1. Kultur
  2. Musik

"Daddy's Home": das neue Album von St. Vincent

Album „Daddys Home“ : St. Vincent lässt die 70er-Jahre neu klingen

Endlich mal wieder eine großartige Pop-Platte: Auf „Daddy’s Home“ erfindet die amerikanische Musikerin St. Vincent ein alternatives New York.

Es gibt Musiker, die möchte man unbedingt gut finden, denn man schätzt sie für ihre Persönlichkeit, ihre Ideen und für den Geist, den sie in die Welt bringen. Nur leider sind ihre Platten mitunter zu verkopft, zu sehr Konzept. Man kann sich zwar gut über sie unterhalten, aber man legt sie nach dem erwartungsvollem ersten Hören dann doch lieber nicht mehr so oft auf.

Annie Clark ist eine Musikerin, auf die all das zutrifft. Sie nennt sich St. Vincent, und ihre Alben sind oft eine Spur zu ausgefeilt und zu durchdacht. Mehr Kopf als Hüfte, und wer sich anhört, wünscht sich gleich Stift und Zettel, um alle Bezüge und Referenzen notieren zu können. Dabei ist St. Vincent eine der coolsten Künstlerinnen zurzeit, sie hat Funk und Groove, sie erhebt sich über sexuelle Zuschreibungen und feiert das Fluide. Zu jeder neuen Veröffentlichung liefert sie eine Geschichte mit, die sie an eine jeweils andere Bühnenfigur koppelt: von der verzweifelten Hausfrau in der Vorstadt bis zur Domina in Pink.

Nun erscheint ihre sechste Platte, sie heißt „Daddy’s Home“, und es ist die erste, bei der das Pathos der Stücke nicht uneigentlich wirkt, nicht als Augenzwinkerei Distanz zwischen Künstlerin und Werk bringen soll. St. Vincent entwirft hier gemeinsam mit Co-Produzent Jack Antonoff (Taylor Swift, Lana Del Rey) das New York der 1970er Jahre neu. Sie tritt auf wie eine Figur, die Gena Rowlands in den Filmen von John Cassavetes gespielt hat: noch ganz die Diva, aber der Glamour ist schon ein bisschen ramponiert, die Nylons haben Laufmaschen, der Lidstrich ist von Tränen verwischt.

  • Rudi Esch und Maxie Ernst im
    Düsseldorferin entdeckt kostbare Platte : Urdenbacherin stieß auf kostbare Platte
  • Pink Floyd brechen 1972 zu ihrer
    Die grandiose Maßlosigkeit der britischen Band : Pink Floyd und das Echo der Welt
  • David Gilmour auf der Bühne im
    David Gilmour : Das Herz von Pink Floyd wird 75

Es gibt Anleihen an Prince, an die weiten Klangwelten Pink Floyds, an Bowie und die Steve Miller Band. „Live In The Dream“ ist eine wunderbare Traumwandler-Ballade, die sich den Anfang von „Comfortably Numb“ borgt: „Hello?“. „Down And Out In Downton“ schwebt auf einer gänzlich unironischen Melodie ein, die durch Sitars geradezu spirituell anmutet. Und ganz groß ist „The Melting Of the Sun“, das zunächst an Stevie Wonder denken lässt und wie in einer Nussschale St. Vincents Entwurf eines alternativen Seventies-Downtown fasst.

Bisher wusste man nie so recht, ob St. Vincent in ihren jeweiliggen Inkarnationen eine Hommage im Sinne hat oder eine Persiflage. Auf „Daddy’s Home“ hat sie die Unmittelbarkeit für sich entdeckt. „If life’s a joke“, singt sie, „then I’m dyin’ laughin’“.