Der Graf geht nach Hause

Der Kopf von Unheilig verabschiedet sich : Der Graf geht nach Hause

Es ist das vielleicht letzte Interview. Eigentlich möchte Der Graf nämlich nichts mehr sagen. Aber er willigt ein: gut, ein Gespräch noch, per Email. Der Graf ist der in Aachen lebende Songschreiber und Sänger von Unheilig. Die Band gilt als eines der erfolgreichsten Pop-Phänomene in Deutschland.

Wie darf ich Sie ansprechen? Mit Herr Graf?

Der Graf Mir ist eine harmonische Umgebung und Ansprache wichtig. Daher gerne das "Du". Gerne auch "du Graf". So spricht mich auch jeder aus meiner Band oder meinem Umfeld an. Also einfach: "du Graf".

Du, Graf: Darf ich eine alberne Frage stellen?

Der Graf Bitte.

Dein Markenzeichen, die Dreiecke am Kinn: Trägst Du die auch im Alltag?

Der Graf Der Graf ist eine Kunstfigur, die ich vor 15 Jahren erfunden habe, und der Dreiecksbart gehört dazu. Genau wie das weiße Hemd, die schwarze Krawatte und der schwarze Anzug. Im Alltag laufe ich ganz normal herum. Dann hängt der schwarze Anzug im Schrank.

Warum beendest Du Deine Karriere?

Der Graf Die Entscheidung aufzuhören ist über etliche Wochen und Monate gereift. Mit dieser Gewissheit habe ich das neue Album geschrieben und produziert. Die neuen Songs fühlen sich nun so unglaublich frisch und toll an, dass ich spüre, dass ich das musikalisch beste und emotionalste Unheilig-Album in meiner gesamten Karriere geschrieben habe. Ich habe immer gesagt, dass ich am Gipfel meiner Karriere aufhören möchte, und ich spüre, das dieser Moment gekommen ist. Zudem ist es so, das ich mehr Zeit mit meiner Familie verbringen möchte. Ich war als musikalischer Langzeitreisender über viele Jahre verreist und möchte endlich wieder zu Hause ankommen, ohne Kompromisse.

Hast Du denn keine Angst davor, so zu werden wie die Hauptfigur von Nick Hornbys Roman "About A Boy": gelangweilt in einem Leben, das durch einen Hit der Vergangenheit abgesichert ist?

Der Graf Nein, diese Befürchtung habe ich nicht.

Was wirst Du tun mit all der Zeit?

Der Graf Ich werde das Leben auf mich zukommen lassen und mit meiner Familie die Zeit genießen. Ich muss zuerst all die vielen Dinge des Alltags aufarbeiten, die in den letzten Jahren liegen geblieben sind. Das sind ganz einfache und normale Dinge, wie einfach mal seine Freunde und Verwandten besuchen. Aber erst einmal möchte ich mich auf meinen musikalischen Abschied und die vielen Momente mit den Fans konzentrieren.

Bist Du ein gläubiger Mensch?

Der Graf Ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Allerdings glaube ich auf meine Art an Gott und brauche für meine Art zu Glauben keine von den bekannten Religionen. Ich bete jeden Tag für mich zum lieben Gott und übe meinen Glauben frei aus.

Der Massenerfolg kam spät in Deiner Karriere. Wie erklärst Du Dir die unverhoffte und verzögerte Zuneigung der Menschen?

Der Graf Manchmal meint es das Leben auf seine eigene Art und Weise eigenartig mit einem. Für den einen ist es ein Segen und für den anderen wiederum ein Fluch. Ist Massenerfolg ein positives Merkmal? Rätsel über Rätsel, die sich manchmal auftun und man weiß nie, was der liebe Gott damit meinte und warum er uns dafür auserwählte. Ich war nie gut, um in eine Glaskugel zu schauen. Ich nehme das Schicksal so an und finde meinen Frieden mit der Situation.

In Deinen Konzerten weinen viele Menschen. Irritiert Dich das?

Der Graf Das irritiert mich nicht. Unheilig-Konzerte sind für emotionale Achterbahnfahrten bekannt. Ich versuche, die Menschen mit in meine Lieder einzubeziehen, und die Menschen identifizieren sich mit meinen Texten. Deswegen feiern sie bei schnelleren Songs und weinen bei Balladen. Die meisten meiner Songs sind autobiografisch und aus dem wahren Leben gegriffen. Ich habe immer gesagt, dass ich wie alle anderen Menschen bin. Vielleicht erkennen die Menschen das, und vielleicht ist es auch der Grund, warum die Menschen meine Texte und die Botschaften verstehen, die ich mit meinen musikalischen Worten besinge.

Wäre das nicht etwas: ein Buch schreiben?

Der Graf Nach der Veröffentlichung meiner Autobiographie vor zwei Jahren habe ich begonnen, ein Kindermärchen zu schreiben. Ich habe bereits ein dickes Skript fertig. Ich weiß aber nicht, ob es das Licht der Welt erblicken wird. Vielleicht schenke ich es ja jemanden, und der kann es veröffentlichen.

Welche Musik hörst Du privat? Und welche Bücher liest Du?

Der Graf Ich schaue sehr gerne gute Kinofilme und DVD´s. Bücher lese ich sehr selten. Musik mag ich wirklich sehr viel aus den unterschiedlichsten Musikrichtungen. Nur bei Marschmusik muss ich leider die Lautstärke in Richtung "null" runterdrehen. Ansonsten mag ich wirklich fast alles und freue mich immer über innovative neue Musik und künstlerische Momente.

These: Deutschsprachige Musiker werden eher als Texter wahrgenommen denn als Komponisten.

Der Graf Ich habe immer kommuniziert bekommen, dass man mit deutschsprachiger Musik nicht erfolgreich werden kann. Das wurde mir vor 15 Jahren gesagt, und erst neulich noch erklärten mir Musikfachangestellte, dass deutschsprachige Musik "out" ist. Mir ist egal, was andere Menschen denken und meinen. Ich glaube an meine Ziele und Träume und gehe meinen Weg mit der Musik. Ich singe in der Sprache in der ich träume und in der ich mich ausdrücken kann.

Auf Deinem neuen Album finden sich Stücke, die nach den Depeche Mode der 80er Jahre klingen. Würde es Dich nicht reizen, unter anderem Namen, sozusagen inkognito, eine "kleine" Platte zu machen, auf der Du experimentieren kannst?

Der Graf Nein, das wäre nichts für mich. Dann wäre ich trotzdem immer noch voll bei der Sache und würde mich nicht auf meine Familie konzentrieren, sondern wäre doch wieder der Musiker. Ich brauche den klaren Schnitt und Abstand. Ich bin ein Mensch der "Extreme". Ich kann eine Sache nicht nur halb erledigen und mache parallel eine andere Sache. Das wäre nicht Der Graf. Daher muss ich das ausschließen.

Viele Popstars haben eine Tournee als definitiv letzte angekündigt. Meist folgten dennoch weitere.

Der Graf Für mich wird es keinen Rücktritt vom Rücktritt geben. Ich kann das definitiv ausschließen. Am 10. September 2016 werde ich mein musikalisches Abschiedskonzert im Rhein-Energie-Stadion in Köln geben, und danach werden Unheilig nie wieder die Bühnen dieser Welt betreten. Die Zeit wird meine Entscheidung untermauern, und die Menschen werden dies erkennen.

An was sollen sich die Menschen erinnern, wenn sie in 25 Jahren an den Grafen zurückdenken?

Der Graf Es wäre schön, wenn sich die Menschen an die Musik und an die Botschaft der Unheiligen Musik erinnern würden. Jeder Song trägt eine positive Botschaft mit sich. Es wäre toll, wenn die Musik noch viele Jahre in den Herzen der Menschen weiter leben würde. Das wäre das Schönste. An mich braucht sich keiner zu erinnern.

Graf, ich bedanke mich bei Dir.

Der Graf Ich möchte mich bei Dir bedanken und möchte mich auch bei den vielen Menschen und Fans bedanken, die mich und Unheilig in ihr Herz geschlossen haben und diesen langen Weg mit uns gegangen sind. Ich umarme Euch alle, Euer Graf.

Tickets für das Abschiedskonzert 2016 von Unheilig bei westticket.de.

(RP)