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Der größte Popstar der Welt: Das Geheimnis von Lady Gaga

Der größte Popstar der Welt : Das Geheimnis von Lady Gaga

(RP). Es gibt sie seit zwei Jahren. Doch sie ist bereits der größte Popstar der Welt. Eine Milliarde Menschen riefen ihre Videos im Internet auf, 40 Millionen kauften ihre Lieder: Wie macht die 24-jährige Stefani Joanne Angelina Germanotta das? Vielleicht hat sie die Strukturen der Gegenwart durchschaut.

Das amerikanische Magazin "Time" hat eine Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt veröffentlicht. Im Bereich Kunst wird Lady Gaga an erster Stelle geführt. Die Laudatio liefert die in den 80er Jahren populäre Sängerin Cyndi Lauper ("Time After Time"). "Der Job des Künstlers", schreibt Lauper, "besteht darin, einen Schnappschuss zu machen. Er muss in Worten, durch Klang oder mit einer Skulptur erklären, wie es sich anfühlt, zu einer bestimmten Zeit zu leben. Lady Gaga verkörpert unsere Gegenwart. Sie selbst ist die Kunst. Sie ist die Skulptur."

Im August 2008 trat Lady Gaga ins Licht der Öffentlichkeit. In nur zwei Jahren verkaufte sie 15 Millionen Alben und 40 Millionen Singles. Sie hat 10 Millionen Freunde bei Facebook. Ihre Videos bei Youtube wurden von einer Milliarde Menschen angeklickt. Es geht offenbar eine enorme Faszination von dieser Frau aus, die in Manhattans vornehmer Upper West Side aufwuchs, bürgerlich Stefani Angelina Germanotta heißt und erst 24 Jahre alt ist.

Lady Gaga ist die einzige totale Künstlerin der Welt. Die meisten Popstars unterscheiden zwischen Bühnen- und Privatexistenz. Madonna etwa kennt man als perfekte Entertainerin und als krisengeplagte Ehefrau und Mutter. Bei Lady Gaga gibt es diese Differenz nicht. Was privat ist, ist alt: dass ihr Vater in der IT-Branche arbeitet, dass sie eine katholische Mädchenschule besuchte, dass sie kurze Zeit an einer Kunstschule studierte. Neuigkeiten über sie gehören ausnahmslos zur Inszenierung — Frau Germanotta ist im Konzept Lady Gaga verschwunden.

Lady Gaga ist nicht sympathisch. Kälte umgibt sie, sie wirkt desinteressiert. Ihre Verkleidungen sind Rüstungen, die das Publikum auf Abstand halten sollen. Das macht es ihr möglich, die Aura des Geheimnisvollen zu bewahren. Viel ist von Provokation die Rede, wenn über sie gesprochen wird. Aber bei genauerer Betrachtung merkt man: Sie provoziert nicht. Womit denn auch? Mit knappen Kleidern? Mit Gewaltszenen in Videoclips? Das funktionierte zuletzt vor 15 Jahren. Lady Gaga irritiert. Sie bezieht ihre Inspiration nicht aus Pornografie und Perversion, sondern aus dem Reich der Fantasie und der Künstlichkeit. Sie zitiert, lässt anklingen, verweist. Sie verwirrt mit allen Sinnen alle Sinne. Wenn sie erotisch aussieht, dann auf klinische Weise: ohne Verführungsabsicht auf ihrer und ohne Hingabegelüste auf unserer Seite.

Was sie macht, ist so neu und abwegig, dass niemand ihren Stil imitiert. Es gibt in den Fußgängerzonen Frauen, denen man ansieht, dass sie Amy Winehouse verehren oder Pink. Aber nirgends eine Lady-Gaga-Kopie. Die Kunst von Lady Gaga lässt sich bestaunen, aber nicht vereinnahmen. Die betont einfach gehaltenen Songs sind nur ein Detail der viel umfassenderen Selbststilisierung. "Paparazzi" und "Alejandro" wirken so effektiv wie Rauschgift. Nach 20 Sekunden kommt der Refrain. Ob man sie gerne hört oder nicht, die Musik setzt sich im Hirn fest. Sie geht an die Synapsen. Sie gibt ihre Wirkstoffe nicht in mehreren Dosen ab, sondern auf einmal und sofort. Sie fächert vor dem inneren Auge die bekannten Bilder von Lady Gaga auf, die Geschichten. Es ergeht einem mit den Songs wie mit den Liedern aus der Cola-Werbung: Man hört sie und hat Durst. Durst auf Lady Gaga. Sie ist die Neurologin unter den Stars der Unterhaltungsindustrie. Sie ist der erste dreidimensionale Star der Popgeschichte.

Dabei verachtet Lady Gaga die Pop-Historie. Sie benutzt sie lediglich als Ersatzteillager, aus dem sie ihr Werk zusammensetzt. Sie schlachtet sie aus. Madonnas Platten folgen einem Thema, einer Idee oder einem Konzept. Sie schielen nach der Ewigkeit. Die Songs von Lady Gaga funktionieren wie Zeitschriften: Entertainment für den Augenblick. Ihre Alben haben keine Aussage, sind lediglich Großpackungen voller Hits. Wenn sie einen neuen Song veröffentlicht, ist das Vorgängerwerk so alt wie die "InStyle" vom letzten Monat.

Andy Warhol steht ihr näher als die Beatles. Ihr einziges Stilprinzip ist die Modifizierung. Warhol hatte seine "Factory", die Kunstfabrik. Lady Gaga leitet das "House Of Gaga", in dem Kunststudenten, Designer und Werber sieben Tage die Woche die Gegenwart analysieren, Trends und Tendenzen zu erkennen versuchen, und sie für die Chefin verwertbar machen.

"Als ich sie einmal traf, fühlte es sich an, als falle der Staub von mir ab", schreibt Cyndi Lauper im "Time"-Magazin. Lady Gaga anzusehen heißt: aus dem Fenster in die Zukunft blicken.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So gaga war die Lady noch nie

(RP)