Spaceman Spiff: Der Musik-Poet

Spaceman Spiff: Der Musik-Poet

Aus einer Laune heraus hat sich der Musiker Hannes Wittmer "Spaceman Spiff" genannt, nach einer in Deutschland fast unbekannten Comicfigur. Seine Lieder sind voller Poesie, seine Facebook-Seite heißt "Sentimentale Scheiße". Ein Porträt.

Es ist ja nicht so, dass jeder Künstler einen Künstlernamen bräuchte, schon gar nicht als Singer-Songwriter – aber Hannes Wittmer brauchte dringend einen. Weil er nicht wie ein gern mit ihm verglichener Kollege 1979 von Weingutbesitzern am Rhein geboren wurde, mit dem klangvollen Namen Gisbert zu Knyphausen. Sondern 1986 vor den Toren Würzburgs, von Eltern namens Wittmer, die ihn Hannes nannten.

Doch "Hannes Wittmer" klingt nach nicht viel und weckt zu allem Überfluss auch noch Assoziationen zum ewigen politischen Liedermacher Hannes Wader.

Also macht Wittmer seine Musik unter dem Namen Spaceman Spiff. Und muss damit leben, dass selbst die größten Musikmagazine ab und zu "Spaceman Spliff" schreiben, in Gedanken offenbar bei einem Astronauten mit riesigem Joint. Dabei ist Wittmers Droge Biojoghurt und Spaceman Spiff eine literarische Figur, das Alter Ego des Schuljungen Calvin aus den Comicstrips "Calvin & Hobbes". Ab und zu verwandelt sich der Sechsjährige in seinem Kopf in einen Weltraumhelden, eben Spaceman Spiff, und bekämpft mit Laserstrahlern, die eigentlich Wasserpistolen sind, Aliens, die eigentlich seine Lehrerin, der Schulrüpel oder seine Eltern sind. Eigentlich.

Lieder: traurig, Sänger: glücklich

Wenn ihm Eindeutigkeit und Mainstream-Tauglichkeit wichtig wären, hätte sich Hannes Wittmer für Bühnen-Zwecke einfach Don Quijote nennen sollen, die Botschaft wäre dieselbe. "Es geht um jemanden, der die Welt durch seine ganz eigene Brille sieht, seinen eigenen Filter darüberlegt." Irgendwas mit Fuchs wäre auch gegangen, wegen seines Heimatdorfs Fuchsstadt und der Klugheit, die seine Texte durchzieht. Doch er mag keine Selbststilisierung – aber Interpretationsspielraum, seine eigene Nerdigkeit und die so sensationell klugen wie komischen "Calvin & Hobbes"-Comics.

Für Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben und Singen vornehmlich trauriger Lieder verdienen, dürfte es sehr verlockend sein, Journalisten etwas vorzuschwindeln von einem Leben als Unverstandener, voller Enttäuschungen, Zurückweisungen und tiefsinniger Lektüre; Bukowski, Nietzsche, Sartre. Aber Wittmer erzählt, er sei ein fröhlicher Mensch und habe sehr glückliche Kindheits- und Jugendjahre verbracht, im schönen Unterfranken zwischen Waldrand und Fußballplatz. "Kein typisches Bildungsbürgerkind, aber schon sehr behütet"; sein Vater ist Beamter, seine Mutter Hausfrau. "Die Leute staunen immer, wenn ich zugebe, wie wenig belesen ich bin", sagt er ohne Koketterie.

Im Alter von 13, 14 Jahren entdeckt er die Gitarre für sich, nimmt vier Jahre lang Privatunterricht, singt in einem Chor und a capella. Belächelt wird er dafür nicht, zumal von seinen Energie auch der Rest der Dorfjugend profitiert, als er mit Freunden ein leerstehendes Pumpwerk zum Club umbaut. Dort proben und spielen nicht nur seine eigenen Bands namens "Gung Fu" oder "Taschenrocker", sondern auch viele andere Bands, die Wittmer an Land zieht.

Ansonsten führt er ein extrem durchschnittliches Dorfjungenleben; bei Frauen hat er nicht besonders viel Erfolg, aber auch nicht besonders wenig. Mit den Bands gewinnt er derweil Preise, sie spielen im Vorprogramm von "Silbermond" – "doch das ist uns zu Kopf gestiegen; und schließlich sind wir auf die Schnauze geflogen". Als Schule und Schülerband Geschichte sind, macht Wittmer seinen Zivi, zieht ins nahe Würzburg und beginnt ein Sportstudium, Schwerpunkt Rehabilitation und Prävention. Doch dass ihn die Arbeit als Physiotherapeut kaum erfüllen wird, merkt er schon nach zwei Semestern. Zu wenig Musik.

Hin- und hergerissen zwischen Würzburg und Hamburg

Die real existierende Würzburger, Wittmersche Inkarnation des selbst im Comic nur imaginären Spaceman Spiff, gibt es seit Ende 2007. Seine Solo-Lieder lädt Wittmer beim damals schwer angesagten Musiker-Portal "MySpace" hoch, seine Profilseite dort nennt er myspace.com/sentimentalescheisse. Weil ihn schon früh die ernste Sorge umtreibt, er könnte sich selbst zu ernst nehmen. Die Rahmenbedingungen sind jedenfalls ideal: In Würzburg ist so viel los, dass so etwas wie eine rege Kleinkunstszene existiert. Und so wenig, dass sich schnell herumspricht, was er macht und dass das so schlecht nicht ist.

Ende 2008 lädt ein Produzent Wittmer spontan ein, mit seiner Gitarre in seinem Studio alle Lieder einzuspielen, die er hat. Nach einer Stunde hat er seinen Teil getan, nach ein paar Tagen beginnt er in seiner Studentenbude "Bodenangst" zu brennen und unters Volk zu bringen. 10, 20, 50 Stück gehen weg, dann 100, 200. Nach vielleicht 500 hat er die Schnauze voll von der Frickelei und das Selbstbewusstsein, weitere 1000 Exemplare professionell pressen zu lassen. Die verkaufen sich nicht ganz so einfach.

Im Frühjahr 2009 zieht Wittmer nach Hamburg. Hin zu den Agenturen, Labels, Clubs, das ist so grob der Plan, Konzertveranstalter werden vielleicht. Vom Musikmachen kann er aber nicht lassen, spielt dutzende Konzerte, meist "für Hut", also gegen Spenden statt Gage. "Oft vor zehn Leuten, von denen acht eigentlich lieber in Ruhe ein Bier trinken und sich unterhalten wollten." Doch die lassen sich immer öfter umstimmen.

Wittmer bildet sich weiter, nimmt am Mini-Studiengang "Popkurs" teil, der schon "Wir sind Helden", "Seeed" und den anfangs erwähnten Gisbert zu Knyphausen hervorgebracht hat. Einen Plan B gibt es nicht. "Lange war es mehr Überleben als Leben", sagt Wittmer über diese Zeit. "Anfangs habe ich schon sehr häufig Cornflakes gegessen..." Doch bald knüpft er Kontakt zu dem Hamburger Independent-Buchverlag Mairisch. Wittmers Poesie ist nur vertont zu haben; dass das nicht so sein müsste, hört Wittmer immer wieder, doch es fällt ihm außerordentlich schwer, das nur als Kompliment zu verstehen. Der Verlag fabriziert jedenfalls sein zweites Album "...und im Fenster immer noch Wetter". Eigenes Geld steckt trotzdem drin; "dafür habe ich meinen Bausparvertrag aufgelöst", sagt Wittmer und lacht, weil das wieder eines dieser vielen Klischees ist, die auf ihn zutreffen.

Langsam, aber stetig immer mehr Erfolg

Es geht ihm sehr gut – auf niedrigem Niveau, versteht sich. Wittmer lebt seinen Traum. Und fühlt sich ziemlich reich dabei, emotional wie finanziell, aber Letzteres heißt nur, dass er nicht mehr abwägen muss, ob er sich seinen Bio-Joghurt auch leisten kann, wenn ihm danach ist. Von fünfstelligen Verkaufszahlen ist er weit entfernt. "Ich hatte und habe aber das Glück, mit meiner Musik langsam, stetig mehr Erfolg zu haben. Es gab noch nie einen Moment, in dem es wieder abwärts ging."

Stattdessen feiert ihn die Süddeutsche Zeitung als "Alltagspoet" mit dem Zeug, zum Held der Generation Y zu werden, der Rolling Stone findet, dass seine Lieder "wie ein Dutzend Teelichter leuchten". 2012 schickt ihn das Goethe-Institut gemeinsam mit dem befreundeten Autoren Finn-Ole Heinrich in die Niederlande, nach Armenien und Island. Seinen eigenen Lebensmittelpunkt wechselt er mehrfach zwischen Hamburg und der hippieartigen Riesen-WG "Dencklerblock" in Würzburg, dazu kommt eine halbjährige Neuseeland- und Weltreise.

Anfang 2014 erscheint sein drittes Album "Endlich Nichts", mit dem er alles richtig macht. Professionell, weil es beim Indie-Branchenprimus "Grand Hotel van Cleef" erscheint, und Wittmer es zugleich geschafft hat, seine Starthelfer vom Mairisch-Verlag mit ins Boot zu holen. Musikalisch breiter, abwechslungsreicher, mit Klavier, Cello, Schlagzeug, Synthesizer – so bedacht eingesetzt wie die wenigen, perfekt platzierten Popkultur-Referenzen. Textlich klug und zwischen Poesie und Lakonie. Inhaltlich von der Weinerlichkeit mancher frühen Lieder befreit, teils zu echter Weisheit gereift. Ein Konzeptalbum ("schlimmes Wort!") über Entschleunigung und Sinnsuche, Angst und Zweifel, kleine Verweigerungen und andere Heldentaten.

Ganz grob gesagt trifft bei Spaceman Spiff klassisches Singer-Songwritertum, Befindlichkeitsmusik à la Philipp Poisel eben, auf die Wucht wahrer Worte über Individuum und Gesellschaft wie von Peter Licht höchstpersönlich kombiniert. Pathos ist da nicht immer vermeidbar, Schwurbel bemerkenswert oft. Die Vagheit in den Versen von Spaceman Spiff ist nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln; sie passen für jeden Hörer auf andere Situationen, aber immer unheimlich genau. "Wir bewerfen uns mit Schnee von gestern", heißt es da etwa. "Und du wirfst wie ein Mädchen / aber triffst, wo es weh tut."

Keine Wohnung, nur Zugtickets und ein verbeulter Peugeot für die Wege zum Konzert

Im November spielt er 23 Konzerte in ganz Deutschland. Dabei kann und wird alles mögliche passieren, nur zweierlei ganz sicher nicht: Dass der unprätentiöse junge Mann mit den gemäßigt wilden Locken sich zu ernst nimmt. Oder seine Musik nicht ernst genug. Denn einmal hatte er auf der Bühne gestanden, gesungen und gespielt und gesehen, dass ein Mädchen im Publikum vor lauter Rührung weinte. Und im selben Moment bemerkt, dass er selbst gerade darüber nachdachte, ob er wohl noch genügend saubere Unterwäsche für die nächsten Tage dabeihatte. Das erschreckte ihn, das ließ ihn überlegen, ob er zu dem abgeklärten Profimusiker geworden war, der er nie sein wollte.

"Keine Bange, Hannes, bist du nicht!", möchte man ihm zurufen, nicht nur, weil er so ehrlich von diesem Moment erzählt. Sondern auch, weil er noch immer so viel riskiert und dabei stets reflektiert. Dafür spricht etwa seine aktuelle Lektüre, Berthold Seligers "Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht". Und sein Auto, der Peugeot-Kombi mit 250.000 Kilometern auf der Uhr, den er liebevoll "Jean-Jacques" nennt und der es unerklärlicherweise gerade noch einmal durch den Tüv geschafft hat. Und seine Wohnung. Die es im Moment nicht gibt, weder in Würzburg noch in Hamburg noch sonst irgendwo. Mit wenig mehr als seiner Gitarre ist Hannes Wittmer einfach unterwegs zum nächsten Konzert. Er braucht nicht viel; nur weiter ein wenig Rückenwind und seine Musik. Die kann ein wunderbares Zuhause sein. Für ihn und viele andere.

Konkrete Probleme löst das Hören dieser Musik natürlich nicht. Aber es könnte den Boden bereiten für Besserung, ähnlich wie die Liebe. Dass beides so wenig greifbar ist, macht es ja zugleich auch so unangreifbar. In den Worten von Spaceman Spiff: "Denn auch wenn alle Photonen der Welt / das nicht erleuchten können / können alle Kanonen der Welt das nicht zerstör‘n."

Spaceman Spiff spielt am Dienstag, 18. November im Forum Freies Theater in Düsseldorf. Tickets kosten rund 10 Euro und sind hier erhältlich.

(tojo)