Conchita Wurst: Europa feiert seine Pop-Kaiserin

Eurovision Song Contest : Österreich feiert Pop-Kaiserin Wurst

Die Drag-Queen Conchita Wurst hat den 59. Eurovision Song Contest in Kopenhagen gewonnen. Ihr Sieg sei ein Signal für diejenigen, die an Frieden und Toleranz glauben, sagte sie. So gesellschaftlich relevant und musikalisch bemerkenswert war der Eurovision Song Contest (ESC) lange nicht mehr.

Mit dem klaren Sieg der vollbärtigen Drag-Queen Conchita Wurst setzte Europa am Samstag in Kopenhagen ein deutliches Zeichen für Toleranz, die Pfiffe und Buhrufe für die Punktevergabe an den russischen Beitrag sind als Beleg für die neue Eiszeit zwischen West und Ost zu werten. In einem zumindest nach außen hin ansonsten eher unpolitischen Wettbewerb war das zusammengenommen ein ungewöhnliches politisches Statement. Dazu eroberte das niederländische Duo The Common Linnets mit dem besten Song des Abends, "Calm After The Storm", den zweiten Platz. Auch das kann man als Statement werten - für musikalische Qualität, beim ESC absolut nicht selbstverständlich.

Aber gerade das schwer Ausrechenbare, die Mischung aus verqueren, verzichtbaren und famosen Beiträgen zeichnet die Megashow aus, die diesmal europaweit geschätzt 180 Millionen Zuschauer verfolgten. In der Halle in Kopenhagen waren es etwa rund 10 000, aber die erlebten einen denkwürdigen Abend. Nicht nur wegen der charismatischen Siegerin, sondern wegen des ungewöhnlich guten Liedmaterials. Folkloristisches war Mangelware unter den 26 Finalteilnehmern, nur Polen schickte eine knapp bekleidete Trachtengruppe. Die Windmaschine wurden seltener als sonst angeworfen, die Balladendichte aber war konstant zu hoch. Im Gedächtnis haften blieben einige zwar nicht immer gelungene, aber zumindest ambitionierte Pop-Nummern, aus Griechenland, Italien, Finnland, Dänemark, Malta und der Schweiz, einiges davon auch abseits des ESC absolut chartstauglich. In diesem Umfeld, das war schnell klar, wurde es eng für den Polka-Pop des deutschen Trios Elaiza. Am Ende reichte es nur für einen enttäuschenden 18. Platz.

Abgeschlagen auf dem 24. Platz landete auch der ESC-besessene Komponist Ralph Siegel mit seinem Song für San Marino. Immerhin saß Siegel auf der Bühne am Klavier, zuletzt betrat er die Bretter, die seine Welt bedeuten, 1982 bei Nicoles Sieg mit "Ein bisschen Frieden". Im Vergleich zu Conchita Wurst scheint Siegel aus der Zeit gefallen, wenn die Schmachtballade der österreichischen Drag-Queen auch zeitlos ist und beispielsweise an einen James-Bond-Song erinnert. Conchita Wurst, die ihren Auftritt von Funkenregen flankiert im goldenen Abendkleid absolvierte, hat dennoch alles, was einem Siegel fehlt: Grandezza, Glanz und Glamour.

Aus 13 Ländern gab es die volle Punktzahl für das stark gesungene "Rise Like A Phoenix", ein eindeutiges Votum, insgesamt erreichte die 25-Jährige die vierthöchste Punktzahl (290) in der ESC-Geschichte. Wurst überwältigte der Zuspruch im Laufe des Abends zusehends, so sehr hatte sie ihn sich gewünscht und so wenig erwartet. "Ich habe die ganze Zeit geweint", kommentierte sie ihren Triumph. "Das hier ist nicht für mich, sondern für alle da draußen, die an die Zukunft, Liebe, Frieden, Toleranz und Akzeptanz glauben." Im Vorfeld und im Nachhinein hatte es Anfeindungen aus Russland gegen die Teilnahme des Homosexuellen gegeben. Ihren Kritikern entgegnete sie, die Trophäe in der Hand: "Wir sind nicht aufzuhalten." Der 60. Song Contest findet 2015 in Österreich statt, wohl in Wien. Conchita Wursts Motto hätte sich damit mehr als bewahrheitet: "The Wiener Takes It All."

(RP)
Mehr von RP ONLINE