Erfinder der Bravo Hits erklärt, warum ihm Musik nicht so wichtig ist

100. Ausgabe des CD-Samplers: "Bravo Hits"-Erfinder erklärt, warum Musik für ihn nicht so wichtig ist

Am Freitag erscheint die 100. Ausgabe der "Bravo Hits". Ihr Erfinder ist kein Musikenthusiast, sondern der Betriebswirt Thomas Schenk. Nur einmal gab er seinem Geschmack nach und verhinderte, dass ein Song auf den Sampler kam.

Einmal verschüttete Thomas Schenk heißes Öl bei dem Versuch, Wiener Schnitzel zu braten. Er trug keine Schuhe, nur Socken, die Schmerzen waren unerträglich. Seine Frau ist medizinische Hypnotiseurin. Bis dahin hatte er nicht an Hypnose geglaubt, doch sie hypnotisierte ihm die Schmerzen weg. So konnte er doch noch zur Beerdigung von Jochen Hülder gehen, dem Manager der Toten Hosen. Jene Band, die so häufig wie keine andere auf dem Sampler vertreten ist, den Schenk erfunden hat: die Bravo Hits.

Am 16. Februar erscheint die hundertste Ausgabe der "Bravo Hits". Schenk, ein gelernter Einzelhandelskaufmann und Betriebswirt, hatte die Idee 1992, betreute die Kompilation für seinen Arbeitgeber Warner bis 2004. Seit 2013 ist er im Ruhestand. In diesem Jahr wird er 69. Von der Berichterstattung um das Jubiläum wird er nicht viel mitbekommen. Einen Tag nach Erscheinen beginnt er ein einwöchiges Hypnoseseminar bei seiner Frau. Das folgende Interview gab er mit hessischer Klangfarbe.

Die Bravo Hits hatten ihren Höhepunkt in den 90ern. War dieses Jahrzehnt, das unter anderem den Eurodance hervorgebracht hat, musikalisch nicht eine Katastrophe?

Thomas Schenk Mein persönlicher Musikgeschmack war es nicht. Es war damals aber gefragt. Die Leute mussten nicht mehr Musik studieren, sondern Elektriker werden.

Zu Ihrer Zeit war die Veröffentlichung der neuen Bravo Hits ein Ereignis.

Schenk Der Karstadt in Essen öffnete schon morgens um 7. Dann konnten die Kids die Bravo Hits kaufen, bevor sie in die Schule gingen. Am Eingang gab es Sondertische. Es war ein wenig so wie heute, wenn ein neues iPhone auf den Markt kommt.

Und Sie haben vier Tage lang nur gefeiert?

Schenk Überhaupt nicht. Das war Tagesgeschäft. Bravo Hits kamen raus, nächsten Tag auf Platz 1, geguckt, wie die Abverkäufe sind. Gefeiert haben wir einmal im Jahr, als wir die Platinplatten bekamen.

Wie haben Sie die Bravo Hits damals erfunden?

Schenk So banal, dass man es gar nicht glauben kann. Ich war damals Chef von Warner Strategic Marketing, die Abteilung, die sich um die Zweitverwertung der Songs gekümmert hat. Es muss der 6. Januar 1992 gewesen sein. Ich fuhr in Hamburg über die Lombardsbrücke zur Arbeit, als ein Rundfunkspot von Larrys Smashhits lief, die erschien bei Sony. Da ging es mir in meinem Kopf rum: Alle haben riesige Hitcompilations – Larrys Smashhits, Ronny‘s Pop Show, Formel 1, Top 30. Du hast alles versucht, Geld ausgegeben, aber nichts hat funktioniert. Die Batman-Hits nicht, die Turtles-Hits nicht. Dann fiel mir ein, dass die Smashhits einen Comicstrip in der Bravo hatten. Da machte es klick: Warum macht man eigentlich nicht die Bravo zum Hören?

Und?

Schenk Ich flog noch am selben Tag runter nach München, dort lief gerade die Bravo-Otto-Verleihung. Ich habe mit den zwei zuständigen Menschen des Verlags gesprochen und den Deal per Handschlag klar gemacht. Denn die hatten an dem Tag anderes zu tun, als mit mir zu dealen. Also keine große Marketingsitzung, keine Marktforschung. Einfach überlegt und Sack zugemacht.

Wie haben Sie die anderen Plattenfirmen überzeugt, Ihnen die Songs zu geben?

Schenk Oft haben sie abgelehnt, weil sie Angst hatten, dass sich dann die Single oder das Album nicht mehr verkauft. Sie wollten auch unser Produkt nicht stärker machen. Dann haben wir Druck gemacht. Manchmal nicht fein, aber wir haben alles gegeben, um den Titel zu kriegen.

Wie haben Sie auf eine nicht feine Art Druck gemacht?

Schenk Indem wir zum Künstler gegangen sind und gesagt haben: Die wollen deinen Song nicht freigeben. Ich habe mal einen angerufen und gefragt, ob wir den Titel kriegen können. Später hat er mir erzählt, dass es für ihn nach dem Telefonat schwer war, den Hörer aufs Telefon zu legen, weil er um den Tisch getanzt ist. Das war für ihn ein Sechser im Lotto. Für die Künstler war das bares Geld. Ansonsten es ging zu wie auf einem persischen Basar.

Inwiefern?

Schenk Manchmal bekamen wir einen Titel nur unter der Bedingung, dass wir noch einen weiteren, nicht so starken Titel mitnahmen, sozusagen Huckepack. Dem mussten wir Einhalt gebieten. Es heißt Bravo Hits, nicht Bravo Flops.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Songs denn ausgewählt?

Schenk Charts, Charts, Charts. Ein Song von Madonna gehörte immer drauf. Wir haben auch geguckt, ob der Künstler bald bei "Wetten, dass..?" auftreten würde. Der Wert der Bravo Hits sollte mit der Zeit steigen, weil immer mehr Songs in die Charts eingestiegen waren.

Haben Sie je Ihrem eigenen Geschmack nachgegeben?

Schenk Nein. Nur einmal habe ich stark eingegriffen. Die Gruppe Rammstein sollte unbedingt auf die Bravo Hits. Ich dachte damals: In Ramstein sind doch Menschen verbrannt. Und die gehen auf die Bühne, nennen sich Rammstein und machen Feuershows. Das ging mir gegen den Strich. Da habe ich meine Kraft eingesetzt, dass der Titel nicht draufkam. Und die Böhsen Onkelz hatten wir auch nie, weil die politisch fragwürdig waren.

Haben Sie bei amerikanischen Rapsongs vorher auf die Texte geguckt?

Schenk Nein, haben wir nicht. Wir haben auf die Charts geguckt. Wir wollten ja einen Hitsampler veröffentlichen. Einer meiner Lieblingssätze ist: Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.

Sie sind da sehr nüchtern vorgegangen.

Schenk Es hat schon Spaß gemacht, den Titel zu bekommen, den wir nicht kriegen sollten.

Wäre DJ Bobo je auf einer Bravo Hits gelandet, wenn es nach Ihrem Geschmack gegangen wäre?

Schenk Ich habe so einen Allerweltsgeschmack, den ich auch nie hinterfragt habe. Ich bin Fan von Bruce Springsteen durch und durch. Leider haben wir ihn nie für eine Bravo Hits bekommen.

Sie haben nie gedacht: Der Song ist aber furchtbar?

Schenk Natürlich gab es Songs, die mir nicht gefallen haben. Aber wenn ein Song in den Charts war, hat mich das überzeugt.

Die Toten Hosen waren so häufig auf den Bravo Hits wie kein anderer Künstler, nämlich 31 Mal. Ich könnte mir vorstellen, die mussten als Punkband erst mal überzeugt werden, in so einem Umfeld aufzutauchen.

Schenk Nö, überhaupt nicht. Ihr Manager Jochen Hülder hat geguckt, wo sich mit den Toten Hosen am meisten Geld verdienen ließ.

Wen außer Bruce Springsteen verehren Sie?

Schenk AC/DC und Johnny Cash. Aber ich bin nie ein "Music Man" gewesen. Ich bin normal musikbegeistert wie normale Leute auch. Ich kam aus dem Marketing. Ich habe Wirtschaft studiert und Plastik verkauft.

Welche Bravo Hits sind Ihr Favorit?

Schenk Bravo Hits 26.

Weil die sich am besten verkauft hat?

Schenk Einmal das und weil es ein so gelungenes Cover ist. Das ist die mit dem Eis vorne drauf.

Bevor Sie mit den Bravo Hits meine Jugend geprägt haben, haben Sie meine Kindheit geprägt. Was genau hatten Sie mit den Hörspielen von Benjamin Blümchen zu schaffen?

Schenk In den 80ern habe ich bei der Plattenfirma Teldec gearbeitet. Da gab uns ein Partner die Hörspiele von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg. Ich war Abteilungsleiter MUF, Musik und Freizeit, und bekam dieses Thema aufs Auge gedrückt. Mit dem Elan eines jungen Mannes bin ich rangegangen und habe Vertreter gesucht, um die Hörspiele in die Läden zu bekommen. Keinen aus dem Musikbusiness, die konnten damit nichts anfangen und haben nur gejammert. Ich habe Leute gesucht, die Backsteine verkaufen oder Schrauben. Für die war das was Großes. Ich bin mit meinen drei Vertretern durch Deutschland gereist und habe das Zeug vertrieben. Meine Tochter, damals blond und klein, war das erste Pressefoto von Bibi Blocksberg. Wenn ich später durch eine Rockmusik-Plattenfirma ging, haben mir die Leute immer Töröö hinterhergerufen.

Ihnen wird noch immer jede Bravo Hits zugeschickt. Wo lagern Sie die 100 Platten denn?

Schenk Ich habe gar nicht mehr alle. Die würden zu viel Platz wegnehmen.

(seda)