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Nach Kritik von Cem Özdemir: Dürfen Konservative Rock 'n' Roll hören?

Nach Kritik von Cem Özdemir : Dürfen Konservative Rock 'n' Roll hören?

Grünen-Chef Cem Özdemir hat Christian Wulff bei Facebook scharf angegriffen, weil der frühere Bundespräsident in dieser Woche ein Konzert von Bruce Springsteen besucht hatte. Das war selbstgerecht und dumm. Daher: eine Entgegnung.

Wahrscheinlich wollte er bloß den Song "Glory Days" hören und an früher denken. Christian Wulff besuchte Mitte der Woche das Konzert von Bruce Springsteen in Hannover. Der frühere Bundespräsident traf dort seine Ehefrau Bettina Wulff, von der er getrennt lebt. Die Fotos der Zusammenkunft zeigen einen beklommen wirkenden Mann, der seine Brille abgenommen hat — vielleicht waren die Gläser beschlagen.

Er trägt jenen Old Boy's Chic aus Pullover drüber und Hemd drunter, den Menschen wählen, die lange keine Freizeitkleidung mehr gekauft haben, weil sie lange keine Freizeit mehr hatten. Wulff mutet wie ein 53-jähriger Junge an, der neben einer Frau steht, die er mehr mag als sie ihn.

Musik als Zuflucht

Für Menschen wie den Christian Wulff dieser Bilder ist der Rock 'n' Roll eine Zuflucht. Solche Jungs haben ihn überhaupt erst erfunden. Für die Dauer eines Songs oder eines Konzerts bietet die Musik die Möglichkeit, vom anderen Leben zu träumen, von einer besseren Welt. Und wer mitmacht und sich hingibt, gehört dazu — auch wenn er keine Koteletten hat. Er borgt sich Komplizenschaft. Er fühlt sich aufgehoben und nicht mehr verloren.

Deshalb sind die Auftritte der notariell beglaubigten und in den vergangenen Jahrzehnten von der Mehrheit für gut befundenen Helden des Rock große Verbrüderungs-Ereignisse. Satisfaction ist für alle da. So funktioniert die sentimentale Eroberung des Geistesraums jenseits der Bevormundung. Sie ist das Prinzip der Popkultur.

Özdemir ahnt nichts

Cem Özdemir ahnt davon nichts. Er hat Koteletten und hört nach eigener Auskunft Led Zeppelin. Und er kommentierte auf der Seite des sozialen Netzwerks Facebook das Foto von Wulff. Ohne die Lebensleistung des Bundesvorsitzenden der Grünen schmälern zu wollen, muss man nach Lektüre dieser Zeilen doch feststellen, dass Özdemir auf dem Feld der populären Theorie nicht gerade der hellste Stein beim Juwelier ist.

Er schreibt: "Eine persönliche Bitte: Liebe konservative Politiker, tut, was ihr wollt, und tut es, wo ihr wollt, aber bitte lasst den Rock 'n' Roll in Ruhe. Erst von und zu Guttenberg bei AC/DC, jetzt Wulffs bei Springsteen." Diese Musik stehe so ziemlich für das exakte Gegenteil konservativer Politik. "Wann stellt Seehofer seine Sex-Pistols-Plattensammlung vor?"

Sofort begann eine Debatte, Özdemir wurde heftig kritisiert. Der treffendste Kommentar stammt vom Journalisten Ulf Poschardt, der bemerkte, dass Horst Seehofer in fast jeder Hinsicht näher an den Sex Pistols sei als die Grünen.

Wem gehört der Rock 'n' Roll?

Dabei geht es im Grunde um etwas anderes, nämlich um die Frage: Wem gehört der Rock 'n' Roll? Özdemir redet wie jemand, dem Elvis Presley zur Geisterstunde erschien, um ihm Excalibur als Zeichen der Eingeweihtheit auf die Schultern zu legen. Und doch weiß der am Fuß der Schwäbischen Alb geborene Özdemir nicht, wie groß das Potenzial des Pop zur Selbsterfindung für Jungs in der Provinz ist.

Özdemirs Sätze sind selbstgerecht und dumm. Denn Rock 'n' Roll ist — inklusive Hardrock und Heavy Metal — per se stockkonservativ. Man sollte Özdemir zwei Alben von AC/DC vorspielen, eins aus dem Jahr 1976, das andere von 2008. Wenn er einen Unterschied hört, wird er mit einer Aufnahme des Konzerts von Ton Steine Scherben in der Mensa der TU Berlin von 1971 belohnt.

So gesehen lag der damalige Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) richtig, als er 2009 ein Konzert von AC/DC besuchte. Er hätte auch zu den Ramones gehen können. Deren Mitglied Johnny Ramone seufzte bei der Aufnahme in die Rock 'n' Roll-Hall of Fame 2002: "Gott segne Präsident Bush."

Gestern ruderte Özdemir zurück: "Wie bereits Friedrich II. gesagt hat: Jeder soll nach seiner Façon selig werden und hören, was er oder sie will." Nun darf man darüber diskutieren, ob es noch Rock 'n' Roll ist, wenn ein Grüner den Preußenkönig zitiert. Oder schon Punk.

Hier geht es zur Infostrecke: Die Affäre Christian Wulff

(RP/gre/csi/pst)