019 Finale: Niederländer Duncan Laurence gewinnt - Deutschland Platz 24

Eurovision Song Contest 2019 : Musik schlägt Inszenierung

Der Niederländer Duncan Laurence gewinnt den ESC 2019 im israelischen Tel Aviv. Das ist ebenso verdient wie der drittletzte Platz der deutschen „S!sters“. Die Analyse einer Show voller Widersprüche.

Am Ende steht Duncan Laurence auf der Bühne und lacht. Er hält seine Trophäe in die Kamera und sagt: „This is to music first - always“. Es geht vor allem um die Musik. Und er hat recht. Sein Sieg beim Eurovision Song Contest 2019 ist auch ein Sieg der Musik.

In einer Show voller Inszenierungen sitzt Laurence einfach am Klavier und singt. Von Liebe und Verlust. So schön, dass er schon Wochen vor dem Finale als größter Favorit gehandelt wird. So reduziert tritt sonst nur das slowenische Duo Zala Gralj und Gasper Santl („Sebi“) auf. Doch Duncan hat das deutlich eingängigere Lied und siegt verdient vor dem Italiener Mahmood („Soldi“) und dem Russen Sergey Lazarev („Scream“).

Es ist ein Abend der Männer. Im Kontrast zur Vorjahressiegerin Netta, die mit „Toy“ den Soundtrack zur „Me too“-Debatte lieferte, finden sich unter den ersten sieben Sängern sechs Männer. An ihnen scheitert auch die hochgewettete Australierin Kate Miller-Heidke. Ihr „Zero Gravity“ lebt von der großen Inszenierung. Miller-Heidke schwebt auf einer meterhohen Stange im „Weltraum“ und singt ein Lied zwischen Oper und Trash. Radiotauglich ist das nicht. Die zugegebenermaßen großartig-verrückte Inszenierung reicht an diesem Abend nur zu Platz neun.

Zur Geschichte dieses ESC gehört allerdings auch, dass sich das Fernsehpublikum mehrheitlich für einen Partysong entscheidet. „Spirit in the Sky“, heißt der Mitsing-Hit des Jahrgangs. Die Norweger Keiino tragen ihn vor und wirken dabei wie Gäste aus den Neunzigern. Ihr Up-Tempo-Beat mit samischer Gesangseinlage gewinnt überraschend die Telefonabstimmung. Bei den Jurys fällt der Auftritt allerdings durch, wird 15. Einen Publikumssieger, der von den Jurys so missachtet wird, gab es in Zeiten der zweigeteilten Abstimmung noch nie. Es wird für erneute Diskussionen über den Modus sorgen. Am Ende werden Keiino Fünfter.

Das Gegenteil widerfährt dem Schweden John Lundvik („Too late for Love“) und der Nordmazedonierin Tamara Todevska („Proud“). Sie gewinnen bei den Jurys mit starken Stimmen und großer Inszenierung. Vor allem die hohe Punktzahl für Todevskas Ballade überrascht. Beim Publikum kommen beide Jury-Favoriten deutlich weniger gut an. Mitfavorit Lundvik entgleiten bei der Punkte-Bekanntgabe vor Enttäuschung die Gesichtszüge. Er wird insgesamt Sechster, Todevska Achte.

Das deutsche Duo S!sters hat mit dem Ausgang des Abends erwartungsgemäß nichts zu tun. Und das zurecht. Ihr Beitrag „Sister“ ist so schnell gehört wie vergessen. Auch die Inszenierung mit den überdimensionierten Gesichtern der Sängerinnen Laura Kästel und Carlotta Truman erschließt sich nicht. Die positive Botschaft des Liedes über die Stärke von Frauen versandet im Nirgendwo. Der Beitrag bekommt vom Publikum die Höchststrafe: Null Punkte. Lediglich einige wenige Jurys finden Gefallen daran und retten Deutschland auf den drittletzten Platz - vor Weißrussland und Großbritannien. Es ist das dritte Katastrophen-Ergebnis der letzten vier Jahre. Michael Schultes vierter Platz 2018 bleibt ein Ausrutscher nach oben.

Besonders bitter ist das deutsche Ergebnis beim Blick auf einen südlichen Nachbarn. Ebenso wie Deutschland setzte die Schweiz auf einen Ex-Castingshow-Teilnehmer. Luca Hänni gewann 2012 „Deutschland sucht den Superstar“ und überzeugt in Tel Aviv mit „She Got Me“, einem radiotauglichen Sommerhit. Der noch dann gespielt wird, wenn die „S!sters“ längst vergessen sein werden. Schade, dass der NDR ausgerechnet diesen Ex-„Superstar“ nicht selbst ausgegraben hat.

Was bleibt sonst von diesem 64. Eurovision Song Contest? Ein Israel, das sich als grandioser Gastgeber präsentiert hat. Eine Finalshow mit großen ESC-Stars und US-Superstar Madonna, deren Auftritt jedoch unterkühlt blieb. Dazu ein absolut begeisterungsfähiges Publikum. Schon zu den Halbfinals strömten Zehntausende zum Public Viewing an die Mittelmeerküste. Überall in der Stadt waren die Lieder der 41 Teilnehmer zu hören. Selten zelebrierte ein Land den ESC so sehr wie Israel.

Ebenfalls in Erinnerung bleibt der isländische Beitrag „Hatrid mun sigra “ (dt. Hass muss siegen) der Band Hatari. Und das nicht nur wegen ihres schrillen Auftritts, bei dem sie Europa in Fetisch-Klamotten ihre Botschaft entgegenbrüllten. Die Isländer posierten bei der Punktevergabe mit „Palästina“-Schals und lieferten den politischen Skandal des Abends. Das war nach den israelkritischen Äußerungen der Band erwartbar. Ihre Provokation gelang, das Hallenpublikum buhte sie aus. Es war jedoch nicht mehr als die plumpe Fußnote des Abends.

Sie zeigt jedoch, dass es eben kein ganz normaler ESC war, den Israel da ausgerichtet hat. Gänzlich unpolitisch war der Wettbewerb trotz aller Bekenntnisse nie. Der Nahostkonflikt spielte eine Rolle. Sei es als Boykottgrund oder aus Sicherheitsaspekten. Die Gastgeber antworten musikalisch. Kobi Marimi singt in „Home“ davon, nach Hause zu kommen. Er rührt ein gebeuteltes Land und sich selbst zu Tränen. Sein 23. Platz wird zur reinen Nebensache. Es passt zu einem Abend, an dem die Musik die Inszenierung schlägt.

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Nach Madonnas Auftritt bleiben ein paar Fragezeichen

(veröffentlicht am 19. Mai 2019)

Politik soll beim Eurovision Song Contest (ESC) eigentlich außen vor bleiben - beim diesjährigen Wettbewerb in Israel hat dies allerdings nicht ganz geklappt. Beim Auftritt von Weltstar Madonna in der Halbzeit des ESC-Finales in Tel Aviv trugen zwei ihrer Tänzer am Samstagabend jeweils eine israelische Flagge und eine palästinensische Fahne auf ihrem Rücken, was als Appell für ein friedliches Nebeneinander von Israelis und Palästinensern verstanden werden könnte.

Madonnas neuer Song „Future“, den sie als Weltpremiere aufführte, beschwört eine düstere Zukunft mit zerstörten Städten. „Wake up“, steht am Ende an der Wand: Wacht auf. Große Emotionen löste sie damit beim Publikum in der Halle offenbar nicht aus. Zuvor hatte die 60-Jährige ihren 30 Jahre alten Hit „Like a Prayer“ gesungen. Die Performance ging allerdings leicht daneben. Madonna verfehlte mehrfach den Ton, über weite Strecken klang ihr Gesang recht schief.

Die Europäische Rundfunkunion, die den ESC organisiert, verurteilte zudem das politische Statement. Dieses Performance-Element sei "nicht Teil der Proben" gewesen, hieß es in einer Stellungnahme. "Der Eurovision Song Contest ist ein unpolitisches Ereignis und Madonna war darüber informiert worden." Ob die US-Sängerin von der Darstellung der Flaggen während ihres Auftritts wusste, blieb unklar. Kritik von der Europäischen Rundfunkunion erntete auch die isländische Band Hataris, die während der Punktevergabe Schals mit der Palästinenserflagge trugen.

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Niederlande gewinnen ESC 2019 - Deutschland auf Platz 24

(veröffentlicht am 19. Mai 2019)

Die Niederlande haben den 64. Eurovision Song Contest gewonnen, Deutschland landete auf Platz 24. Die Kandidatinnen des Duos S!sters („Sister“) setzten damit die deutsche Misserfolgsserie fort, die nur im letzten Jahr unterbrochen wurde, als Michael Schulte überraschend auf Platz vier kam. Für die Niederlande ist es der fünfte Sieg - zuletzt gewann das Land 1975.

Der 25-jährige Duncan Laurence traf mit „Arcade“ den Geschmack des Publikums und der Jury. Der Niederländer sang am Piano sitzend eine berührende Ballade über die schmerzhaften Seiten der Liebe und ein gebrochenes Herz. Auf Rang zwei schaffte es Italien. Russland landete auf dem dritten Platz.

Madonna sorgte mit ihrem bis vor wenigen Tagen noch auf der Kippe stehenden Auftritt während der Abstimmungspause für Entzückung bei den Zuschauern. Die Pop-Ikone sang - etwas schief - ihren Hit „Like a Prayer“ umgeben von Kutte tragenden Statisten. Danach präsentierte die Amerikanerin mit dem US-Rapper Quavo den nach Jamaika und Dancehall klingenden neuen Song „Future“.

26 Lieder konkurrierten beim Finale. Zum fünften Mal war das ferne Australien als Ehrengast dabei, weil es dort viele Fans der Show gibt. Insgesamt nahmen am ESC in diesem Jahr 41 Länder teil. 15 Beiträge wurden in den beiden Semifinals (Halbfinals) aussortiert.

Neben Deutschland sind als große Geldgeber automatisch Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien fürs Finale gesetzt, ebenso der Gastgeber, also diesmal Israel. Deutschland hat bisher zweimal den ESCgewonnen: 2010 mit Lena und 1982 mit Nicole.

Der Eurovision Song Contest fand in Tel Aviv statt, weil die israelische Sängerin Netta Barzilai im vergangenen Jahr mit ihrem Song „Toy“ gesiegt hatte.

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Deutsche Fans zufrieden nach S!sters-Auftritt

(veröffentlicht am 18. Mai)

Deutsche Fans haben sich zufrieden nach dem Auftritt des deutschen Beitrags S!sters („Sister“) beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv gezeigt. „Ich hatte den Eindruck, das war ein ganz toller Auftritt“, sagte Michael Sonneck, Präsident des Eurovision Club Germany, am Samstag in Tel Aviv. Auch Wolfgang Grube, Sprecher des deutschen OGAE-Fanclubs, lobte: „Die Mädels waren heute ganz prima, die haben ihre Sache gut gemacht.“

Grube schätzte allerdings, dass Deutschland nur zwischen dem 20. und dem letzten Platz landen werde. Problematisch sei einfach gewesen, dass das Lied an sich nicht so authentisch rüberkomme - als „wenn echte Schwestern den Song geschrieben hätten“. Stattdessen waren Laurita Spinelli (26) aus Wiesbaden und Carlotta Truman (19) aus Hannover für die ESC-Teilnahme gecastet worden. In dem Lied geht es um den Zusammenhalt zwischen Frauen und welche Kraft daraus erwachsen kann.

Deutschland hat den Eurovision Song Contest bisher zwei Mal gewonnen: 1982 mit Nicole („Ein bisschen Frieden“) und 2010 mit Lena Meyer-Landrut („Satellite“). Im vergangenen Jahr hatte Michael Schulte („You let me walk alone“) den vierten Platz erobert.

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Kraftvoll, schrill, bunt - das Finale des Eurovision Song Contests

(veröffentlicht am 18. Mai)

Das Finale des 64. Eurovision Song Contest (ESC) in Tel Aviv hat begonnen mit dem Einzug der Kandidaten. Fans aus der ganzen Welt fiebern den Auftritten ihrer Favoriten entgegen. Geschätzt sind 200 Millionen TV-Zuschauer sind dabei.

Für Deutschland singt das Duo S!sters den Song „Sister“ auf der großen Bühne in der israelischen Mittelmeer-Stadt. Das deutsche Duo tritt mit der Startnummer vier von 26 Finalteilnehmern auf und hat seinen Auftritt bereits hinter sich.

Dunkel gekleidet bewegten sich Carlotta Truman (19) aus Hannover und Laurita Spinelli (26) aus Wiesbaden über die Bühne. Im Bühnenhintergrund waren während des minimalistisch gehaltenen Auftritts Porträts der beiden Sängerinnen groß zu sehen. Erst am Ende gab es einen Funkenregen und zwei erleichterte, sich freuende Interpretinnen.

Niederlande ist Favorit

Kraftvolle Stimmen, schrille Kostüme, vom Sado-Maso-Outfit über Dirty Dancing bis zur schwebenden Opernsängerin ist alles dabei. Moderiert wird das Finale unter anderem von dem israelischen Supermodel Bar Refaeli. Pop-Ikone Madonna wird ebenfalls auftreten, freilich außer Konkurrenz. Sie wird laut Medienberichten ihren 80er-Jahre-Hit „Like a Prayer“ und als Weltpremiere den neuen Song „Future“ aufführen.

Bei den Buchmachern wird der Niederländer Duncan Laurence mit seiner melancholischen Ballade „Arcade“ als Favorit gehandelt. Die Wett-Profis sahen zuletzt den Song „Zero Gravitiy“ der Sängerin Kate Miller Heidke aus Australien auf der Zwei.

Deutschland hat den Eurovision Song Contest bisher zweimal gewonnen: 1982 mit Nicole („Ein bisschen Frieden“) und 2010 mit Lena („Satellite“). Im vergangenen Jahr kam Deutschland auf Platz vier mit Michael Schulte („You Let Me Walk Alone“).

Neben den Zuschauern stimmen auch nationale Fachjurys aus Sängern und Komponisten über die Beiträge ab. Am Ende gewinnt der Song mit den meisten Punkten. Zuschauer können per Telefon, SMS und App ihre Stimme abgeben.

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Wetten, es wird ein Mann?!

(veröffentlicht am 17. Mai)

Der 64. Eurovision Song Contest nähert sich seinem Finale am Samstagabend. 26 Teilnehmer haben sich qualifiziert und kämpfen um Europas Musikkrone. Bei der ersten Generalprobe am Freitagnachmittag wurde erstmals die gesamte Show gezeigt. Es wird stimmungsvoll, skurril und vor allem spannend. Eine Vorschau in Superlativen.

Die Politischsten

Hatari haben ihre Outfits nach dem Halbfinale entschärft. Statt in Lack und Leder treten die Isländer zumindest in der Generalprobe in Trainingsanzügen auf. Skurril bleibt ihr Song „Hatrid mun sigra“ („Hass muss siegen“) dennoch. Harte Klänge, verzerrte Stimmen. Außerhalb der Bühne treten die Künstler als antikapitalistische Protestler auf und üben öffentlich Kritik am Gastgeberland Israel.

Die Mutigsten

Den mutigsten Auftritt legen in diesem Jahr Zala Gralj und Gasper Santl hin. Und zwar wegen all dem, was die Slowenen nicht tun. Kein Feuerwerk, keine Zuschaueransprache, kein schneller Beat – nur Musik. Mit ihrem Electropopsong „Sebi“ schaffen sie eine ungewohnte Intimität.

Die ESC-Tauglichsten

Die Neunziger sind zurück. Norwegens Keiino laden zu Up-Tempo-Beat und Ethno-Gesangseinlage. Das ist überhaupt nicht innovativ und klingt ein wenig nach Rednex.

Der Radiotauglichste

Der Schweizer Luca Hänni weiß, wie es geht. Immerhin hat er 2012 „Deutschland sucht den Superstar“ gewonnen. In Tel Aviv singt und tanzt er und sorgt dabei für beste Unterhaltung. Sollte es nicht zum ESC-Erfolg reichen, kann „She Got Me“ dennoch zum Hit des Sommers werden.

Der Gefühlvollste

Kobi Marimi tritt für Israel an und bietet großes Gefühlskino. Er singt in seiner Ballade „Home“ davon, nach Hause zu kommen. Am Ende der Generalprobe kann Kobi seine Tränen kaum unterdrücken. Damit singt er sich nicht zum nächsten ESC-Sieg, aber in die Herzen Israels.

Die Kitschigste

Leonora hat etwas von Deutschlands erster ESC-Gewinnerin Nicole. Die Dänin hat zwar keine Gitarre, klettert aber dafür auf eine Leiter. Doch ihr Song „Love is forever“ ist so zuckersüß und kitschig wie „Ein bisschen Frieden“ damals. Und natürlich bleibt auch Leonora nicht bei einer Sprache. Am Ende übermittelt sie ihre Liebesbotschaft sogar ein wenig krumm auf Deutsch: „Liebe ist für alle da“.

Der Schrillste

Bilal Hassani betritt die Bühne im bauchfreien Glitzeroutfit. Begleitet wird der Franzose von einer propperen Balletttänzerin. Der 19-Jährige ist bewusst anders. Sein Popsong „Roj“ steht für Toleranz und Offenheit. Seine Stimme lässt ihn aber im Stich.

Die Schwindelfreieste

Die spektakulärste Bühnenshow bietet dieses Jahr Australien. Sängerin Katie Miller-Heidke befindet sich mit ihren beiden Tänzerinnen meterhoch über der Bühne. Passend zum Songtitel „Zero Gravity“ („Keine Schwerkraft“) „schwebt“ sie an einer Stange durchs Weltall. Das Gesamtkunstwerk liegt irgendwo zwischen Oper und Pop und hat sich zum Geheimfavoriten gemausert.

Der Glücklichste

Es war die wohl größte Überraschung im Halbfinale: Bei seiner zweiten Teilnahme für den Zwergstaat San Marino erreicht Serhat mit „Say Na Na Na“ das Finale. Zwar sind seine Gesangskünste so mäßig, dass er sich meist durch seine Disconummer spricht. Fürs Finale und einen gewissen Kultfaktor reicht es dennoch. Das ist für San Marino schon mal nicht schlecht.

Die Besten