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Gespräch mit Star-Sopranistin: Die große Stimme - La Netrebko

Gespräch mit Star-Sopranistin : Die große Stimme - La Netrebko

Düsseldorf (RP). Sie ist jung und sieht bezaubernd aus. Sie hat Glamour und eine Stimme, die nach der Geburt von Klein-Tiago noch größer geworden ist. Ein Gespräch mit Anna Netrebko über das Leben mit Kind und überflüssigen Pfunden, über Schönheit und Stil, Mode und zu teure Tickets.

Wenn sie die leicht geöffneten Lippen spitzt und den Kopf schräg legt, scheint sie unnahbar, ein wenig gelangweilt. Doch während des Gesprächs in Baden-Baden am Tag nach ihrem umjubelten Auftritt als blinde Königstochter in Tschaikowskys letzter Oper "Jolanthe" wirkt die große, als Jahrhundertstimme gefeierte Diva eher schüchtern. So als ob sie den Rummel um ihre Person nicht ganz versteht.

Sie ist gut gelaunt, hat dieses strahlende Lächeln, das man jungen Müttern gerne unterstellt. Und sie sieht fabelhaft aus im nougatfarbenen, eng auf Taille gegürteten Kleid und den gleichfarbigen High-Heels mit den gedrechselten, atemberaubend hohen Absätzen aus dem Luxus-Designer-Haus Bottega Veneta.

Scheinbar mühelos bekommt sie Kind und Karriere unter einen Hut. "Na ja", meint sie, "ein paar Pfunde zu viel habe ich schon noch. Aber ich esse einfach so gern und mache keine Diät." Fünf Monate nach der Geburt von Tiago stand sie in Sankt Petersburg schon wieder auf der Bühne. Wie hat sie das nur geschafft? "Das war überhaupt kein Problem. Ich bin auf die Bühne gegangen und habe gesungen."

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  • 2008 : Anna Netrebko und Rolando Villazón in "La Bohème"
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Und zum Glück reist Sohnemann gern. "Tiago ist immer bei mir. Er ist jetzt das Wichtigste in meinem Leben und ich nehme ihn zu jedem Engagement mit. Gott sei Dank habe ich stets eine liebe Nanny dabei, so dass mir sehr viel Zeit zwischen den Proben und tagsüber für Tiago bleibt." Die 38-Jährige ist glücklich, eine richtige Familie zu haben. "Wenn ich arbeite und Erwin (ihr Verlobter) gerade Zeit hat, besucht er Tiago und mich und umgekehrt." Das Baby hat ihren Blick auf die Welt verändert. Sie sei empfindlicher, etwas ängstlicher geworden. "Das Leben erscheint mir plötzlich so kurz."

Wie bereitet sich die russisch-österreichische Stimmartistin denn auf Auftritte vor, singt sie, während das Baby schläft? "Natürlich nicht", sagt sie lachend und verrät, dass Tiago erstaunlicherweise ihre Singstimme auch gar nicht so gerne mag. "Da ist sein Vater Erwin klar im Vorteil."

Vor den Aufführungen, die sie in diesem Jahr reduziert, schläft Anna Netrebko "ganz gemütlich aus und lässt den Tag ruhig angehen." Sie vermeidet es, viel zu sprechen und geht manchmal ein wenig spazieren. "Vor dem Auftritt singe ich mich dann eine halbe Stunde ein. Alles andere ist bereits in der Probenzeit vorbereitet worden, so dass ich nur in meine Garderobe zu gehen brauche, mich dort umziehe, Haare und Make-up machen lasse."

Wie sieht ihr tägliches Beauty-Programm aus? "Ich habe nie sehr viel Zeit dafür aufgewandt und mache nur das Minimum: Gesichtscreme, möglichst wenig, denn je mehr man benützt, desto mehr gewöhnt sich die Haut daran. Ich nehme keine Antifaltencremes oder ähnliches. Ein wenig Augen-Make-up und Lippenstift in dezenter Farbe, ich mag kein knalliges Rot. Etwas Puder. Das ist schon alles."

Die Primadonna, die den Glamour in die Opernhäuser zurückgebracht hat, (allein ihr Name verkaufte in Baden-Baden die 2600 teuren Plätze) weiß, wie wichtig gutes Aussehen für den Erfolg ist. Denn das Musikgeschäft funktioniert um so besser, je attraktiver der Star ist. "Natürlich zählt in erster Linie meine Stimme", schränkt sie ein. "Dennoch muss man schon was darstellen, einen eigenen Stil haben."

Wie gut, dass die schöne Russin, die seit 2006 auch den österreichischen Pass besitzt, von Natur aus stilsicher ist. "Ich brauche keine Stylisten, von Mode verstehe ich was, und ich gehe auch gerne mit meinem Mann shoppen."

Kein Wunder, dass sie als Werbeträger so begehrt ist. Was nicht unumstritten ist. Neben dem Hype um den Opernstar Netrebko wird auch kritisch der Umfang ihrer Selbstvermarktung kommentiert. Sie zierte die Titelseiten zahlreicher großer Musik- und Modemagazine und wirbt einträglich für so bekannte Marken wie Chopard, Vöslauer Mineralwasser, Rolex oder Escada. Ganz aktuell ist ihr Auftritt als "Gesicht” der zum Henkel-Konzern gehörenden Kosmetik-Marke Schwarzkopf Brillance.

"Ich lebe intensiv und will diese Intensität auch für meine Haarfarbe", betont sie. Und da sie schon die ein oder andere graue Strähne entdeckt hat, färbt sie ihr "schwieriges, mit Extensions aufgefülltes Haar" nun Schwarz-Rot. Für das Düsseldorfer Unternehmen hat sich Netrebko erstmalig überreden lassen, sogar den Werbesong zu singen. Bedingung: Das Londoner Symphonieorchester musste sie bei den Filmaufnahmen in Kalifornien begleiten.

Es ist ein schmaler Grat zwischen der glitzernden Welt als Pop-Star und der einer klassischen Primadonna. Doch die Sängerin mit der wunderbaren Stimme geht offenbar souverän mit dem Personenkult um. Vielleicht auch, weil sie wirklich singen kann - ohne Verstärker, ohne Mikrophone.

Über ihre Pläne für eine neue CD oder einen neuen Film mag sie nur so viel verraten, dass einige spannende Ideen und Projekte für 2010 auf dem Tisch liegen. "Langweilig wird mir sicher nicht und ich freue mich, die Fans zu überraschen."

In dem Zusammenhang plädiert sie vehement dafür, die Ticket-Preise für Oper und Festspiele (mehrere Hundert Euro teuer) zu senken: Nur so könnten sich auch junge Liebhaber klassischer Musik das Vergnügen gönnen.

Gibt es denn im Hause Netrebko-Schrott gemeinsame Hausmusik? "Nein, aber wir reden natürlich viel über unsere Arbeit, Musik und den Opernbetrieb." Auch wenn sie die Karrieren trennen, wird es einige gemeinsame Projekte auf der Bühne geben, verspricht sie. Spekulationen über ein mögliches Engagement auf dem Wagner-Hügel in Bayreuth mag sie dagegen gar nicht kommentieren.

Eher spröde reagiert sie darauf, dass ein namhafter New Yorker Kritiker sie mit der großen Callas verglichen hat. "Ich finde jeden Vergleich zweier Künstler kritisch, nicht nur den mit Maria Callas. Jeder Mensch ist anders, hat seine Besonderheiten und Eigenheiten." Und La Netrebko geht eben ihren eigenen Weg.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ganz schön propper, Frau Netrebko

(RP)